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„Keiner meiner Absolventen hat länger als zwei Monate gesucht“
Business-Interviews
„Keiner meiner Absolventen hat länger als zwei Monate gesucht“
Studieren lohnt sich – aber was? Einer der Zukunftsberufe, der auch langfristig eine Perspektive bietet, ist Ingenieur in der Medizintechnik. Selbst die Krise kann daran scheinbar nichts ändern.08.05.2009

Olaf Dössel
MEDICA.de sprach mit Olaf Dössel vom Institut für Biomedizinische Technik der Universität Karlsruhe über den Schweinezyklus, interkulturelle Kompetenz bei Ingenieuren und warum Auslandsstudenten die Ingenieurslücke stopfen.
MEDICA.de: Herr Dössel, in diesen Monaten machen viele junge Menschen ihr Abitur, und sie stehen vor der Frage, wie es weitergeht. Würden Sie ihnen raten, im Herbst ein Medizintechnik-Studium zu beginnen?
Olaf Dössel: Ausdrücklich ja. Die Berufschancen für Ingenieure sind auch in diesen schwierigen Zeiten gut, insbesondere für die Medizintechnik. Die Absolventen müssen zwar einige Bewerbungen verschicken, bis sie einen Job finden. Aber keiner meiner Absolventen hat länger als zwei Monate gesucht, einige nur vier Wochen, und die meisten hatten mit dem Diplomzeugnis auch schon ihre Arbeitsstelle in der Hand.
MEDICA.de: Und die Krise hat daran nichts geändert?
Dössel: Nein, das kann ich nicht erkennen. Im September gibt es einen großen Welt-Medizintechnik-Kongress in München, für den die Unternehmen befragt wurden, welche Themen ihnen am wichtigsten sind. Sie gaben mehrheitlich Recruiting, also Personalanwerbung, an. Daraufhin ist ein großer Workshop angesetzt worden, während dem sich die Firmen den Kongressteilnehmern vorstellen und um Mitarbeiter werben können. Vor kurzem wurde noch einmal nachgehakt, ob die Firmen diesen Themen-Schwerpunkt immer noch behalten wollen. Sie haben alle zugestimmt. Das zeigt, dass die Unternehmen auch in der Krise an guten Mitarbeitern interessiert sind.
MEDICA.de: Es ist schwer absehbar, ob Medizintechniker auch in einigen Jahren noch gefragt sein werden, wenn die Erstsemester von heute einen Job suchen. Es besteht die Gefahr, dem sogenannten Schweinezyklus zu folgen, also ein Studium anzufangen, wenn es viele freie Stellen gibt, und es zu beenden, wenn es viele Jobsuchende gibt.
Dössel: Einen sogenannten Schweinezyklus gibt es in der Medizintechnik nicht. Die Branche ist kaum Schwankungen ausgesetzt. Stattdessen geht es kontinuierlich bergauf. Einer Studie zufolge steigt die Menge der hergestellten Medizintechnikprodukte in Deutschland schon seit längerer Zeit jedes Jahr um circa sechs bis acht Prozent. Das ist eine deutlich stärkere und konstantere Wachstumsrate als in anderen Branchen.
MEDICA.de: Wenn man medizinische Geräte austüfteln und erfinden will: Muss man dann Medizintechnik studieren oder Ingenieurswesen?
Dössel: Fachhochschulen bieten meist einen Bachelor Medizintechnik, Universitäten lehren eher klassische Ingenieursstudiengänge, bei denen man dann im Hauptstudium den Bereich Medizintechnik vertiefen kann. Fachhochschulabsolventen gehen tendenziell eher in die Produktion, während Studenten von einer Universität öfter in der Forschung und Entwicklung landen. Ein weiteres interessantes Berufsfeld für beide ist der Vertrieb: Die Hersteller von teuren Geräten setzen gerne auf Verkäufer, die fachlich kompetent sind. Wichtig ist, dass der gewählte Studiengang ein solides und breites Methodenwissen der Ingenieurswissenschaften lehrt und sich nicht zu früh spezialisiert. Denn die Aufgaben eines Medizintechnikers ändern sich heute sehr schnell, und damit muss er klarkommen.
