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Kraftakt am Krankenbett

Kraftakt am Krankenbett

Foto: Arzt auf dem Krankenhausflur

Hebel runter, Auto hoch - der Umgang mit einer Hebebühne ist für den Kfz-Mechaniker alltäglich. Das könnte Ärzten und Pflegepersonal in deutschen Krankenhäusern auch passieren – um fettleibige Patienten ins Bett zu hieven. So könnte jedenfalls eine Zukunftsvision von Doktor Jürgen Ordemann, Oberarzt am Adipositaszentrum der Charité Berlin, aussehen. „Adipositas ist ein globales Problem und wird in den kommenden Jahren epidemieartige Ausmaße annehmen.“ Für die Krankenhäuser bedeutet diese Entwicklung, dass sie reagieren müssen. Doch eine Ausstattung in Übergröße und Untersuchungsgeräte, mit denen auch Patienten behandelt werden können, die mehr als einen Bierbauch haben, sind sehr teuer.

Am Uniklinikum München ist man sich der Gewichtsentwicklung unter den Bürgern bewusst: Ein normaler OP-Tisch trägt um die 150 Kilo, wiegt ein Patient mehr, muss ein stabilerer Tisch her. Ähnlich sieht es bei Betten aus. „Ab einem Gewicht von 180 Kilo kann ein normales Krankenbett nicht mehr elektronisch gesteuert werden“, erklärt Birgit Müller vom Uniklinikum München. Zudem bräuchten adipöse Patienten speziell auf sie zugeschnittene sanitäre Anlagen. „Wenn sich ein Patient von 200 Kilo auf eine an der Wand befestigte Toilette setzt, ist die platt“, so die stellvertretende Pflegedirektorin.

Zurzeit hat das Uniklinikum München einige Betten, die ein Gewicht von 320 Kilo tragen können. In den nächsten Jahren sollen weitere angeschafft werden. Darüber hinaus gäbe es umfassendere Pläne, wie man sich auf die Behandlung von adiöpsen Patienten einstellen wolle. Details, insbesondere zur Finanzierung, seien jedoch noch nicht spruchreif, betont Müller. Ähnliches hört man auch aus der Charité. Man müsse handeln, sagt der Oberarzt Ordemann dort. Zur Finanzierung möchte aber auch er sich nicht äußern.

Dass sich Kliniken in Zukunft auf immer mehr fettleibige Menschen einstellen müssen, ist wissenschaftlich belegt. So wurde in der Studie der International Association for the Study of Obesity (IASO) vor gut einem Jahr bekannt, dass drei Viertel der Männer und über die Hälfte der Frauen in Deutschland übergewichtig sind, ein Teil davon adipös. Damit sind die Deutschen die dicksten Europäer. Und auch beim Nachwuchs geht der Trend in dieselbe Richtung. Laut des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys vom Robert Koch-Institut (KIGGS) sind heute rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig, rund sechs Prozent sogar fettleibig, also adipös. Das sind doppelt so viele Kinder und Jugendliche wie in den 80er und 90er Jahren.

Doch trotz dieser Entwicklung sehen viele Kliniken keinen Bedarf zu handeln und umzurüsten. Am Universitätsklinikum Halle gibt es keinen Plan für Um- und Einbaumaßnahmen. Die Krankenhauseinrichtung sei erst wenige Jahre alt und entspreche dem modernen Standard, erklärt die Pressestelle. Eine ähnliche Sicht vertritt die Uniklinik Heidelberg. Die Behandlung „normal“ übergewichtiger Patienten sei aktuell kein Problem. Einige Betten könnten ein Gewicht bis zu 250 Kilo aushalten, in Extremfällen bestehe zudem die Möglichkeit, Spezialbetten zu leihen. An der Universität Dresden sieht man Patienten mit einem Gewicht von 200 Kilo als Ausnahme – auch in Zukunft. Daher bestehe kein Handlungsbedarf für kostspielige Umbaumaßnahmen in den nächsten Jahren, so der Pressesprecher.

Doktor Jens Aberle vom Adipositaszentrum des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf (UKE) meint hingegen, dass in Zukunft kein Krankenhaus der Behandlung von mehr adipösen Patienten aus dem Weg gehen könne. „Mit Präventionsmaßnahmen erreicht man lange nicht jeden. Und wenn das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen ist, müssen sich Kliniken zwangsweise darauf einstellen.“ Am sinnvollsten, so Aberle, wären eigene Stationen für besonders schwergewichtige Patienten. Das rentiere sich in mehrfacher Hinsicht: „So sind adipöse Patienten unter sich und fühlen sich weniger stigmatisiert als auf normalen Stationen.“ Und außerdem würden teure Umbaumaßnahmen von vielen Patienten genutzt. Ein weiterer Vorteil: Aus fachlicher Sicht könnten speziell geschulte Ärzte interdisziplinärer Fachrichtungen in solchen Stationen arbeiten. Der Grund: Fettleibige Menschen haben oft Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes.

Das UKE zieht Ende dieses Jahres in einen Neubau und stellt sich so auf die Zukunft ein: 16 OP-Tische werden 250 Kilo verkraften können, einer sogar bis zu 500 Kilo. „Über kurz oder lang müssen nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch niedergelassene Ärzte reagieren“, sagt Aberle.

Simone Heimann
MEDICA.de