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Gesundheitspolitische Interviews
„Es darf nicht so zugehen wie bei Deutschland sucht den Superstar“
Lehrer und Professoren, aber auch Hotels und Restaurants – vieles kann man im Internet bewerten. Ab 2010 sollen Mediziner an der Reihe sein. Die AOK plant ein Internetportal, das es Patienten möglich macht, ihre Ärzte öffentlich zu beurteilen. Befürworter sehen darin viele Vorteile für den Patienten. 08.07.2009

Helga Kühn-Mengel
MEDICA.de sprach mit Helga Kühn-Mengel, Patientenbeauftragte der Bundesregierung, über den „Ärzte-TÜV“ und warum er sich von spickmich.de unterscheiden soll.
MEDICA.de: Frau Kühn-Mengel, Internetportale, auf denen man Ärzte bewerten kann, gibt es viele. Haben Sie solche Seiten selbst auch schon genutzt?
Helga Kühn-Mengel: Ich kenne solche Seiten zwar, habe aber meine Ärzte noch nie darüber bewertet, weil mir die Portale zu unseriös sind. Jeder kann seine Stimme mehrfach abgeben, positiv oder negativ. Und dadurch sind diese Seiten sehr manipulationsanfällig.
MEDICA.de: Die AOK plant zum Jahreswechsel auch ein Internetportal, bei dem die Versicherten ihre Ärzte benoten können. Als Patientenbeauftragte haben Sie sich aber positiv dazu geäußert. Warum?
Kühn-Mengel: Der geplante Ärzte-Navigator der AOK soll sich von den bisherigen Portalen abheben. Die Kasse hat 24 Millionen Versicherte, wodurch die Bewertungen der Ärzte natürlich viel repräsentativer werden. Das alleine reicht aber noch nicht, um seriös zu sein. Die Bewertungskriterien müssen sich auf einen Fragenkatalog stützen, der von Wissenschaftlern entwickelt und ausgearbeitet wurde. Unter diesen Voraussetzungen kann so ein Portal den Patienten bei der Suche nach dem richtigen Spezialisten eine Orientierung bieten.
MEDICA.de: Aber Sie haben selbst gesagt, dass das Internet manipulierbar ist. Teilen Sie nicht die Befürchtungen der Kritiker, die sagen, dass durch so ein Portal ein Ranking mit populistischem Hitparaden-Charakter entstehen könnte?
Kühn-Mengel: Das geplante Portal braucht natürlich Barrieren, damit so etwas nicht passiert. Die AOK muss zum Beispiel sicherstellen, dass jeder Versicherte nur ein Mal eine Bewertung abgeben kann. Es darf nicht so zugehen wie bei Deutschland sucht den Superstar, wo jeder zehn oder 20 Mal abstimmen darf. Und die Bewertungen sollen erst dann veröffentlicht werden, wenn für den jeweiligen Arzt genügend vorliegen. Wie viele Meinungen das sein müssen, sollen Wissenschaftler entscheiden. Unter seriösen Bedingungen kann der geplante Navigator sehr sinnvoll sein. Studien zeigen übrigens, dass die Patientenorientierung als Schwachstelle im Gesundheitssystem wahrgenommen wird.
MEDICA.de: Was heißt das?
Kühn-Mengel: In der Commonwealth Studie von vor zwei Jahren wurden chronisch Kranke aus englischsprachigen Ländern und Deutschland nach ihrer Zufriedenheit mit der Versorgungsqualität befragt. Viele fühlten sich nicht richtig informiert. 60 Prozent gaben beispielsweise an, dass sie nicht genügend über Behandlungsalternativen aufgeklärt wurden, 46 Prozent wussten nichts von den Behandlungszielen, und 38 Prozent hatten keine Informationen über Nebenwirkungen von bestimmten Medikamenten erhalten. Wenn solche Erfahrungen mit Ärzten öffentlich gemacht werden, sehe ich das als Vorteil für andere Patienten.

Nicht jeder Patient fühlt sich von
seinem Arzt gut beraten;
© Picture Disk
MEDICA.de: Trauen Sie den Patienten denn zu, Ärzte zu bewerten?
Kühn-Mengel: Natürlich können Patienten die Qualität einer Praxis bewerten. Sie können doch sagen, ob ein Arzt und sein Team gut organisiert sind, ob der Spezialist eine Diagnose verständlich erklärt und ob er den Patienten in die Entscheidung von Behandlungsprozessen einbezieht. Und genau darum geht es der AOK. Es geht nicht, wie vielfach kritisiert, um eine Diskriminierung bestimmter Ärzte. Und es geht auch nicht um die Bewertung der medizinischen Behandlungsqualität. Das sollen Experten machen. Wenn Patienten aber auch ihre subjektiven Erfahrungen mit dem Arzt mitteilen können, kann das sehr hilfreich sein.
MEDICA.de: Lehrer und Professoren können schon lange über das Internet benotet werden. Viele sehen sich Hetzkampagnen ausgesetzt und fühlen sich an den Pranger gestellt. Ärzte befürchten das jetzt auch. Können Sie das verstehen?
Kühn-Mengel: Nein, denn der geplante Ärzte-Navigator soll wissenschaftlich fundiert sein und ist damit nicht vergleichbar mit Seiten wie spickmich.de. In solchen Verzeichnissen kann jeder mehrfach und völlig unzensiert seine Meinung äußern. Das kann für einige Lehrer sehr unangenehm werden. Wenn der Patient aber die Qualität einer Praxis nach festgelegten Fragen bewerten muss, ist das positiv, und zwar nicht nur für andere Patienten, sondern auch für den Arzt.
MEDICA.de: Was hat denn der Arzt davon?
Kühn-Mengel: Wenn ein Arzt gut bewertet wird, ist das auch Werbung für ihn. Auf diese Weise finden vielleicht Patienten in seine Praxis, die ansonsten nicht gekommen wären.
MEDICA.de: Andere Krankenkassen und der GKV-Spitzenverband finden die Idee des Ärzte-TÜVs auch gut. Und bei der stationären Behandlung ist es ohnehin normal, dass die Zufriedenheit der Patienten abgefragt wird. Bekommt die Stimme des Patienten also in Zukunft mehr Gewicht im Gesundheitswesen?
Kühn-Mengel: Ja, und zwar nicht nur in der medizinischen Versorgung. Pflegeheime werden seit kurzem ja auch bewertet. Das sorgt für besseren Wettbewerb unter den Einrichtungen und schafft mehr Transparenz.
Das Interview führte Simone Heimann.
MEDICA.de
Und was sagen Skeptiker zu dem "Ärzte-TÜV"?
Lesen Sie dazu auf MEDICA.de ein Interview mit Rudolf Henke, Vorsitzender vom Marburger Bund.