MEDICA.de: Was macht ein gutes Medizintechnikstudium sonst noch aus?
Dössel: Soft-Skills, Interesse an Interdisziplinarität, Auslandserfahrungen - und gute Medizinkenntnisse. Die Ärzte sollen das, was Medizintechniker entwickeln, benutzen und kaufen. Deswegen ist es unbedingt nötig, mit ihnen zu klären, was sie wirklich brauchen. Dazu muss man ihre Sprache sprechen. Im Studium sollte also Physiologie und Anatomie gelehrt werden, und es sollte Projekte geben, in denen die Studenten auch mal in die Klinik gehen, beispielsweise in einem Katheterlabor stehen und sehen, wie der Katheter ins Herz geschoben wird. Ansonsten hat Medizintechnik nicht viel mit dem Medizinstudium gemein. Um ein medizinisches Gerät zu bauen, braucht man vor allem Physik, Mathematik und immer mehr Informatik. Wer im Abitur Mathe und Physik abgewählt hat, ist in diesem Fach falsch.
MEDICA.de: Warum sind Soft-Skills und Auslandssemester wichtig für einen Techniker?
Dössel: Soft-Skills werden für die Teamarbeit benötigt. Das Bild vom Ingenieur, der in seinem Kämmerlein alleine lötet, ist veraltet. Der Medizintechniker arbeitet fast den ganzen Tag im Team, mit dem er diskutieren und Lösungen finden muss. Beispiel Computer-Tomograph: An so einer komplexen Maschine arbeiten Ingenieure der Elektrotechnik, der Informatik und des Maschinenbaus zusammen mit Ärzten. Oder Implantate: Da kommen Zellbiologen ins Spiel, die beurteilen, ob das Material des Geräts körperverträglich ist. Das Auslandssemester ist wichtig, weil fast alle Medizintechnik-Unternehmen global auftreten. Weltweit steht Deutschland im Medizintechnik-Export an zweiter Stelle, es wird mehr für das Ausland als für das Inland produziert. Auch ein Team mit einem Inder, einem Chinesen, einem Deutschen und einem Amerikaner muss funktionieren. Englischkenntnisse und interkulturelle Kompetenz sind gefragt.
MEDICA.de: Sollte Deutschland sich mehr um Medizintechnik in der Lehre kümmern?
Dössel: Nein, das Fach wird recht flächendeckend in den Universitäten und Fachhochschulen angeboten - eine gute Übersicht zeigt die Webseite der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik (DGBMT). Alle Orte, in denen das Fach angeboten wird, könnten noch zehn bis 20 Prozent mehr Studenten aufnehmen, ohne überlastet zu sein. Eher sollten Schulen den Blick mehr für die Ingenieurswissenschaften öffnen und Tage der Offenen Tür stärker nutzen, damit die Schüler und Schülerinnen testen können, ob dieser Beruf etwas für sie wäre.
MEDICA.de: Fachverbände warnen teilweise, dass fehlende Medizintechnik-Absolventen den Grundstein für eine neue Wirtschaftskrise legen könnten. Ein ziemlich dramatisches Szenario.
Dössel: Das halte ich für übertrieben. Es gibt kleine Engpässe, und die Firmen müssen manchmal länger nach einem passenden Mitarbeiter suchen. Aber die Unternehmen, die auf Anhieb niemanden finden, verzweifeln deswegen nicht. Sie suchen ihn sich auf dem Weltmarkt. Man denkt in diesen Unternehmen global, der Markt ist die ganze Welt. Genau so machen es die Unis: In Karlsruhe gibt es in der Medizintechnik mittlerweile einen Anteil von 30 Prozent an Auslandsstudenten, weil sich nicht genug Deutsche für das Fach interessieren. Ein großer Teil davon bleibt und füllt die Lücken.
Das Interview führte Anke Barth.
MEDICA.de














