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Teil VI: Multiple Sklerose - neue Ansätze
Da ist der Wurm drin (1. Teil)
von Wiebke Heiss/MEDICA.de
Sie kann zu schlimmen Behinderungen bei noch jungen Menschen führen. Warum? Forscher sind ratlos. Multiple Sklerose ist eine rätselhafte neurologische Krankheit und die Suche nach neuen Therapieansätzen bleibt dringlich. Nun ist man auf den Wurm gekommen. 15.11.2009
Ekel ist bei diesen Gedanken vorprogrammiert: Würmer, die sich durch die menschliche Haut bohren, sich im Darm tummeln, durch den Körper wandern, Lunge und Leber befallen. Parasiten sind Feinde des Menschen, weil sie krank machen, Organe schädigen, tödlich sein können. Grund genug, um sie auf der ganzen Welt zu bekämpfen. Allerdings wechselten Haken- und Peitschenwürmer vor kurzem die Seiten von Schädling zu Helfer und gehen nun Medizinern dabei zur Hand, Autoimmunerkrankungen wie Asthma, Heuschnupfen oder Morbus Crohn zu bekämpfen. Die winzigen wirbellosen Tiere sind mittlerweile auch Forschungsobjekt im Kampf gegen Multiple Sklerose (MS).
An eine Heilung der MS wagt man in der medizinischen Welt jedoch gar nicht zu denken. Noch immer weiß niemand, wie das neurologische Leiden entsteht, nur dass es wahrscheinlich schon irgendwann in der frühen Jugend passiert. „Man versucht dem auslösenden Ereignis zwar auf die Spur zu kommen“, erklärt Frauke Zipp, Neurologin an der Berliner Charité. „Das ist aber schwierig, weil Mediziner die Krankheit erst erkennen können, wenn sie schon voll am Laufen ist.“ Hundertprozentig sicher sind sich Wissenschaftler nur darüber, was sie beobachten können: Meist erkranken Betroffene früh an dem Leiden - zwischen 20 und 40 Jahren - und in Deutschland sind mehr als 100.000 Menschen betroffen. Schuld ist wohl die körpereigene Abwehr, weil Immunzellen, die normalerweise Eindringlinge wie Viren oder Bakterien bekämpfen, sich plötzlich gegen die eigenen Nervenstrukturen richten.
Verschwommene Sicht, taube Beine, Schmerzen, Lähmungen und Erschöpfung sind die häufigsten Beschwerden. Symptome, die zwar meist wieder verschwinden, aber nur solange, bis es zum nächsten Krankheitsschub kommt. 90 bis 95 Prozent leiden unter dieser MS-Variante, bei zirka der Hälfte kommt es mit der Zeit zu einem Verlauf ohne Schübe, so dass sich der Zustand kontinuierlich verschlimmert. Die restlichen fünf bis zehn Prozent haben von Anfang an eine fortschreitende Entwicklung ohne Schübe, bei manchen langsam über Jahrzehnte, bei manchen rapide über nur wenige Jahre. MS ist die am häufigsten zu Behinderungen führende neurologische Erkrankung bei jungen Männern und Frauen.
Mit Hakenwürmern geht es MS-Patienten besser
An der Universität von Nottingham suchen Forscher nun nach Wegen, die Anzahl von den schrecklichen Schüben zu reduzieren – mit Hilfe von Hakenwürmern. „Unsere Hoffnungen basieren auf einer Studie aus Argentinien“, sagt Cris Constantinescu. Von dort berichteten Forscher kürzlich, dass es MS-Patienten, die auf natürliche Art und Weise von Darmwürmern befallen waren, durchgehend besser ging als MS-Erkrankten ohne die Parasiten. „Außerdem stützen wir uns auf Untersuchungen, die zeigen dass Würmer im Darm und MS sich gegenseitig fast ausschließen“, sagt der Immunologe und begründet damit eine 2010 beginnende Studie an MS-Patienten, denen man mikroskopisch kleine Hakenwürmer auf den Arm legt, die sich ihren Weg durch die Haut bahnen und von dort innerhalb einiger Wochen bis in den Magen wandern.
Constantinescu und Kollegen setzen in ihrem Versuch auf einen intelligenten Betrug, der sich über Jahrtausende im Kampf Parasit gegen Mensch entwickelt hat: Hakenwürmer schwächen die menschliche Abwehr, damit sie den ewig patrouillierenden Wächtern im Körper nicht auffallen. So sichern sie sich das Überleben im Wirt. Für Menschen mit MS könnte das eine gute Nachricht sein, weil bei ihnen die Immunantwort zu heftig ausfällt und gesunde Nervenfasern angreift. Eine Reduzierung des überschießenden Immunsystems könnte Symptome lindern und vor weiteren Schüben schützen.
- Teil 1: Da ist der Wurm drin
- Teil 2: Grenzen der Wurm-Therapie
- Teil 3: Die vernachlässigte "Neuroprotektion"
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