Wie lässt sich das deutsche Gesundheitswesen verbessern?

15/07/2015
Foto: Stethoskop liegt auf Geldscheinen

Interessante Impulse für das deutsche Gesundheitswesen zieht Prof. Dr. Andreas Schmid aufgrund vergleichender Untersuchungen mit den USA; © panthermedia.net/Ralf Kalytta

Eine kontinuierliche Überprüfung der Qualität in der medizinischen Versorgung, die zielgenaue "Steuerung" der Patienten durch ein häufig unübersichtliches Gesundheitssystem und generell eine größere Offenheit für innovative Ansätze – unter diesen Aspekten können von Best-Practice-Beispielen in den USA interessante Impulse für das deutsche Gesundheitswesen ausgehen.

Worin unterscheiden sich das deutsche und das U.S.-amerikanische Gesundheitssystem, wenn es um den Zugang zu medizinischen Dienstleistungen, die Kooperation medizinischer Einrichtungen und einen effizienten Umgang mit finanziellen Ressourcen geht? Welche Auswirkungen hat die als "ObamaCare" bekannt gewordene Gesundheitsreform in den USA? Mit diesen Fragen befasste sich eine von der Stiftung Münch geförderte Exkursion des Masterstudiengangs "Gesundheitsökonomie" an der Universität Bayreuth unter der Leitung von Prof. Dr. Andreas Schmid. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer besuchten im März 2015 namhafte Forschungseinrichtungen, Krankenhäuser und Versicherungsunternehmen in den USA und erhielten dabei Einblicke in zahlreiche Best-Practice-Beispiele medizinischer Versorgung.

Anknüpfend an die Ergebnisse dieser Exkursion hat sich Schmid grundsätzlich mit der Frage befasst: Was kann und was sollte das deutsche Gesundheitssystem von den USA lernen? Die Ergebnisse sind in eine Studie eingeflossen, die jetzt von der Stiftung Münch unter dem Titel Netzwerkmedizin – Impulse für Deutschland aus den USA veröffentlicht worden ist.

"In den USA haben wir einige sehr interessante Beispiele dafür kennengelernt, wie Krankenhäuser, Arztpraxen und andere Dienstleister so miteinander vernetzt sind, dass die Patienten schnell die jeweils erforderliche Behandlung erhalten", erklärt Schmid. Damit würden die Chancen für eine optimale Versorgung und zugleich die ökonomische Effizienz steigen. "Von solchen Beispielen einer zielgenauen ‚Steuerung‘ der Patienten durch ein häufig unübersichtliches Gesundheitssystem können wir in Deutschland manches lernen."

In diesem Zusammenhang nennt der Bayreuther Gesundheitsökonom die elektronische Gesundheitsakte ("Electronic Health Records"), die in den USA stark gefördert wurde und hier zu einer verbesserten Zusammenarbeit von Ärzten und Patienten beiträgt. Die Vorteile der Digitalisierung sollten nach seiner Auffassung auch in Deutschland stärker genutzt werden, um behandelnden Ärzten den Zugang zu medizinisch relevanten Patientendaten zu erleichtern und kostspielige Mehrfach-Untersuchungen zu vermeiden. Dies müsse selbstverständlich mit einem sorgfältigen Schutz der elektronisch gespeicherten Daten einhergehen.

Ein weiterer Aspekt ist die kontinuierliche Überprüfung der Qualität in der medizinischen Versorgung. Von den Patient Centered Medical Homes (PCMH) in den USA, die einen ganzheitlichen Ansatz bei der Betreuung der Patienten verfolgen und auf eine Integration der medizinischen Dienstleistungen hinarbeiten, könnten – gerade auch im Hinblick auf die damit verbundene Qualitätssicherung – interessante Impulse für das deutsche Gesundheitswesen ausgehen. Die Studie weist zudem darauf hin, dass es in den Vereinigten Staaten zahlreiche Beispiele für wirtschaftlich erfolgreiche Regionalstrukturen in der medizinischen Versorgung gibt. Die Gesundheitspolitik in Deutschland solle sich dadurch ermutigt sehen, regionale Cluster und eine damit einhergehende Vielfalt der Dienstleister stärker zu fördern; Tendenzen zu einer den Wettbewerb schwächenden Konzentration müsse sie nachdrücklich begegnen und wo möglich unterbinden.

Generell plädiert die Studie dafür, dass das deutsche Gesundheitswesen offener und flexibler auf neue Ideen und Entwicklungen reagieren solle – sei es in der Versorgung von Patienten oder bei der Vergütung medizinischer Dienstleistungen. "Wir sind bei der Weiterentwicklung des Gesundheitswesens immer noch zu halbherzig, obwohl uns der demografische Wandel und der medizinische Fortschritt schon bald vor schwierige Herausforderungen stellt", meint Schmid. "Wenn wir diese Probleme so lösen wollen, dass möglichst viele Patienten eine qualitativ hochwertige Versorgung erhalten, müssen wir mehr als bisher bereit sein, neue organisatorische und ökonomische Ansätze zu erproben."

Dies betont auch Stephan Holzinger, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Münch: "Durch die Studie von Herrn Schmid sehen wir einzelne Aspekte des Netzwerkmedizin-Konzepts bestätigt, das Eugen Münch als unternehmerisches Konzept für das deutsche Gesundheitssystem entwickelt hat. Wir wissen um den eher schlechten Ruf von ObamaCare. Aber es wäre falsch, die Reform voreilig abzuschreiben. Es lohnt sich ein genauer Blick auf das, was wir in Deutschland womöglich daraus lernen können."

MEDICA.de; Quelle: Universität Bayreuth

Mehr über das Projekt lesen Sie unter: www.uni-bayreuth.de