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Der kontroverse Pieks (1. Teil)
Teil I: Impfen
Der kontroverse Pieks (1. Teil)
von Wiebke Heiss/MEDICA.de
Die Meinungen zum Thema Impfen sind verschieden: Sie decken die ganze Bandbreite zwischen extremen Impfkritikern bis zu absoluten Impfbefürwortern ab. Aber was ist nun richtig? Ein Leitfaden könnte sein: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.15.05.2009
Sonntagnachmittag, Kaffeeklatsch, die Diskussion der jungen Mütter fegt über die Erdbeertorte hinweg. Das Thema: Impfen Ja oder Nein. Die Standpunkte könnten nicht gegensätzlicher sein: Beate Schneider* weigert sich, ihr Kind impfen zu lassen. Sie fürchtet, dass die Prophylaxe gegen Infektionskrankheiten ihrem Sohn schaden könnte – sofort oder später im Leben. Katrin Beimer* hingegen lässt ihr Kind impfen. Gegen alles, was die Ständige Impfkomission (Stiko) vom Robert-Koch-Institut in Berlin empfiehlt – sie vertraut den offiziellen Richtlinien. Und hält ihre Freundin für absolut unverantwortlich. Beim Thema Impfen treffen in deutschen Wohnzimmern immer öfter zwei extreme Meinungen aufeinander.
Die spiegeln sich auch in der Expertenwelt wider: Die Spannbreite reicht von komplett überzeugten Medizinern, die allerdings teilweise auch in laufenden Impfstudien mitwirken, bis zu Impfgegnern, von denen einige wissenschaftliche Tatsachen ignorieren und eher anthroposophische Argumentationen suchen. Der Virenexperte Hermann Schätzl von der TU München meint dazu: „Für Menschen, die gegen Impfen sind, ist das eine Art Glaubensfrage.“ Menschen, die für das Impfen seien, könnten sich aber auf wissenschaftliche Fakten stützen.

Brutstätte für Impfseren: das
Hühnerei; © PHIL
Es besteht tatsächlich auch kein Zweifel an dem Nutzen von Vakzinen. Impfseren ist zu verdanken, dass lebensbedrohliche Krankheiten wie Kinderlähmung oder Tetanus ihren Schrecken verloren haben. Durch ein konsequentes Bekämpfungsprogramm erreichten WHO und andere Gesundheitsorganisationen sogar, dass die Welt 1980 für pockenfrei erklärt werden konnte. „Die Prophylaxe durch Impfen ist ein Segen“, fasst Schätzl zusammen. Der Impfnutzen sei bei vielen Infektionskrankheiten eine einfache Rechnung: Am Beispiel Masern sehe man, dass einer von 10.000 Erkrankten stirbt, dass aber nur zirka ein Mensch pro einer halben Million Geimpfter eine Impfkomplikation trifft. „Da kann man sich ausrechnen, wie viele Menschen geschützt werden.“
Auf der anderen Seite „darf man aber auch nicht so tun, als ob alles rund um das Thema Impfen perfekt wäre“, schränkt Schätzl ein. Klaus Hartmann hat zum Beipiel mit Patienten zu tun, die einen Impfschaden erlitten. Der Mediziner arbeitete jahrelang für das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das für die bundesweite Zulassung von Impfstoffen und andere biomedizinische Arzneimittel zuständig ist. Nun fungiert er als gerichtlicher Gutachter für mögliche Komplikationsfälle. Sein Fazit ist klar: „Ein Eingriff ins Immunsystem kann auch schief gehen.“ Dabei möchte Hartmann nicht die Methode des Impfens insgesamt kritisieren, aber „ich rate allen, sich immer vernünftig beraten zu lassen und dann Entscheidungen zu treffen“.
Nicht einfach nach dem Gießkannenprinzip
Als Hartmann seine eigenen Kinder impfen ließ, hielt er sich darum nicht an den Impfkalender der Stiko. Der empfiehlt eine Sechsfach-Impfung für Säuglinge ab dem zweiten Monat. Der Pieks in den Oberschenkel schützt unter anderem gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten, aber auch gegen Hepatitis B - eine Entzündung der Leber, die durch ein Virus ausgelöst wird, das über Körperflüssigkeiten wie Sperma, Vaginalsekret oder Blut übertragen wird. Sei denn die Mutter ist schon infiziert - das Vorsorgeprogramm für Schwangere beinhaltet ein Screening auf Hepatitis B – „ist die HepB-Komponente bei kleinen Kindern vollkommen überflüssig“, die Impfung könne man auch später noch nachholen. “Ich sträube mich dagegen, nach dem Gießkannenprinzip für alle Babys diese Impfung anzubieten“, so der Gutachter. Vor dem Hintergrund, dass die Komponente relativ viel Komplikationen mache, „kann man sich auch für eine Fünffach-Impfung ohne HepB entscheiden.“
Im Bundesgesundheitsministerium bemüht man sich seit einigen Jahren verstärkt, eine Datenbasis für Impfkomplikationen zu schaffen. Seit 2001 ist jeder Arzt nach dem Infektionsschutzgesetz dazu verpflichtet, Verdachtsfälle auf Komplikationen zu melden, das heißt laut Robert-Koch-Institut „jede über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung“. Diese Informationen werden in einer Datenbank des PEI gespeichert. „Wir bekommen einen Überblick, ob sich Einzelfälle häufen, um dann eingreifen zu können“, sagt Susanne Stöcker, Pressesprecherin am PEI. Eine Studie des RKI und PEI aus dem letzten Jahr ergab, dass „die Auswertung der Meldungen aus den Jahren 2004 und 2005 nicht auf eine Änderung des Risiko-Nutzen-Verhältnisses der heute in Deutschland auf dem Markt befindlichen Impfungen hinweist“.
