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„Es starben mehr Amerikaner als im Vietnam-Krieg“

Gesundheitspolitische Interviews

Unveröffentlichte Studienergebnisse: „Es starben mehr Amerikaner als im Vietnam-Krieg“

Obwohl negative Studienergebnisse für Forscher und Ärzte ebenso wichtig sind wie positive, werden sie viel seltener veröffentlicht. Die teilweise schwer wiegenden Konsequenzen tragen letztendlich die Patienten. 09.02.2009


Peter Sawicki; © IQWiG

MEDICA.de sprach mit Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), über forschende Industrie, Fehler in der Medikamentenbewertung und Goethe.

MEDICA.de: Herr Sawicki, haben Sie schon mal negative Studienergebnisse unter den Tisch fallen lassen?

Peter Sawicki: Nein, eine abgeschlossene Studie, egal ob mit positivem oder negativem Ausgang, habe ich immer veröffentlicht.

MEDICA.de: Sie sind dann also eher die Ausnahme. Studien zeigen, dass Forscher negative Ergebnisse aus ihren Projekten seltener veröffentlichen als positive. Warum ist das so?

Sawicki: Zum Beispiel werden viele Studien von der Pharmaindustrie initiiert, die ihre Produkte vermarkten will. In den Verträgen zwischen Wissenschaftlern und Industrie gibt es dann häufig einen Passus: Publikation nur mit beidseitigem Einverständnis. Das heißt wenn ein Medikament keinen Nutzen zeigt oder starke Nebenwirkungen hat, kann der Pharmakonzern die Veröffentlichung ablehnen. In der Pharmakologie hängen immerhin 80 bis 90 Prozent aller Studien finanziell von der Pharmaindustrie ab.

Zudem enttäuschen negative Studien. Die Ärzte hoffen selbst, am Fortschritt mitzuwirken und etwas zu finden, was Patienten hilft. Und alle Geldgeber, egal ob aus Industrie, Wissenschaft oder Politik, möchten letztendlich mit den finanzierten Forschungsprojekten Aufmerksamkeit erregen. Durch die Medien werden meist nur positive Studienergebnisse bekannt, wenn also ein neuer Wirkungsmechanismus gefunden wurde. Negative Ergebnisse finden meist kein großes Echo, außer es handelt sich um Skandale. Forscher stehen also unter dem Druck, positive Ergebnisse zu liefern.

MEDICA.de: Werden Studienanträge also eher finanziert, wenn ein positives Ergebnis zu erwarten ist?

Sawicki: Ja, natürlich. Skeptische Forschung wird weniger gefördert. Ich finde das falsch. Für mich sind negative Studien auch positive Studien: Sie helfen, indem sie zeigen, dass ein neues Medikament nicht besser sein muss als ein altbewährtes, oder dass Operationen wie das Entfernen der Mandeln oder der Gebärmutter häufig unnötig sind.

MEDICA.de: Wenn viele negative Ergebnisse unveröffentlicht bleiben, werden doch sicherlich die gleichen Forschungsziele mehrfach finanziert. Das würde viel raus geschmissenes Geld in der Forschung bedeuten.

Sawicki: Richtig. Schlimmer ist aber, dass es auch Menschen gefährdet.

MEDICA.de: Warum?

Sawicki: Negative Studien sind wichtig, um Medizinirrtümer zu verhindern. Wenn sie nicht veröffentlicht werden, begehen Ärzte systematische Fehler. Wenn zu einem Medikament zehn Studien gemacht werden, von denen sechs schädliche Wirkungen ergeben, vier dagegen positive, und dann nur die vier positiven veröffentlicht werden - dann verwenden Ärzte Medikamente, die nicht helfen oder sogar schädlich sind. Unwissen verhindert eine gesunde Skepsis gegenüber Neuentwicklungen. Schon Goethe hat gewusst, dass mit dem Wissen der Zweifel wächst. Die schlimmste Form zu lügen ist demnach, nicht die volle Wahrheit zu sagen, weil es uns in trügerischer Sicherheit wiegt.

Das beste Beispiel sind die Antiarrhythmika, das sind Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen. Schon in den 70er Jahren hat die Pharmaindustrie zu diesen Medikamenten Studien gemacht. Ein Ergebnis war, dass die Extraschläge des Herzens durch das Medikament tatsächlich reduziert wurden. Ein anderes, dass Menschen durch das Medikament früher starben. Dieser Teil der Studien wurde aber nicht publiziert. Durch eine großangelegte Studie 1991 kam es dann ans Tageslicht. Ein Journalist hat damals berechnet, dass durch diesen Fehler in der Bewertung des Medikaments mehr Amerikaner starben als durch den Vietnam-Krieg.

MEDICA.de: Zentrale Studienregister, in denen begonnene Studien eingetragen werden, sollen einen besseren Überblick über veröffentlichte und nicht veröffentlichte Studien geben. Haben diese „Meldestellen“ schon Wirkung gezeigt?

Sawicki: Nein, bisher nicht. Bislang sind Wissenschaftler und Industrie zu nichts wirklich verpflichtet. Wir brauchen bindende Gesetze, die eine Registrierung der Studien sowie die Veröffentlichung der Ergebnisse zur Pflicht machen. Gesetzliche Regelungen könnten sein, dass alle Studien immer gemeldet werden müssen, und dass man Behörden gegenüber begründen muss, wenn man ein Studienergebnis nicht veröffentlichen will oder kann. Die Länder, in denen viel Forschung betrieben wird, könnten sich zusammenschließen und empfindliche Geldstrafen festlegen für unveröffentlichte Studienergebnisse. Für den Fall, dass Studien erst gar nicht begonnen werden, weil negative Ergebnisse für ein bereits zugelassenes Medikament befürchtet werden, müsste man öffentliche Geldquellen erschließen.

Das Interview führte Anke Barth.
MEDICA.de

 
 

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