eHealth: nur für Autodidakten?

Jede Technik, die für uns heute selbstverständlich ist, war anfangs neu, unbekannt und musste erlernt werden: Smartphones, neue Betriebssysteme oder Videorecorder gleichermaßen. Im Berufsleben ist es noch viel wichtiger, technisch auf dem Laufenden zu bleiben, denn Know-how ist auch ein wirtschaftlicher Vorteil. Ärzten ergeht es dabei nicht anders als anderen Berufsgruppen.

01.04.2016

 
Foto: Ärzte beim Videochat

eHealth, wie hier die Videokonferenz zwischen zwei Ärzten, ist auf dem besten Weg, das Gesundheitssystem zu verändern; ©panthermedia.net/ Andrey Popov

Ganz im Gegenteil: Ärzte können sich nicht nur fortbilden, um auf dem neuesten Stand zu bleiben und ihre Kompetenz auszubauen. Sie müssen es sogar, zumindest in Deutschland: Hier sind Ärzte durch die Ärztekammern verpflichtet, jedes Jahr eine bestimmte Zahl von Punkten bei zertifizierten Fortbildungen zu sammeln. Aber auch dort, wo sie nicht gesetzlich zur Fortbildung verpflichtet sind, müssen Ärzte zur bestmöglichen Versorgung ihrer Patienten den aktuellen Stand von Forschung und Technik kennen. Das ist nicht nur gut für den Behandlungserfolg. Ärzte, die mehr Untersuchungs- und Behandlungsverfahren kennen und anbieten können, haben auch einen Image- und Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren Kollegen, denn die Anwendung moderner Verfahren macht die Praxis attraktiver und gefragter.

Neue Technik rechnet sich für Patienten und Ärzte

Ein Beispiel für einen Trend, der mittelfristig das Gesundheitssystem verändern wird und es bereits auch tut, ist die Telemedizin. Die Vernetzung von Arzt und Patient beziehungsweise von Ärzten untereinander bietet viele, mittlerweile hinreichend bekannte Vorteile: Sie beschleunigt beispielsweise Diagnosen, verbessert die Versorgung ambulanter und chronisch kranker Patienten zuhause, unterstützt die Koordination von Ärzten untereinander, entlastet Arztpraxen durch die Möglichkeit zur Telekonsultation und reduziert so insgesamt Kosten für das Gesundheitssystem.

Es gibt also gute Gründe für den Einsatz von Telemedizin und prinzipiell kommt sie auch allen Fachrichtungen und Berufsgruppen in Arztpraxen und Krankenhäusern zugute. Trotzdem tauchen die Themen Telemedizin, Telematik und eHealth zumindest in der deutschen Fortbildungslandschaft nur sporadisch auf: Über die bundesweite Fortbildungssuche der Bundesärztekammer finden sich unter fast 89.000 gemeldeten Fortbildungen nur 15 (Telemedizin), zwei (Telematik) beziehungsweise eine (eHealth) Veranstaltungen (Stand: 7. April 2016). Das Thema "Telemedizin" scheint eher Stoff für die Autodidakten unter den Ärzten zu sein. Aber warum?

Foto: Laptop auf dem Schoß einer Ärztin

Bis jetzt scheint eHealth als Thema nur für die Ärzte relevant zu sein, die sich ohnehin schon für das Thema interessieren; © panthermedia.net/danr13

"Unser Eindruck dazu ist, dass jüngere Ärzte dem Thema gegenüber aufgeschlossener sind. Das kann auch daran liegen, dass Ärzte, die ihre Praxis vielleicht nur noch zwei bis drei Jahre führen, nicht mehr in die erforderliche Infrastruktur investieren wollen, sondern dies ihrem Nachfolger überlassen", erklärt Rainer Beckers, Geschäftsführer des ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH in Bochum. Das ZTG, dessen Ziel es ist, "moderne Informations- und Kommunikationstechnologien für das Gesundheitswesen zu entwickeln, einzuführen und zu verbreiten, um die Versorgungsqualität bei begrenzten Kosten zu verbessern", hat in der Vergangenheit Fortbildungsangebote zum Thema Telemedizin und eHealth entwickelt. Es fungiert als Koordinator und Leiter für Projekte der Landesinitiative eGesundheit.nrw und wird von der Landesregierung NRW gefördert.

