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„Als wenn ein Fußgänger ein vorbeifahrendes Auto überprüfen sollte"
Gesundheitspolitische Interviews
„Als wenn ein Fußgänger ein vorbeifahrendes Auto überprüfen sollte"
Lehrer und Professoren, aber auch Hotels und Restaurants – vieles kann man im Internet bewerten. Ab 2010 sollen Mediziner an der Reihe sein. Die AOK plant ein Internetportal, das es Patienten möglich macht, ihre Ärzte öffentlich zu beurteilen. Kritiker warnen davor, dass Ärzte auf diese Weise digital an den Pranger gestellt werden könnten. 22.07.2009

Rudolf Henke
MEDICA.de sprach mit Rudolf Henke, Vorsitzender des Marburger Bundes, über den TÜV, Datenschutz und Werbung.
MEDICA.de: Herr Henke, als Vorsitzender des Marburger Bundes haben Sie sich skeptisch zu dem geplanten „Ärzte-TÜV“ geäußert. Warum?
Rudolf Henke: Es macht mich misstrauisch, dass die AOK mit so einem Plan an die Öffentlichkeit geht, ohne die Ärzte vorher darüber zu informieren. Bisher hat sie noch nicht gesagt, wie das Portal genau aussehen soll. Außerdem ist es falsch, von einem TÜV zu sprechen. Bei einem TÜV-Test denke ich an eine fachliche Beurteilung. Die ist mir auch sympathisch, weil es sich dabei um Sicherheit handelt. Darum geht es der AOK aber nicht, denn ein Patient ist ja kein Experte und kann nicht beurteilen, ob der Arzt qualitativ gut behandelt. Das ist so, als wenn ein Fußgänger ein vorbeifahrendes Auto überprüfen sollte.
MEDICA.de: Die AOK selbst spricht ja auch nicht von einem TÜV, sondern von einem Ärzte-Navigator. Und die Patienten sollen auch nicht die Qualität der Behandlung bewerten, sondern eher die Freundlichkeit der Arzthelferin oder ob sich der Arzt Zeit nimmt.
Henke: Natürlich wünscht sich jeder Patient einfühlsame Ärzte. Aber wenn ich eine lebensnotwenige Behandlung brauche, dann interessiert mich in erster Linie, ob der Arzt das kann. Wenn er und seine Arzthelferinnen dann auch noch freundlich sind, ist das natürlich umso besser. Zum jetzigen Zeitpunkt muss man mit Vorschusslorbeeren für diesen Ärzte-Navigator sehr vorsichtig sein. Die AOK muss aufpassen, dass sie damit keine Möglichkeit zum anonymen Rufmord an Ärzten schafft.
MEDICA.de: Eine Bewertung muss aber nicht immer schlecht sein. Wenn ein Arzt viele positive Bewertungen bekommt, kann das auch Werbung für ihn sein.
Henke: Wenn ich mit meinem Arzt zufrieden bin, kann ich ihn doch persönlich weiterempfehlen. Das ist auch Werbung für ihn. Und wenn ich mit meinem Arzt unzufrieden bin, kann ich das Gespräch mit ihm suchen und muss meinen Unmut nicht über das Internet in die Welt hinaustragen. Eine öffentliche Auseinandersetzung zwischen Arzt und Patient finde ich eher unglücklich. Außerdem ist das Internet sehr manipulationsanfällig. Und das, was einmal drinsteht, geht nicht mehr raus.
Wie zufrieden Patienten mit
Ärzten sind, soll bald öffentlich
gemacht werden; © SXC
MEDICA.de: Das sieht die AOK auch so und will deshalb Barrieren schaffen, die Missbrauch verhindern sollen. Um Mehrfachbewertungen zu umgehen, soll sich der Versicherte mit seiner Versichertennummer einloggen und damit nur einmal abstimmen können.
Henke: Wenn das so gehandhabt werden soll, wird zwar die Gefahr von Mehrfachnennungen umgangen. Aber was ist mit dem Datenschutz? Die AOK hat dann bei 24 Millionen Mitgliedern Zugriff auf einen riesigen Datenpool und kann über die Versichertennummer zuordnen, welcher Patient welchen Arzt wie bewertet hat. So etwas sollte man lieber unabhängigen Verbraucherberatern wie der Stiftung Warentest überlassen.
MEDICA.de: Und was sagen Sie dazu, dass Wissenschaftler und Ärzte gemeinsam die Fragen für das Bewertungsportal ausarbeiten sollen?
Henke: Die AOK hat zwar gesagt, dass sie die Fragen mit Ärzten entwickeln will, aber ob sie das auch macht, müssen wir abwarten. Es stellt sich dann auch die Frage, wer diese Ärzte sind. Werden sie vielleicht von der AOK ausgesucht? Dazu gibt es noch keine Informationen. Die AOK soll uns ihre Pläne erst einmal vorstellen. Mit Jürgen Graalmann, dem Vizechef des AOK-Bundesverbandes, soll es demnächst ein Gespräch darüber geben.
MEDICA.de: Patienten wünschen sich oft mehr Orientierung bei der Suche nach dem richtigen Spezialisten. Welche Alternative würden Sie denn zu so einem Bewertungsportal vorschlagen?
Henke: Zuerst einmal würde ich meinen behandelnden Hausarzt um einen Rat bitten. Auch die Ärztekammern und Kassenärztlichen Vereinigungen helfen dabei, geeignete Spezialisten zu finden. Außerdem werden die meisten sich mit Freunden und Bekannten austauschen.
MEDICA.de: Das ist aber nicht immer möglich. In der heutigen Zeit ist es nicht ungewöhnlich, dass man wegen eines neuen Jobs in eine fremde Stadt ziehen muss und dort noch keinen kennt.
Henke: Ja, das kommt vor. Aber das Problem gibt es doch auch, wenn man im Urlaub einen Arzt braucht. Ich kann das Interesse nach Transparenz und Orientierung vieler Patienten zwar verstehen, sehe aber zurzeit nicht, dass das mit dem Ärzte-Navigator erreicht wird. Es gibt noch viele offene Fragen dazu - und die AOK bekommt zurzeit viel kostenlose Reklame, indem die Medien darüber berichten.
Das Interview führte Simone Heimann.
MEDICA.de
Und was sagen Befürworter zum „Ärzte-TÜV“?
Vor zwei Wochen haben wir schon einmal über die Pläne der AOK berichtet. Die Patientenbeauftragte Helga Kühn-Mengel befürwortete in einem Interview mit MEDICA.de die Pläne der Krankenkasse.
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