Wie sieht die Sportmedizin im Jahre 2030 aus?

Interview mit Prof. Dr. med. Herbert Löllgen, Chairman, Scientific & Educational Committee | EFSMA, Honorary President | German Federation of Sports Medicine

15.11.2016

Medizin und Technologien entwickeln sich stets weiter. Auch in der Sportmedizin kommen diese beiden Themen zusammen. Viele Sportler und Sportmediziner nutzen zum Beispiel Wearables, um Ergebnisse zu kontrollieren. Werden diese Technologien die Arbeit von Ärzten im Jahre 2030 revolutionieren können? Welche Nachteile strecken hinter der Digitalisierung?

Bild: Prof. Herber Löllgen; Copyright: privat

Prof. Herber Löllgen; © privat

MEDICA.de hat bei Prof. Löllgen nachgefragt. Auf der MEDICA MEDICINE + SPORTS CONFERENCE wird er zusammen mit anderen Experten über das Thema Sportmedizin der Zukunft diskutieren.

Herr Prof. Löllgen, inwiefern kommen Technologien, wie zum Beispiel Smartphones und Fitnesstracker, bereits in der heutigen Sportmedizin zum Tragen?

Prof. Löllgen: Sie kommen zum Teil zum Tragen – sowohl für Leistungs- als auch für Freizeitsportler. Für Freizeitsportler sind es Hinweise, wie man trainieren und das Training gestalten kann. Dabei helfen zum Beispiel Pulszeitmesser. Diese Wearables sind aber nicht immer zu 100 Prozent exakt. Leistungssportler bevorzugen Brustgurte, da diese sehr viel genauer sind. Auch nutzen viele Apps fürs Smartphone, um ihre Leistungen zu kontrollieren. Erfahrungsgemäß lässt die Nutzung nach zwei bis drei Monaten nach.

Wie sieht es im Jahre 2030 aus? Was denken Sie, wird die Behandlung von Patienten verändern? Welche Rolle wird die Digitalisierung spielen?

Löllgen: Die Behandlung im Jahre 2030 wird sich meines Erachtens gewaltig ändern. Allein durch die elektronische Patientenkarte und die elektronische Krankenakte. Dadurch wird es zu einer Reduzierung der Akten in Papierform kommen. So können Ärzte und Pflegekräfte in Krankenhäusern effizienter zusammenarbeiten, da alle Daten, wie Röntgenbilder und Untersuchungsergebnisse, in digitaler Form sofort vorliegen. Ich sehe diesen Wandel aber auch im ambulanten Bereich.

Außerdem hat der Patient durch die Digitalisierung seine Patientenakte quasi immer dabei, sollte er seinen Arzt wechseln, eine Zweitmeinung einholen oder es zu einem Notfall kommen. So kann auch vermieden werden, dass Medikamenteninteraktionen eintreten. Ärzte sind dann im Bilde, welche Medikamente bereits genommen werden und können dementsprechend weitere Tabletten oder ähnliches verschreiben, ohne dass eine Unverträglichkeit oder Überdosierung auftritt.

Sehen Sie auch mögliche Gefahren oder Nachteile der Entwicklung hin zu mehr Technisierung?

Löllgen: Es gibt bereits einige Nachteile. Bisher ist es – laut Medienberichten - schon des Öfteren vorgekommen, dass Krankenkassen Geräte wie Fitnesstracker ihren Patienten zur Verfügung stellen. Die Kassen können dann ungehindert über die Daten verfügen und diese kontrollieren. So kam es auch schon dazu, dass die Kasse sieht, wie gesund oder ungesund sich der Versicherte verhält und dementsprechend die Prämie erhöht wurde - Bonus oder Malus. Allerdings sind auch viele Menschen heutzutage schon dazu bereit, ihre Daten einfach preiszugeben. Dies sieht man allein durch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen wie bei Facebook. Daran müssen Datenschützer auch im Bereich der Wearables noch einiges verbessern.

Bild: Prof. Herbert Löllgen während der Panel Discussion auf MEDICA MEDICINE + SPORTS CONFERENCE; Copyright: beta-web/Günther

Prof. Löllgen (zweiter von rechts) diskutiert mit anderen Teilnehmern auf der MEDICA MEDICINE + SPORTS CONFERENCE über das Thema Sportmedizin im Jahre 2030; © beta-web/Günther

Wie können Technologien in Zukunft zur Prävention beitragen?

Löllgen: In etwa 10 bis 15 Jahren dürften Technologien, meiner Vorstellung nach, der Inbegriff der Prävention sein. Mit Sport, einer gesunden Ernährung und der Vermeidung von gesundheitsschädigenden Konsumgütern wie Zigaretten und Alkohol kann man schon jetzt vielen Krankheiten vorbeugen. Wearables, wie Apps für Smartphones, kontrollieren diesen Lebensstil. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass Sportärzte in der akuten Krankenhausklinik als Konsiliarärzte tätig sein werden und zum Beispiel bei der Entlassung dem Herz- oder Tumorpatienten genau sagen, was für ein Trainingsprogramm er machen soll. Wir wissen, dass ein solches Trainingsprogramm bei der Prävention bestimmte Krankheiten bis zu 50 Prozent verhindern kann.

Sie werden am Dienstag auf der MEDICA MEDICINE + SPORTS CONFERENCE an einem Panel zum Thema Future Sports teilnehmen. Welche Themen sind für Sie wichtig?

Löllgen: Ich werde in meinem Vortrag auch etwas dazu sagen, wie die Sportmedizin in 20 oder 15 Jahren aussehen kann. Ich bin der Meinung, dass es stärker in den Krankenhausbereich gehen muss. Dazu ist aber die Voraussetzung, dass die Approbationsordnung ermöglicht, dass der Medizinstudent schon Sportmedizin im Studium lernen kann. Das ist bisher nicht der Fall, da sehe ich ein großes Defizit. Außerdem müssen wir darüber nachdenken, wie wir Patienten zu einem besseren Lebensstil motivieren können. Ich werde des Weiteren auf das Thema Demenz eingehen, weil ich persönlich der Meinung bin, dass im Augenblick körperliche Aktivität das einzige ist, was Demenz verhindern kann. Diese präventiven Maßnahmen müssen stärker umgesetzt werden.

Mehr zur MEDICA MEDICINE + SPORTS CONFERENCE
Foto: Lorraine Dindas; © B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Lorraine Dindas.
MEDICA.de