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Sie befinden sich hier: MEDICA-Portal. MEDICA Magazin. Thema des Monats. Jahres-Archiv. Unsere Themen 2010. Juli 2010: Qualitätsmanagement.

Ein Ohr für den Patienten

Ein Ohr für den Patienten

Foto: Menschliches Ohr

“Ich habe angefangen, Medizin zu studieren, weil ich mit Menschen zu tun haben wollte. Als ich fertig war, hatte ich mehr mit Qualitätssicherungsbögen zu tun. Da habe ich mir gesagt: Jetzt kannst du gleich selber in die Politik gehen und solche unsinnigen Gesetze abschaffen.“

Es wird Sie vielleicht überraschen, von wem diese Aussage zum Thema Qualitätsmanagement stammt. Philipp Rösler, unser Bundesgesundheitsminister, hat das gesagt. Und Rösler weiter: „Wenn es ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten gibt, wenn Ärzte und Pfleger Zeit für ihr berufliches Ethos bekommen, brauchen Sie auch keine Qualitätssicherungsbögen.“(1)

Fakt ist, dass die aktuellen politischen Bestrebungen genau in die entgegen gesetzte Richtung zielen. Ab diesem Jahr ist es nun auch für niedergelassene Vertragsärzte Pflicht, systematisches Qualitätsmanagement (QM) zu betreiben. Das heißt, sie müssen in ihrer Praxis ein QM-System implementiert haben und so einen - in der Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses festgeschriebenen – Vorgabenkatalog erfüllen. Keine Verschlankung also, sondern vielmehr eine Ausweitung der von Rösler kritisierten Bürokratie.

Die Rahmenbedingungen stimmen nicht

Es wird interessant sein, zu verfolgen, ob sich die zitierte Haltung Röslers in zukünftigen gesundheitspolitischen Entwicklungen wieder finden wird. Im Klartext: Wird es doch noch dazu kommen, dass endlich die Rahmenbedingungen geschaffen werden für eine Medizin, in der die Kommunikation zwischen Arzt und Patient einen adäquaten Stellenwert erhält? Kommunikation als vertrauensbildende, vielleicht sogar heilungsfördernde Basismaßnahme und Kommunikation auch als wertvolles Instrument für zielgerichtetes – an den Bedürfnissen der Patienten ausgerichtetes - Qualitätsmanagement.

Obwohl das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich nicht schlecht da steht, was die medizinische Versorgungsqualität anbelangt - die deutschen Patienten sind unzufrieden. Laut einem Bericht des IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) sind in Deutschland zum Beispiel die Wartezeiten am kürzesten, die Möglichkeiten der Arztwahl am größten und die Laborbefunde am zuverlässigsten. Trotzdem beurteilen die Deutschen ihr Gesundheitssystem deutlich schlechter, als es etwa US-Amerikaner oder Briten tun.(2)

Was genau erwarten die Patienten von einem guten Arzt, und was fehlt ihnen aktuell bei der medizinischen Versorgung? Diesen Fragen nachzugehen, wäre ein guter Wegweiser für die Planung von Qualitätssicherungsmaßnahmen.

 
 

Foto: Zwei Frauen

Die Patienten wollen vor allem eins: mehr Kommunikation

Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von 1500 Männern und Frauen im Alter zwischen 18 bis 79 Jahren zu ihren Erfahrungen und Wünschen in punkto medizinischer Versorgungsqualität. (3) Egal welcher Aspekt in den Fragen thematisiert wurde, eine Aussage zieht sich wie ein roter Faden durch alle Antworten: Die Patienten wollen mehr Kommunikation, mehr soziale Kompetenz.

Die auf Platz 1 rangierende Negativerfahrung ist der enorme Zeitdruck, unter dem die Ärzte behandeln müssen. Und fast 100 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, dass die „Arztausbildung nicht nur medizinisches Fachwissen, sondern auch Einfühlungsvermögen und Gesprächsführung umfassen sollte.“ Das Honorarsystem sollte so ausgerichtet sein, dass sich das ausführliche Gespräch mit dem Patient für den Arzt finanziell lohnt – auch das befürworten fast alle Befragten.

Oft sind es ganz simple Dinge, die schief laufen

Eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist die vielleicht effektivste Maßnahme zur Qualitätssicherung. Oft sind es ganz simple Dinge, die die Versorgungsqualität für den Patienten spürbar beeinträchtigen. Eine lange Wartezeit etwa, Paradebeispiel für mangelhafte Organisation, lässt sich meist durch einfache Maßnahmen deutlich verkürzen. Ob zwischenmenschlich, organisatorisch oder medizinisch - egal wo ein Sandkorn im Getriebe steckt, immer sind es die Patienten, die es trifft und die deshalb auch das Problem am besten zurückspiegeln können.

Kommunikation muss keineswegs immer zeitintensiv sein. Auch ist keineswegs immer die mangelnde Zeit der Grund, warum in Deutschland nicht genug kommuniziert wird zwischen Arzt und Patient. Zettelkästen, wie sie – im Zuge der QM-Richtlinie - jetzt in vielen Praxen hängen, sind sicher nicht schlecht, um die Meinung der Patienten zu erfahren. Aber viel wichtiger ist etwas ganz anders: die Offenheit für ein Gespräch.


Quellen:

1. Bundesministerium für Gesundheit, Interview von Philipp Rösler mit der Bild-Zeitung am 1.11.2009

2. Sawicki, Peter : Qualität der Gesundheitsversorgung in Deutschland – Ein randomisierter simultaner Sechs-Länder-Vergleich aus Patientensicht, Medizinische Klinik 2005;100:755-68

3. Marstedt, Gerd, Landmann, Juliane: Qualitätssicherung im Versorgungssystem – Patienten fordern weit reichende Veränderungen, Gesundheitsmonitor 4/2009


Ulrike Viegener
MEDICA.de

 
 

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