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Medizintechnologie: „Keine Finanz-, sondern eine Konjunkturkrise“

Die Bankenkrise wirbelt Märkte durcheinander. Besonders hart hat sie die Automobil- und die Chemiebranche getroffen. Die Unternehmen der Medizintechnologie streift sie bislang aber nur am Rande. Das ergab zumindest eine Umfrage. 23.03.2009

Foto: Joachim Schmitt
Joachim Schmitt; © BVMed

MEDICA.de sprach mit Joachim Schmitt, Geschäftsführer des Bundesverbands Medizintechnologie e.V. (BVMed), über die Situation der Unternehmen im Verband, die Mini-Krise in seiner Branche und Vorteile gegenüber der Autoindustrie.

MEDICA.de: Vor kurzem hat der BVMed eine Reihe von Medizintechnologie-Unternehmen befragt, inwiefern sie von der Finanzkrise betroffen sind. Bekommen Sie nun Sorgenfalten auf der Stirn, wenn das Wort Finanzkrise fällt?

Joachim Schmitt: Sorgenfalten bekomme ich nicht direkt, aber ich denke darüber nach, wie der Gesundheitsmarkt im Gesamtmarkt dasteht. Wir sehen uns schon als etwas robuster an als andere Branchen. Darum hat die Medizintechnologie derzeit keine Finanz-, sondern eine Konjunkturkrise: Die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen lässt teilweise schon nach, aber die Unternehmen gehen nicht bankrott und sind weiterhin in der Lage, ihre Mitarbeiter zu bezahlen.

MEDICA.de: Was für Unternehmen haben an der Umfrage teilgenommen?

Schmitt: 120 Medizintechnologie-Unternehmen, die den ambulanten, stationären und den Homecare-Bereich versorgen, haben auf unsere Umfrage geantwortet. Darunter waren kleine, mittelgroße und große Unternehmen mit sehr unterschiedlichen Geschäftsfeldern: querbeet über Verbandmittel, Hilfsmittel, Spritzen, Implantate. Medizintechnologie-Unternehmen entwickeln und verkaufen sehr unterschiedliche Produkte und Dienstleistungen. Der BVMed vertritt alle Bereiche bis auf Investitionsgüter, also Großgeräte wie Kernspin-Tomographen.

MEDICA.de: Welche Bereiche der Branche sind noch am besten dran, welche haben am meisten zu kämpfen?

Schmitt: Je lebensnotwendiger die Produkte sind, desto eher werden sie von der Gesetzlichen Krankenversicherung erstattet, und desto weniger sind die Firmen von der Finanzkrise betroffen. Wenn es dagegen um Produkte geht, bei denen eine private Zuzahlung notwendig ist, geben Patienten sich jetzt öfter mit der Grundversorgung zufrieden oder verschieben solche Ausgaben.

Betroffen sind auch eher Start-Up-Unternehmen und größere Unternehmen. Sie haben es schwieriger, Kredite zu bekommen. Bei Start-Up-Unternehmen, die noch nicht am Markt etabliert sind, stellt jeder Kredit ein hohes Risiko für die Bank dar. Bei großen Unternehmen geht es immer direkt um sehr hohe Kreditsummen, auch das ist im Moment schwierig.

Ansonsten gilt weiterhin: Wunden müssen versorgt, Krankheiten behandelt werden! Und wir suchen uns nicht aus, wann wir krank werden. Insofern sinkt die Nachfrage im Gesundheitsbereich nicht.

MEDICA.de: War das auch die Quintessenz Ihrer Umfrage?

Schmitt: Ja. Die Reaktionen der Unternehmen auf die Krise sind bislang eher noch als Vorsichtsmaßnahmen zu bewerten, und geschehen meist nicht aus der Not heraus. Ein Drittel der Unternehmen hat laut der Umfrage seit Ende des letzten Jahres Umsatzeinbußen. Ebenfalls ein Drittel verhängte einen Einstellungsstopp. Aber immerhin ein Viertel aller Unternehmen hat angegeben, dass sie gar keine Auswirkungen der Finanzkrise spüren. Und Arbeitsplätze abgebaut haben bislang nur vier Prozent der Unternehmen. Kurzarbeit ist zurzeit noch kein Thema. Zulieferer haben auch noch kein Problem, weil die Nachfrage noch hoch ist.

MEDICA.de: Das heißt, die Folgen der Krise könnten sich auch später abzeichnen?

Schmitt: Der Ausblick ist sehr schwierig, so viele prophetische Fähigkeiten besitze ich leider nicht. Ich wünsche mir natürlich, dass jetzt der Höhepunkt der Krise ist. Dann wäre der Kelch weitestgehend an der Medizintechnologie vorbeigegangen. Realistischer ist aber wohl, dass der Höhepunkt noch kommt und es auch für uns noch Probleme geben kann, zum Beispiel weil Zulieferer pleite gehen. Druck auf die Preise haben wir aber eh, mit oder ohne Finanzkrise: Durch die steigenden Rohstoffpreise und erhöhte Personalkosten im Krankenhausbereich geben die Krankenhäuser schon seit langem den Druck an die Medizinprodukte-Hersteller weiter. Deswegen müssen die Unternehmen sowieso über Rationalisierungen nachdenken.

MEDICA.de: Im Vergleich zu der Autobranche geht es der Medizintechnologie-Branche aber doch fürstlich.

Schmitt: Das Wort fürstlich würden wir nicht in den Mund nehmen. Aber natürlich haben wir gegenüber der Autobranche einen klaren Vorteil: Ein Autokauf ist eine persönliche Entscheidung, die jeder für sich selbst fällt. Gesundheit dagegen ist eine staatliche und gesellschaftliche Verpflichtung.

Das Interview führte Anke Barth.

MEDICA.de

 
 

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