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Thema des Monats August: Der Bewegungsapparat
Eile mit Weile
Verschleißt die Bandscheibe, können die Schmerzen unerträglich werden. Auf viele Patienten wartet eine OP, doch die ist oft unnötig. Experten sagen, dass bei 80 Prozent der Bandscheibenvorfälle auch alternative Therapien helfen können – allerdings brauchen die ihre Zeit. 01.08.2009

Krankengymnastik gegen Band-
scheibenprobleme; © Picture Disk
EM-Aus für Schneider! Diese Hiobsbotschaft schockierte 2008 viele Fußballfans. Der deutsche Nationalspieler Bernd Schneider hatte einen Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule und wurde operiert – trotzdem beendete er kürzlich seine Karriere. Zu groß waren die gesundheitlichen Probleme. Der Griff zum Skalpell bedeutet nicht immer auch eine Heilung.
„Bei bestimmten Anzeichen ist eine Operation tatsächlich sinnvoll“, bestätigt Michael Stoffel, Oberarzt an der Klinik für Neurochirurgie der Technischen Universität München. Dazu gehören Lähmungserscheinungen in den Beinen, der Blase und dem Mastdarm oder aber starke Schmerzen, die auch nach einer sechswöchigen Therapie mit Medikamenten und Krankengymnastik nicht besser werden. Im Falle einer Lähmung ist der Nerv nicht mehr nur gereizt und schmerzt, sondern in seiner Funktion stark geschädigt und kann sich meist nicht mehr von selbst regenerieren.
Vor jedem operativen Eingriff muss in erster Linie geklärt werden, ob die Rückenschmerzen wirklich von der kaputten Bandscheibe ausgehen – denn die ist nicht immer schuld an der Pein. „Viele Bandscheibenvorfälle bleiben eigentlich unbemerkt“, sagt Ulrich Hubbe, Neurochirurg am Universitätsklinikum Freiburg. Schmerzen entstehen meist nur, wenn der gallertartige Kern der Bandscheibe aus dem umliegenden Gewebe austritt und auf die Nervenwurzel im Wirbelkanal drückt. Verlagert sich das Gallertgewebe zwar nach außen, durchbricht den umliegenden Faserring aber nicht, dann drückt es auch nicht auf einen Nerv. Wird der Patient in so einem Fall trotzdem operiert, ist der Eingriff unnötig und die Schmerzen bleiben ihm erhalten, weil die Ursache eine andere ist.
Erste Hilfe: Schmerzmittel und Bettruhe
Und wenn es doch die Bandscheibe ist, die den Schmerz auslöst, rät Stoffel zunächst fast immer zu einer konservativen Therapie: „Akute Schmerzen kann man mit Medikamenten lindern.“ Darüber hinaus rät der Mediziner zu einigen Tagen Bettruhe, denn der Körper hat eine Selbstheilungsfunktion: Im Liegen kann sich die Bandscheibe erholen, weil sie sich dann wie ein Schwamm mit Flüssigkeit vollsaugt und so ihre Pufferfunktion oft wieder zurückgewinnt. Eine weitere Möglichkeit zur Schmerzlinderung ist auch Akupunktur. Die verhärtete Rückenmuskulatur, die durch den Schmerz entsteht, kann durch Muskelrelaxantien wieder entspannt werden. Wenn die akuten Schmerzen nachlassen, kann der Patient die Rückenmuskulatur durch Physiotherapie stärken, um das Risiko weiterer Bandscheibenvorfälle zu verringern.
Die Bandscheiben liegen wie
Kissen zwischen den Wirbel-
körpern; © D. Schulz/Pixelio
„Durch nicht-operative Therapien bessern sich Schmerzen in den meisten Fällen“, sagt Stoffel und beruft sich dabei auf Studien. Von der minimal-invasiven Wirbelsäulenkathetertechnik nach Racz, bei der schmerzlindernde Medikamente über einen Katheter an die Bandscheibe geleitet werden, um den Schmerz direkt an der Nervenwurzel zu bekämpfen, rät der Arzt allerdings ab. „Für die Wirksamkeit gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis.“
Standard ist der mikrochirurgische Eingriff
Zum schnellen Eingriff mit dem Skalpell trägt unter anderem unsere schnelllebige Gesellschaft bei: Patienten sind zu ungeduldig. „Wir leben in einer Zeit, in der man es sich nicht leisten kann, sechs oder acht Wochen krank geschrieben zu sein und sich um seine Rückenschmerzen zu kümmern“, sagt Stoffel. Aber auch die finanziellen Interessen des einen oder anderen Arztes spielen eine Rolle: „Wenn ein Arzt eine entsprechende OP-Ausstattung besitzt, liegt es nahe, dass er sie auch nutzen möchte anstatt den Patienten über Wochen mit Medikamenten zu versorgen“, sagt Hubbe. Die Ursache für so ein Vorgehen liege im Gesundheitswesen selbst. Medizin wird immer mehr zur Dienstleistung, der Patient wird zum Kunden, an dem der Arzt verdient.
Führt schließlich kein Weg an einer OP vorbei, dann gilt der mikrochirurgische Eingriff als Standard. Dabei wird das auf die Nervenwurzel drückende Gewebe durch den Wirbelkanal entfernt - ein Hautschnitt von zwei bis drei Zentimetern ist dazu notwendig. Zwar gibt es auch noch andere Methoden, wie etwa die im Trend liegende minimal-invasive OP, künstliche Bandscheiben oder den Versuch, die fehlende Dämpfung einer Bandscheibe nach der OP mit flüssigem Knochenzement auszugleichen. Doch die Wirksamkeit dieser Verfahren ist bisher nicht ausreichend wissenschaftlich belegt. Daher empfiehlt sich für Patienten: Mit professionellem Ratschlag und viel Zeit das Problem in Angriff zu nehmen.
Simone Heimann
MEDICA.de