Allerdings vermutet Hartmann, dass die meisten Komplikationen gar nicht bekannt werden. Zu groß könnten die Ärzte Ärger fürchten, weil sie ihre Impflinge oft nicht richtig aufklärten. „So ist das doch in der Realität.“ Und daher, so schätzt der Mediziner, werden wohl nur „fünf bis zehn Prozent der Komplikationen aller Impfstoffe gemeldet werden, der Rest geht verschütt“. Das würde bedeuten, dass weiterhin stichfeste Zahlen fehlen könnten.
* Name von der Redaktion geändert
- 1. Teil: Der kontroverse Pieks
- 2. Teil: Die Problemkinder Influenza und HPV
2. Teil: Die Problemkinder Influenza und HPV
Absolut zuverlässige Daten fehlen manchmal aber auch, wenn es um die Wirksamkeit eines Impfstoffes geht. Die Stiko empfiehlt zum Schutz gegen die alljährlich wiederkehrende Influenza allen Menschen über 60 Jahren, sich impfen zu lassen. Eine Lancet-Studie aus 2007 zeigte aber, dass der Nutzen einer Grippeimpfung bei alten Menschen offenbar weit überschätzt wird. Die Vakzine bewahrt Senioren nicht nennenswert oder nur gering vor Lungenentzündungen, den Hauptkomplikationen einer Grippe. Auch eine aktuelle Veröffentlichung der Cochrane Collaboration, die vergangene Grippeimpfstoff-Studien systematisch analysierte, kam zu ähnlichen Ergebnissen: Es machte zwar durchaus Sinn, die Bewohner von Pflegeheimen gegen Grippe zu impfen, aber der Nutzen für das Leben alter Menschen in der Gemeinschaft war eher bescheiden.
Dieter Klenk vom Institut für Virologie in Marburg hält die Influenza-Impfung dennoch für sehr sinnvoll. „Zwar sinkt der Schutz vor einer Grippe bei älteren Menschen verglichen mit jüngeren Menschen“ - ihr Immunsystem reagiert einfach nicht mehr so effizient auf Impfstoffe -, aber für den Mediziner besteht kein Anlass, sich die Sachlage noch einmal genauer anzusehen. Klenk empfiehlt auf alle Fälle weiter wie bisher zu impfen. "Da die Impfung sicher ist, lohnt sich das auch dann, wenn sie das Risiko für Lungenentzündung und Tod nur leicht senkt." Dieser Ansicht ist man auch beim PEI und lehnt eine Neubewertung der alljährlichen Grippeimpfung ab - auch wenn die Gelder im deutschen Gesundheitssystem immer knapper werden.
Nutzen der HPV-Impfung muss neu bewertet werden
Eine seit März 2007 für 12- bis 17-jährige Mädchen empfohlene Impfung, um Gebärmutterhalskrebs zu verhindern, muss hingegen von der Stiko noch einmal auf ihren Nutzen überprüft werden. Dazu hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) die Kommission aufgefordert. Das ist für Doris Becker* eine Erleichterung. Ihr Frauenarzt sagte beim letzten Check-up, dass sie ihre elfjährige Tochter gegen Gebärmutterhalskrebs impfen lassen solle. Weil das aber nur vor dem ersten Geschlechtsverkehr Sinn mache, solle sie sich schnell entscheiden. Die 42-Jährige war ratlos und skeptisch: „Ich fühlte mich schon unter Druck gesetzt, schließlich will ich ja später nicht Schuld daran sein, wenn meine Tochter Krebs bekommt.“ Nun kann sie erst noch einmal abwarten, ob die Impfung tatsächlich so wirksam ist wie behauptet.
Hintergrund der Neubewertung des Serums gegen Humane Papillomaviren (HPV) ist die Kritik von 13 Wissenschaftlern an der Impfempfehlung. Die Experten hatten Ende November 2008 Zweifel am Nutzen der Vakzine geäußert und die schnelle Einführung kritisiert - selten kam ein Medikament so schnell auf den Markt und war so teuer. „Die Richtlinien der öffentlichen Empfehlung haben nun mal Schwachstellen“, sagt Hartmann dazu. Die Stiko empfehle relativ brav, was an neuen Sachen entwickelt werde. Deshalb bräuchten die Bürger eine detaillierte Beratung, damit ihnen eine Entscheidungshilfe an die Hand gegeben wird.
Das könnte aber auch eine Gefahr bergen: „Wenn man wirklich immer gut aufklären würde, dann würden die Durchimpfungsraten wahrscheinlich zurückgehen“, so Hartmann. Um hoch ansteckende und gefährliche Infektionskrankheiten auszurotten, muss sich aber die große Mehrheit an Impfprogrammen beteiligen, um eine Herdenimmunität zu erzeugen - eine Immunität innerhalb einer Population, die so groß ist, dass auch nicht-geimpfte Individuen geschützt sind. Für Hartmann ist darum auch klar: "Ein pauschales für oder gegen Impfen ist Humbug.“ Eine kritische Auseinandersetzung und Beratung über Wirkungen und Nebenwirkungen, Nutzen und Effektivität von Impfseren ist die einzige Maßnahme, um die Verunsicherung in der Öffentlichkeit zu verringern.
* Name von der Redaktion geändert
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