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Teil II: Krebsfrüherkennung

Krebsfrüherkennung: Kleine Gewissheit mit Risiko (1. Teil)

von Wiebke Heiss/MEDICA.de

Screenings für Gebärmutterhals-, Brust-, Darm- und Hautkrebs sind mittlerweile Kassenleistung, Millionen von gesunden Menschen gehen zum Routine-Check-Up zum Arzt. Dabei ist der Nutzen einer Maßnahme nicht immer belegt – über die Risiken werden die meisten Patienten nicht informiert.15.06.2009

Jährlich erkranken 140.000 Menschen neu an Hautkrebs, es ist die häufigste Krebserkrankung überhaupt – so steht es auf den Internetseiten der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention (ADP). Über 57.000 Frauen erleiden jedes Jahr die Diagnose Brustkrebs, das Mammakarzinom ist der häufigste bösartige Tumor bei Frauen – das schreibt die Deutsche Krebshilfe. Die Burda-Stiftung gibt an: Jährlich werden rund 73.000 Fälle von Darmkrebs diagnostiziert, zirka 27.000 Menschen sterben an dieser Erkrankung. Mit diesen Zahlen konfrontiert, wird es den meisten Menschen Angst und Bange.

Um einem Teil dieser Menschen das Leben zu retten, setzen Experten, Ärzte und Kassen gemeinsam vermehrt darauf, mit Früherkennungsuntersuchungen den Krebs so früh wie möglich zu erkennen. Man geht davon aus, dass die gefährliche Krankheit dann besser zu heilen ist. Um möglichst vielen Menschen das Leben zu retten, müssen allerdings möglichst viele Menschen mitmachen. Darum versuchen Institutionen und Organisationen die Öffentlichkeit zu motivieren, sich ab einem bestimmten Alter in bestimmten Intervallen untersuchen zu lassen, indem sie Kampagnen starten, die mit Zahlen auf die Bedrohung von Krebs aufmerksam machen und mit anderen Zahlen den Nutzen der Früherkennung beschreiben. Das Resultat der Öffentlichkeitsarbeit: "Die meisten Männer und Frauen überschätzen den Nutzen von Screenings bei weitem", sagt Gerd Gigerenzer, Direktor am Berliner Max- Planck- Institut für Bildungsforschung.

Seit Jahren untersucht der Psychologe die Risiko- Kommunikation in der Medizin, im speziellen zum Mammographie-Screening, das seit Anfang 2004 in Deutschland Bestandteil des gesetzlichen Krebsfrüherkennungsprogramms für 50 bis 69 Jahre alte Frauen ist. "Es herrscht eine mangelnde Transparenz in Deutschland und anderen Ländern“, sagt Gigerenzer. Und das fängt mit Zahlenspielen an. Auf den Internetseiten des Bundesgesundheitsministeriums steht zum Beispiel: „… mit der Einführung einer Screening-Mammographie als Röntgen-Reihenuntersuchung (ist) eine altersabhängige Brustkrebssterblichkeitsreduktion um 20 bis 30 Prozent möglich.“ Das ist nicht falsch, nur besonders geschickt ausgedrückt. Betrachtet man nämlich die tatsächlichen Zahlen, sieht das Ergebnis so aus: Wenn von 1000 Frauen ohne Mammografie-Screening innerhalb von zehn Jahren vier an Brustkrebs sterben, so sind es mit Screening drei. Relativ gesehen werden die Todesfälle vielleicht um 25 Prozent reduziert, von vier auf drei, aber absolut gesehen handelt es sich um gerade mal eine Frau von 1000 – das sind 0,1 Prozent.

Ergebnisse medizinischer Forschung werden zensiert

"Das große Problem ist, dass in Deutschland, einer Demokratie, Ergebnisse medizinischer Forschung zensiert, unterdrückt oder verdreht werden. Das passiert auch beim Screening", stellt Gigernezer fest. Denn die Risiken, die jede Früherkennungsuntersuchung birgt, werden fast nie kommuniziert. Die dänischen Wissenschaftler Peter Gøtzsche und Margrethe Nielsen haben Untersuchungen ausgewertet, an denen mehr als eine halbe Million Frauen in Nordamerika und Europa teilgenommen haben. Das Resultat: Nehmen 2000 Frauen zehn Jahre am Mammographie-Screening teil, erhalten zehn von ihnen eine Brustkrebsbehandlung, obwohl sie gar keinen Brustkrebs haben. Bei 200 der 2000 Frauen gibt es im Lauf von zehn Jahren mindestens einen Fehlalarm, der immer auch mit großen psychischen Belastungen einhergeht.

Für genau diese Nebenwirkungen interessiert sich Karsten Jørgensen vom Nordic Cochrane Centre in Kopenhagen. Er untersucht ein Phänomen, das immer offensichtlicher im Zusammenhang mit Screenings wird: Überdiagnosen. Das sind keine falsch-positiven Befunde, bei denen nach einer Weile klar ist, dass es nur ein falscher Alarm war. „Überdiagnosen sind Krebsfälle, von denen man Zeit seines Lebens nie erfahren hätte.“ Durch eine Früherkennungsuntersuchung werden sie entdeckt, aber sie hätten nie zum Tode geführt – weil der Krebs zu langsam wächst oder einfach nicht lebensbedrohlich geworden wäre.

Aus Autopsie-Studien weiß man zum Beispiel, dass viele ältere Männer Prostatakrebs haben. „Diese Krebsart kommt unheimlich oft vor und viele Männer sterben nicht daran“, so Jørgensen. Diese Aussage wird durch eine Studie untermauert, die kürzlich im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde: Es stellte sich heraus, dass auf jeden Mann, der durch ein PSA-Screening gerettet wurde, 47 Männer kommen, deren Prostatakrebs ansonsten nie bemerkt worden wäre und ihr Leben nie beeinflusst hätte. Auch diese Männer werden behandelt, mit dem Risiko impotent oder inkontinent zu werden. „Die Tatsache, dass es Überdiagnosen gibt, ist für andere Krebsarten im Allgemeinen weniger anerkannt“, so Jørgensen. „Aber sie existiert.“

- 1. Teil: Kleine Gewissheit mit Risiko
- 2. Teil: Der Tausch von Risiken

 
 

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