Zwei Formen, ein Gen

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt-
Schuld ist ein Gen; © Hemera

Während sich bei Patienten mit "unipolaren Depressionen" Depressionen mit normalen Zeiten abwechseln, erleben Patienten mit "bipolarer Depression" zusätzlich Phasen von Manie oder Hypomanie mit stark erhöhter freudiger Erregung bis zu Größenideen und Verschwendungssucht. Dass beide Formen erblich sind, ist seit langem bekannt. Bei bipolarer Depression geht man von einer Vererbung in 83 bis 93 Prozent der Fälle aus; bei unipolarer Depression schwanken die entsprechenden Zahlen zwischen 34 und 75 Prozent.

Deutsche Forscher untersuchten nun Gene von 1.000 Patienten mit unipolarer Depression und einer etwa ebenso großen Kontrollgruppe; kanadische Kollegen am CHUL Research Center and Université Laval in Quebec erforschten Gene von 213 Patienten mit bipolarer Depression. Dabei zeigte sich, dass etwa 30 Prozent der Patienten mit Depression eine Variation im P2RX7 Gen zeigten. Zudem erhöht sich das Risiko, an einer unipolaren Depression zu erkranken, um 40 Prozent, wenn der heterozygote Genotyp im P2RX7 Gen vorliegt.

Das Gen P2RX7 bestimmt das Aussehen eines Kalzium-Ionenkanals für ATP in der Membran von Nervenzellen verschiedener Hirnregionen. Die gefundene Genvariation verändert den Rezeptor an der Schnittstelle zu anderen Zellen. Daher beeinflusst sie mit hoher Wahrscheinlichkeit die Interaktionen der Zellen und damit die Signalübertragung im Gehirn. Bislang wurde der Rezeptor mit Entzündungsreaktionen des Gehirns in Verbindung gebracht, er ist jedoch auch an Stressreaktionen beteiligt.

Eine gemeinsame genetische Grundlage für beide Depressionsformen wurde bisher ausgeschlossen. Die beiden unabhängigen Studien eröffnen daher völlig neue Wege in der Forschung: Dass die P2RX7 Nukleotidvariation mit der unipolaren Depression und der bipolaren Depression assoziiert ist, deutet daraufhin, dass verschiedene psychiatrische Erkrankungen gemeinsame genetische Ursachen teilen.

MEDICA.de; Quelle: Human Molecular Genetics 2006, Vol. 15, S. 2438-2445