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„Von der klassischen Rückenschule halte ich nichts“
Thema des Monats August: Der Bewegungsapparat
„Von der klassischen Rückenschule halte ich nichts“
Bandscheibenvorfälle, Hexenschuss und Co kosten die deutsche Volkswirtschaft rund 10 Milliarden Euro im Jahr. Der krankheitsbedingte Arbeitsausfall ließe sich mit einem strategischen Gesundheitsmanagement verringern. Doch Studien zeigen, dass die meisten Arbeitgeber noch nicht erkannt haben, welches Potential in der Gesundheitsförderung ihrer Mitarbeiter steckt. 01.08.2009
Ein Coaching am Arbeitsplatz beugt
Rückenbeschwerden vor; © Pixelio
Klaus Pelster ist stellvertretender Leiter des Instituts für Betriebliche Gesundheitsförderung in Köln. MEDICA.de sprach mit dem Experten über Rückenschulen, Qualitätsmanagement und mieses Betriebsklima.
MEDICA.de:Herr Pelster, mehr als ein Viertel aller Krankheitstage gehen auf das Konto von Muskel- und Skeletterkrankungen. Warum ist das Problem nach wie vor so groß, obwohl man bereits seit einigen Jahren versucht, mit Rückenschulen dagegen anzugehen?
Klaus Pelster: Weil Einzelmaßnahmen wie Rückenschulen allein zu kurz greifen. Wenn die Gesundheit der Mitarbeiter wirklich dauerhaft verbessert werden soll, muss man ganzheitlich an die Sache herangehen. Ein betriebliches Gesundheitsmanagement integriert das Thema Gesundheit in betriebliche Strukturen und Prozesse und betrachtet es nicht als separaten Bereich.
MEDICA.de: Was zeichnet ein gutes Gesundheitsmanagement aus?
Pelster: Unter anderem, dass den Mitarbeitern nicht einfach irgendwelche gesundheitsfördernde Maßnahmen übergestülpt werden. Es ist sehr wichtig, sie beispielsweise durch Mitarbeiterbefragungen oder Analysen der Arbeitssituation mit einzubinden. Das heißt, man redet mit einer Gruppe von Beschäftigten aus einem Arbeitsbereich über betriebliche Abläufe, um hier Probleme zu erkennen. Erst nachdem die Ausgangssituation in Bezug auf Krankenstand, Mitarbeiterengagement und –zufriedenheit geklärt ist, können Ziele festgelegt und Maßnahmen für deren Umsetzung entwickelt werden. Im Prinzip läuft es also ähnlich wie beim Qualitätsmanagement.
MEDICA.de: Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bieten nur 20 Prozent der Unternehmen freiwillige Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung an. Warum sollten sich Firmen mehr um das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter kümmern?
Pelster: Weil es sich wirtschaftlich lohnt. Gesündere und motiviertere Beschäftigte sind seltener krank. Dadurch hat man weniger Ausfallzeiten und spart die damit verbundenen Kosten. Außerdem steigt die Qualität der Dienstleistungen, denn zufriedene und engagierte Mitarbeiter arbeiten besser. Für jeden Euro, den ich in die Gesundheit meiner Mitarbeiter investiere, kriege ich das zweieinhalbfache wieder raus. Und noch etwas: Wenn ich mich gut um meine Beschäftigten kümmere, steigert das meine Attraktivität als Arbeitgeber. Im Wettbewerb um die besten Leute habe ich so einen entscheidenden Vorteil.
MEDICA.de: Welche Maßnahmen sind denn Ihrer Erfahrung nach besonders wirksam, um Rückenschäden vorzubeugen?
Pelster: Das Rückencoaching am Arbeitsplatz ist beispielsweise sehr effektiv. Unsere Spezialisten beobachten die Arbeitsabläufe direkt vor Ort und geben Tipps für ein rückenschonendes Verhalten. Von der klassischen Rückenschule ohne Bezug zum Arbeitsplatz halte ich hingegen nichts, denn diese zeigt langfristig keine Wirkung. Generell lässt sich aber schwierig sagen, welche Maßnahme besonders erfolgversprechend ist. Es kommt immer auf die individuelle Problemstellung im Unternehmen an. Wenn die Ursache für einen hohen Krankenstand zum Beispiel in einem vergifteten Betriebsklima und einer schlechten Mitarbeiterführung zu suchen sind, erreiche ich mit einem Rückencoaching natürlich relativ wenig.
MEDICA.de: Gibt es denn einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen miesen Chefs und Rückenschmerz?
Pelster: Ja, Führungsverhalten und Krankenstand stehen tatsächlich in einer engen Wechselbeziehung. Wir bieten daher auch gezielt Schulungen für Vorgesetzte an, in denen unter anderem die Grundlagen einer gesunden Kommunikation vermittelt werden, denn daran hapert es häufig.
Das Interview führte Sonja Endres.
MEDICA.de












