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Der feine Unterschied (1. Teil)

Teil III: Geschlechter in der Medizin

Geschlechter in der Medizin: Der feine Unterschied (1. Teil)

von Wiebke Heiss/MEDICA.de

Das Rätseln darüber, was Frauen und Männer eigentlich unterscheidet, hat im Alltagsleben Hochkonjunktur. Aber auch in der Medizin rücken die Geschlechter mehr und mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. 15.07.2009

Die Vorurteile, die in unserer Gesellschaft um das männliche oder weibliche Geschlecht kreisen, sind nicht klein zu kriegen. Simple Ratgeber füllen seit Jahren die Bücherregale, warum Frauen so anders sind als Männer und vice versa. Das Resultat: Die Verlage verdienen, die Missverständnisse zwischen den Geschlechtern wachsen. Allerdings gibt es einen Bereich, für den es sich wirklich lohnen würde, einen Blick auf den kleinen Unterschied zu werfen – zum Wohle der Gesundheit. Trotzdem: In der biomedizinischen Forschung tun Ärzte, Pharmakonzerne und Forscher oft weiterhin so, als ob Frauen eine Art kleiner Mann seien.

Dabei ist es mittlerweile für einige Medikamente belegt, dass Nebenwirkungen und Wirkungen bei Männern und Frauen unterschiedlich sind. „Das ist bei Aspirin, einigen Blutgerinnungshemmern und Digitalis, einem Präparat zur Behandlung der Herzschwäche, so“, sagt Vera Regitz-Zagrosek. In einer neuen großen Studie sei sogar gezeigt worden, dass Frauen unter Digitalistherapie eine höhere Sterblichkeit zeigten. Die Professorin vom Zentrum für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité Berlin erklärt das mit dem Arzneimittelstoffwechsel. Im Falle des Herzschwächepräparats liegt der Knackpunkt in der Nierenfunktion: „Die scheint bei Frauen geringer zu sein als bei gleichaltrigen Männern.“ Weil die Eiweiße, die in der Niere arbeiten, sich zwischen Männern und Frauen unterscheiden.

Das Neutrum ist in Wirklichkeit ein Mann

Andere Gründe für einen unterschiedlichen Arzneistoffwechsel sind das geringere Gewicht von Frauen. Auch die Fett- und Wasserverteilung ist anders zwischen den Geschlechtern und ungleich verteilte Stoffwechselenzyme und Hormone könnten zu Unter- oder Überdosen bei der Medikamentierung führen. Trotz dieses Wissens kommen Medikamente auf den Markt, die Frauen schaden können. Einer der Gründe: In der ganzen Grundlagenforschung werden junge männliche Mäuse untersucht und das erzeugt Verzerrungen in den Ergebnissen. „Wenn man mit weiblichen Mäusen arbeitet, sieht man nämlich tatsächlich Unterschiede“, klärt die Berliner Kardiologin auf. Aber warum konzentriert sich die Forschung dann auf männliche Nager? Regitz-Zagrosek gibt darauf eine pragmatische Antwort: „Die sind billiger. Außerdem wird die Medizin aber auch sehr von Männern dominiert, so dass in den Köpfen in der Forschung ein Neutrum steht, das in Wirklichkeit aber ein Mann ist.“

In der Tat konzentrieren sich pharmazeutische Studien auf Männer im jungen bis mittleren Alter. Zwar wurde 2004 entschieden, dass Frauen in Studien mit einbezogen werden sollen, aber verpflichtend ist das für Arzneimittelentwickler nicht. Mit dem Resultat, dass es kaum solche Studien gibt. Es ist eben einfach komplizierter und daher teurer, Frauen und ältere Menschen in klinische Studien mit einzubeziehen. „Frauen haben einen Zyklus, nehmen vielleicht die Pille. Das sind alles Faktoren, die mit berücksichtigt werden müssen“, so Regitz-Zagrosek. „Dabei würden auch Männer von einer stärkeren Berücksichtigung der Frauen profitieren.“ Der plötzliche Herztod, zum Beispiel, kommt bei Männern sehr viel öfter vor, wohingegen Frauen bei Herz-Kreislauferkrankungen biologische Vorteile zu haben scheinen. „Welche das sind und wie wir diese Erkenntnisse auch für Männer nutzen können, ist ein viel versprechender Ansatz für die Arzneimittelentwicklung.“

- Teil 1: Der feine Unterschied
- Teil 2: Das soziale Geschlecht mischt immer mit

 
 

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