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„Es gibt genug Arbeit für alle“
Gesundheitspolitische Interviews
„Es gibt genug Arbeit für alle“
Das Problem: In vielen ländlichen Regionen Deutschlands herrscht akuter Ärztemangel. Die Lösung: Mobile Arzthelfer entlasten Hausärzte, indem sie in ihrem Auftrag Hausbesuche machen. Die Idee wurde im AGnES-Projekt erfolgreich umgesetzt, war Mittelpunkt großer Kritik – und ist seit einem halben Jahr Regelleistung. 09.11.2009

Neeltje van den Berg
MEDICA.de sprach mit Neeltje van den Berg, stellvertretende Projektleiterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Community Medicine der Universität Greifswald, über falsches Konkurrenzdenken, sinnvolle Aufgabenteilung und darüber, warum die medizinische Qualität nicht leidet.
MEDICA.de: Frau van den Berg, seit Ihr Projekt im öffentlichen Interesse steht, wurden immer wieder Stimmen laut, dass AGnES den mobilen Pflegediensten Konkurrenz machen oder sogar der Ärzteschaft den Rang ablaufen würde. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Neeltje van den Berg: Die AGnES-Kräfte sollen Hausärzte entlasten. Der Arzt gibt dabei keinerlei Kompetenzen ab, sondern nur Arbeit, es handelt sich um eine reine Delegation von Aufgaben. Außerdem pflegen die Fachkräfte nicht. Wenn Pflegeaufgaben anfallen, werden diese auch entsprechend abgegeben.
MEDICA.de: Also stehen die Arzthelferinnen nicht in Konkurrenz zur Pflege?
Van den Berg: Nein, eher im Gegenteil. In vielen Fällen war es zur Projektlaufzeit sogar so, dass die Pflegedienste mehr Arbeit bekamen. Die Praxisassistenten stellten bei ihren Patientenbesuchen auch fest, wo regelmäßiger Pflegebedarf besteht und leiteten weitere Schritte ein. Ich denke, es gibt genug Arbeit für alle, da muss man sich nicht noch zusätzlich Konkurrenz machen.
MEDICA.de: Ihr Konzept ist inzwischen Teil der Regelversorgung. Bedeutet das, dass man demnächst den mobilen Schwestern in ganz Deutschland begegnen wird?
Van den Berg: Das ist schon möglich. Die Leistung kann ja nun bundesweit abgerechnet werden. AGnES wird aber nur in unterversorgten und von Unterversorgung bedrohten Regionen eingesetzt, oder in solchen mit besonderem Bedarf. Das ist dann aber Ermessenssache der Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigung.
MEDICA.de: Was ist mit der Qualifizierung der speziellen Assistenten?
Van den Berg: Das ist ein Punkt, der uns besonders wichtig ist. Auf Basis der Projektergebnisse haben wir in Kooperation mit der Hochschule Neubrandenburg ein Curriculum mit 622 Fortbildungsstunden entwickelt und auch evaluiert. Die Themen sind modular aufgebaut, da viele Arzthelfer oder Krankenschwestern schon zahlreiche Weiterbildungen gemacht haben. Durch die Aufnahme in die Regelversorgung sind jetzt allerdings nur noch etwa 200 Stunden für die Fortbildungen vorgesehen. Da sagen wir: Aufpassen!
MEDICA.de: Aufpassen? Inwiefern?
Van den Berg: Naja, die Fachkräfte müssen vor Ort beim Patienten einschätzen können, ob es ausreicht, die aufgetragenen Aufgaben zu erledigen oder ob nicht doch der Hausarzt oder sogar der Notarzt verständigt werden sollte. Da müssen sie natürlich entsprechend weitergebildet und qualifiziert sein. Außer Diagnosen stellen und Therapien einleiten, machen die Schwestern vor Ort nämlich alles, was notwendig und delegierbar ist. Allerdings haftet in letzter Konsequenz immer der delegierende Hausarzt. Daher ist eine ausreichende Qualifizierung der Schwestern auch in seinem Interesse.
MEDICA.de: Kann die Qualität der Behandlung vor Ort wirklich mit einer hausärztlichen Behandlung mithalten?
Van den Berg: Definitiv. Wir haben diesen Aspekt ausgewertet, subjektiv wie objektiv. Wir haben die Ärzte befragt, ob sie die Behandlung im Team mit einer AGnES-Kraft qualitativ genauso gut einschätzen wie ihre eigene Behandlung. Alle befragten Ärzte haben hier zugestimmt. Objektiv gesehen – haben wir analysiert, dass sich beispielsweise die Blutdruckwerte der Patienten durch die nun regelmäßige Überwachung gebessert haben. Auch die psychische Lebensqualität nimmt durch die Zuwendung der Fachkräfte signifikant zu. Das wirkt sich wieder positiv auf die Gesundheit aus. Es war immer unser Ziel, dass die gemeinsame Versorgung des Patienten durch Hausarzt und Assistentin genauso gut ist wie die des Hausarztes alleine.
MEDICA.de: Was muss man an AGnES denn noch verbessern?
Van den Berg: AGnES ist seit dem ersten April in der Regelversorgung. Da ist es jetzt noch zu früh, um das genau beurteilen zu können. Das Konzept braucht erst einmal eine Chance, seinen Platz zu finden. Allerdings müssen wir jetzt schon eine entsprechende Evaluierung einleiten. Bis jetzt wurde aber noch nicht festgelegt, wer die Evaluierung vornehmen wird und wie genau diese aussehen soll. Die Abrechnungs-Ziffern zeigen ja leider nicht, was tatsächlich vor Ort gemacht wurde. Auch ob die für Hausbesuche angesetzten 17 Euro Vergütung ausreichen, muss sich erst noch zeigen.
Das Interview führte Nadine Lormis
MEDICA.de
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