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Der kontroverse Pieks (2. Teil)
Teil I: Impfen
Der kontroverse Pieks (2. Teil)
von Wiebke Heiss / MEDICA.de15.05.2009
2. Teil: Die Problemkinder Influenza und HPV
Absolut zuverlässige Daten fehlen manchmal aber auch, wenn es um die Wirksamkeit eines Impfstoffes geht. Die Stiko empfiehlt zum Schutz gegen die alljährlich wiederkehrende Influenza allen Menschen über 60 Jahren, sich impfen zu lassen. Eine Lancet-Studie aus 2007 zeigte aber, dass der Nutzen einer Grippeimpfung bei alten Menschen offenbar weit überschätzt wird. Die Vakzine bewahrt Senioren nicht nennenswert oder nur gering vor Lungenentzündungen, den Hauptkomplikationen einer Grippe. Auch eine aktuelle Veröffentlichung der Cochrane Collaboration, die vergangene Grippeimpfstoff-Studien systematisch analysierte, kam zu ähnlichen Ergebnissen: Es machte zwar durchaus Sinn, die Bewohner von Pflegeheimen gegen Grippe zu impfen, aber der Nutzen für das Leben alter Menschen in der Gemeinschaft war eher bescheiden.
Dieter Klenk vom Institut für Virologie in Marburg hält die Influenza-Impfung dennoch für sehr sinnvoll. „Zwar sinkt der Schutz vor einer Grippe bei älteren Menschen verglichen mit jüngeren Menschen“ - ihr Immunsystem reagiert einfach nicht mehr so effizient auf Impfstoffe -, aber für den Mediziner besteht kein Anlass, sich die Sachlage noch einmal genauer anzusehen. Klenk empfiehlt auf alle Fälle weiter wie bisher zu impfen. "Da die Impfung sicher ist, lohnt sich das auch dann, wenn sie das Risiko für Lungenentzündung und Tod nur leicht senkt." Dieser Ansicht ist man auch beim PEI und lehnt eine Neubewertung der alljährlichen Grippeimpfung ab - auch wenn die Gelder im deutschen Gesundheitssystem immer knapper werden.
Nutzen der HPV-Impfung muss neu bewertet werden
Eine seit März 2007 für 12- bis 17-jährige Mädchen empfohlene Impfung, um Gebärmutterhalskrebs zu verhindern, muss hingegen von der Stiko noch einmal auf ihren Nutzen überprüft werden. Dazu hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) die Kommission aufgefordert. Das ist für Doris Becker* eine Erleichterung. Ihr Frauenarzt sagte beim letzten Check-up, dass sie ihre elfjährige Tochter gegen Gebärmutterhalskrebs impfen lassen solle. Weil das aber nur vor dem ersten Geschlechtsverkehr Sinn mache, solle sie sich schnell entscheiden. Die 42-Jährige war ratlos und skeptisch: „Ich fühlte mich schon unter Druck gesetzt, schließlich will ich ja später nicht Schuld daran sein, wenn meine Tochter Krebs bekommt.“ Nun kann sie erst noch einmal abwarten, ob die Impfung tatsächlich so wirksam ist wie behauptet.
Hintergrund der Neubewertung des Serums gegen Humane Papillomaviren (HPV) ist die Kritik von 13 Wissenschaftlern an der Impfempfehlung. Die Experten hatten Ende November 2008 Zweifel am Nutzen der Vakzine geäußert und die schnelle Einführung kritisiert - selten kam ein Medikament so schnell auf den Markt und war so teuer. „Die Richtlinien der öffentlichen Empfehlung haben nun mal Schwachstellen“, sagt Hartmann dazu. Die Stiko empfehle relativ brav, was an neuen Sachen entwickelt werde. Deshalb bräuchten die Bürger eine detaillierte Beratung, damit ihnen eine Entscheidungshilfe an die Hand gegeben wird.
Das könnte aber auch eine Gefahr bergen: „Wenn man wirklich immer gut aufklären würde, dann würden die Durchimpfungsraten wahrscheinlich zurückgehen“, so Hartmann. Um hoch ansteckende und gefährliche Infektionskrankheiten auszurotten, muss sich aber die große Mehrheit an Impfprogrammen beteiligen, um eine Herdenimmunität zu erzeugen - eine Immunität innerhalb einer Population, die so groß ist, dass auch nicht-geimpfte Individuen geschützt sind. Für Hartmann ist darum auch klar: "Ein pauschales für oder gegen Impfen ist Humbug.“ Eine kritische Auseinandersetzung und Beratung über Wirkungen und Nebenwirkungen, Nutzen und Effektivität von Impfseren ist die einzige Maßnahme, um die Verunsicherung in der Öffentlichkeit zu verringern.
* Name von der Redaktion geändert
Wiebke Heiss/MEDICA.de
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