Ist eine wenig technikaffine, skeptische Ärzteschaft, die Anfangsinvestitionen scheut, also der Grund dafür, dass es kaum Fortbildungen zum Thema gibt? Was Beckers dazu sagt, ist aber nur ein Teilaspekt des Ganzen: "Die Nachfrage für Angebote, an denen wir beteiligt waren, beschränkt sich unserer Erfahrung nach auf die ohnehin interessierten Ärzte." Damit scheiden Ärzte, die sich das Thema "einfach nur mal so" ansehen wollen, als Zielgruppe aus. Das ist auch verständlich, denn Fortbildungen kosten wiederum Geld und Zeit. Den Grund aber nur bei den Ärzten zu suchen, wäre zu kurz gegriffen.

eHealth: Status unklar

Vor allem Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit beim Thema eHealth rufen oft noch Skepsis bei den Nutzern hervor: Wie kann man sicher sein, dass Patientendaten nicht bei einer Cyber-Attacke in die falschen Hände gelangen? Was passiert mit Daten, die zur Verarbeitung nicht auf dem Server eines Krankenhauses oder einer Praxis gespeichert werden, sondern auf dem externen Server eines Dienst- oder Geräteanbieters? Das ist beispielsweise bei vielen medizinischen Apps der Fall, die teilweise überhaupt nicht auf ihre Sicherheit geprüft werden, bevor sie auf den Markt kommen. Sie werden nicht als "Medizinprodukt" ausgezeichnet, womit auch die Zulassung entfällt.

Rainer Beckers erklärt ein anderes Hindernis, das ganz praktischer Natur ist: "Es ist immer noch eine große Herausforderung für das Gesundheitssystem, dass es an Interoperabilität fehlt. Wir haben viel zu viele Schnittstellen zwischen den verschiedenen Systemen, die man nur schwer überbrücken kann." Telemedizin kann also nur für mehr Ärzte interessant werden, wenn die Systeme tatsächlich auch miteinander kommunizieren können und dabei sicher sind - denn wer will in seiner Praxis etwas installieren, das letztendlich mehr Arbeit macht?

Wenn derartige Hindernisse verschwinden, wird das Thema vielleicht auch für die Veranstalter von Fortbildungen und vor allem die breite Ärzteschaft interessanter. Interessierte und die, die es werden wollen, können aber schon vorher Hand anlegen - im "Anwenderzentrum Telemedizin" des ZTG: "Unser Anwenderzentrum bietet die Chance, eHealth wirklich hautnah zu erleben. Mittlerweile befinden sich in unseren Räumen 26 Systeme von führenden Herstellern. Besucher können die Usability der Systeme live ausprobieren", wie Beckers erklärt. Dem ZTG kommt es dabei darauf an, die Systeme herstellerunabhängig zu demonstrieren, einen breiten Einblick zu gewähren und auch kritisch zu diskutieren.

Das Anwenderzentrum macht zum Beispiel die praktische Erprobung von Interoperabilität erlebbar oder eine elektronische Fallakte, die den arztübergreifenden Austausch von Patientendaten ermöglicht. "Wir wollen diejenigen erreichen, die Telemedizin nutzen wollen. Wir zeigen potenziellen Anwendern, was heute möglich ist und wie sich Telemedizin in den Alltag einfügt – sei es als Patient, als Arzt oder im Krankenhaus," so Beckers.

Foto: Arzt und Patient sehen sich gemeinsam ein Ultraschallbild an

Neue Technologie in der Arztpraxis macht sich langfristig sowohl für Patienten als auch für Ärzte bezahlt, nicht nur in eHealth, sondern auch zum Beispiel in der Bildgebung und der Diagnostik; ©panthermedia.net/ SimpleFoto

Niedrigschwellige Angebote ebnen den Weg für neue Technologien

Das Anwenderzentrum der ZTG ist zwar keine Fortbildungseinrichtung exklusiv für Ärzte, stellt aber auch für sie ein gutes Einstiegsangebot dar. Und vielleicht sind Einrichtungen, in denen neue Technologien unverbindlich und unvoreingenommen ausprobiert werden können, allgemein der richtige Ansatz, um Themen in der Fortbildungslandschaft zu verankern und das Interesse des Zielpublikums zu wecken. Von dort ist der Schritt zur zertifizierten Fortbildung nicht mehr weit. eHealth wird unweigerlich in den medizinischen Alltag einziehen, aber auch neue Technologien aus den Bereichen Bildgebung, Diagnostika sowie Chirurgie werden die Arbeit in Praxis und Krankenhaus in den nächsten Jahren modernisieren.

Dabei gilt natürlich, dass neue Anschaffungen immer zuerst Kosten, Lern- und Arbeitsaufwand bedeuten. Niedrigschwellige Angebote wie ein Anwenderzentrum helfen zukünftigen Nutzern aber dabei, den Einsatz, Vorteile und Nachteile dieser Technologien für die eigene Arbeit besser zu bewerten. Ihre Besucher werden gegebenenfalls auch die "Early Adopters", die die neuen Möglichkeiten schon nutzen, bevor sie in der breiten Masse ankommen. Solange eHealth aber nicht vollwertiges Thema bei den zertifizierten Fortbildungen wird, werden sich auch weiterhin hauptsächlich die Autodidakten unter den Ärzten damit befassen.

Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Der Artikel wurde geschrieben von Timo Roth.
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