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Der große Unbekannte (2. Teil)
Teil V: Dekubitus
Der große Unbekannte (2. Teil)
von Wiebke Heiss / MEDICA.de15.09.2009
2. Teil: Mangel an Forschung
Dekubitus ist bisher also nicht zu besiegen. Warum? Da sind sich selbst Mediziner nicht sicher – in der Expertenwelt entpuppt sich das Druckgeschwür als unbekannte Größe. Theo Dassen, Professor für Pflegewissenschaft an der Charité in Berlin, sagt dazu: „Wir wissen nicht, warum manche Menschen schon nach drei Tagen einen Dekubitus kriegen und andere gar nicht, wir wissen nicht, warum das Gewebe unter der Haut kaputt geht, wir wissen nach 100 Jahren noch nicht einmal, wie wir Dekubitus genau definieren sollen.“ Daher passiert es immer wieder, dass Ärzte ratlos um einen Neugeborenen herumstehen, weil der ein Druckgeschwür entwickelt hat. Denn obwohl es meistens ältere Menschen trifft, ist eigentlich niemand, der längere Zeit liegen muss, sicher vor der chronischen Wunde.
Wovon aber alle Experten ausgehen, ist, dass es mit der älter werdenden deutschen Bevölkerung auch mehr chronische Erkrankungen geben wird. Und das wiederum wird mit großer Wahrscheinlichkeit zu mehr Dekubitusfällen führen. Es ist also höchste Zeit, mehr über das Geschwür zu lernen. „Wir würden auch gerne mehr Forschung machen“, sagt Dassen. „Es ist aber schwer, Leute mit Geld zu finden.“ Die Forschungstöpfe öffneten sich eher für Studien zu Krebs oder HIV. Dabei sei Dekubitus eines der größten Probleme in der Gesundheitsversorgung: Millionen Euro könnten jedes Jahr gespart werden, da ein Dekubitus im Schnitt 50.000 Euro kostet. „Man findet aber trotzdem nichts zu der Erkrankung in Statistiken, da sie oft nur eine Begleiterscheinung einer anderen Krankheit ist.“
Mehr Forschung ist der Schlüssel
Zahlen erhebt seit einigen Jahren das Institut für Medizin-, Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft an der Charité unter Leitung von Dassen. Eine Studie aus Pflegeheimen und Krankenhäusern aus 2009 zeigt, dass die Zahl der Druckgeschwüre in den teilnehmenden Häusern generell seit 2005 sank – in Krankenhäusern von 21 Prozent auf 14 Prozent in diesem Jahr, in Pflegeheimen von 9 Prozent auf 6 Prozent. Aber es gelang nicht, die Geschwüre vollkommen zu vermeiden. Ob das nun an den falschen Maßnahmen oder aber am allgemein schlechten Ausgangszustand der Patienten lag, ist unklar.
„Dass Dekubitus ein Zeichen für Pflegefehler ist, halte ich aber eher für ein Gerücht“, so Dassen. In Europa gäbe es sicher keine einzige Intensivschwester, die bei einem Dekubitus nicht alarmiert sei. „Und auch keine Pflegedirektorin.“ Erschreckende Einzelfälle streitet der Professor nicht ab, aber das sei kein flächendeckendes Problem. „Im Allgemeinen wissen Pfleger im Krankenhaus oder Pflegeheim, was zu tun ist bei Dekubitus“, erklärt Dassen. Dennoch müsse man immer sehen, dass die Leute geschult sind und bleiben. „Am Besten jedes Jahr. Da fehlt es in Heimen und Krankenhäusern schon mal an Geld“, so der Professor.
Für Dassen liegt das Problem eher in einem Mangel an gesicherten Erkenntnissen. Die Zahlen zu Dekubitus in Deutschland sind tatsächlich vergleichbar mit denen in anderen Ländern. „Weltweit versucht man herauszufinden wie sich das Problem in den Griff kriegen lässt“, so der Professor. „Und trotzdem stagniert es bei einer bestimmten Prozentzahl.“ Vielleicht liegt es tatsächlich an ungesicherten Erkenntnissen sowohl bei der Prophylaxe als auch bei der Behandlung der Geschwüre. „Es gibt sehr wenig Evidenz für Maßnahmen und Behandlung“, sagt der Professor, „und das ist wirklich ein Problem.“ Der Grund: Es gibt zu wenig Forschung. Daraus resultieren Leitlinien, die zwar auf der einen Seite auf dem besten den Pflegern und Forschern zur Verfügung stehende Wissen basieren. „Aber auf der anderen Seite sind es zu 80 Prozent Erfahrungen aus der Praxis, die nicht wissenschaftlich belegt sind.“
Wiebke Heiss
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