Wissenschaftler lassen Ärzte bei Mittelohr-OPs mithören

12.08.2016

Die Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden hat eine Methode entwickelt, mit der ein Operateur noch während des Eingriffs prüfen kann, ob er künstliche Gehörknöchelchen erfolgreich eingesetzt hat.

Bild: Graphische Darstellung eines Ohres, das Musik empfängt; copyright: Panthermedia.net/ingridat

Um ein realistisches Bild von dem Höreindruck zu bekommen, den der Patient nach der OP erwarten kann, nutzen die Ärzte und Wissenschaftler Musik; © Panthermedia.net/ingridat

Nach langjähriger Forschungsarbeit hat das Team um Klinikdirektor Prof. Thomas Zahnert nun die weltweit erste Messmethode entwickelt, bei der der Operateur schon während der Operation bei noch geöffnetem Trommelfell die Funktion der implantierten Gehörknöchelchen überprüfen kann. Die bisher an Modellen erprobte Methode wurde bereits mehrfach erfolgreich im Operationssaal eingesetzt und nun in einer großen klinischen Studie bei Operationen von schwerhörigen Patienten überprüft. Um weitere Innovationen in diesem Bereich voranzutreiben, haben das Universitätsklinikum und die Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus eine neue praxisorientierte Professur für Translationale Experimentelle Otologie eingerichtet. Der erfahrene Facharzt und Forscher Marcus Neudert will hier für bestehende klinische Probleme mit seinem Team Lösungen finden, diese weiterentwickeln und rasch zur Anwendung zurück in die Klinik bringen.

Die als Hammer, Amboss und Steigbügel bezeichneten Gehörknöchelchen verbinden das Trommelfell mit dem Innenohr. Diese ausgeklügelte Mechanik müssen HNO-Ärzte vor allem dann ganz oder in Teilen ersetzen, wenn starke Mittelohrentzündungen die Knöchelchen zerstört haben. Die HNO-Ärzte nutzen dafür Prothesen, die in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter perfektioniert wurden. "Die wenige Millimeter großen Prothesen werden unter dem Mikroskop in das Mittelohr eingesetzt. Die dazu notwendigen Fähigkeiten muss ein Operateur über Jahre erlernen", erklärt Prof. Zahnert.

Bisher ließ sich der Erfolg einer solchen OP erst nach dem Verschließen des Trommelfells und dem Verheilen der Wunde überprüfen: "Beim Einsetzen der Prothese führen bereits Abweichungen von einem zehntel Millimeter zum Hörverlust von zehn bis 20 Dezibel", erklärt Prof. Marcus Neudert, seit wenigen Monaten Inhaber der Professur für Translationale Experimentelle Otologie, die hohen Anforderungen an die operierenden HNO-Ärzte. Deshalb hat das von ihm geleitete „Forschungslabor Gehör“ immer wieder an der Form der Prothese und ganz besonders den Übergängen zu den anderen Elementen des Mittelohrs geforscht. Die so erzielten Innovationen haben zwar den Einsatz der Prothesen verbessert – doch die geforderte Präzision bei den Operationen ist nach wie vor eine große Hürde.

Um die Erfolgsquote bei dem Ersatz von Gehörknöchelchen zu erhöhen, schlug das Forscherteam der Dresdner HNO-Uniklinik einen ganz neuen Weg ein. Es begann nach Möglichkeiten zu suchen, die Funktion des rekonstruierten Mittelohrs bereits während der Operation zu überprüfen. Weil der HNO-Arzt das Trommelfell bei dem Eingriff nur soweit öffnet, dass es zur Hälfte aufgeklappt wird, entstand die Idee, die Funktion der Gehörknöchelchenkette vor dem Wiederverschluss zu testen. Dazu versetzt der Operateur über einen Magneten das Trommelfell in Schwingungen. Die weitergeleiteten Bewegungen werden dann am Steigbügel wieder abgenommen. Um ein realistisches Bild von dem Höreindruck zu bekommen, den der Patient nach der OP erwarten kann, nutzen die Ärzte und Wissenschaftler Musik. "Der Operateur hat deshalb einen Kopfhörer auf, um selbst zu hören, was der Patient wahrnehmen wird. So ist es möglich, die Position der Prothesen so lange zu verändern, bis sich ein bestmöglicher Höreindruck ergibt", erklärt Prof. Zahnert: "Wir erwarten, dass unsere Methode als qualitätsverbessernde Maßnahme in Zukunft die Regel bei der Implantation von künstlichen Gehörknöchelchen wird."

MEDICA.de; Quelle: Uniklinikum Dresden

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