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„Angehörige werden vor dem Bildschirm allein gelassen“

Twittern im OP: „Angehörige werden vor dem Bildschirm allein gelassen“

08.02.2010

Foto: Hartwig Bauer

Professor Hartwig Bauer; © DGCH

Was früher das geheime Tagebuch war, ist heute der öffentliche Blog. Im Internet findet man immer mehr private und persönliche Informationen von Menschen, zugänglich für jedermann. In den USA gibt es sogar Kliniken, die über jeden Schnitt einer Operation live im Internet berichten.

Hartwig Bauer ist Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) und sieht das Twittern im OP kritisch. MEDICA.de sprach mit dem Professor über Arzt-Kommentare auf dem Bildschirm, Sorgen von Angehörigen und heimische DVD-Partys.


MEDICA.de: Herr Bauer, die Generation Web 2.0 kommt offensichtlich ohne Internet nicht mehr aus. Für manche Menschen darf das Twittern selbst bei einer Operation nicht fehlen. Entwickelt sich da ein neuer Trend?

Hartwig Bauer: Es ist richtig, dass das Internet für immer mehr Menschen zum Alltag gehört. Allerdings bezweifle ich, dass das Twittern aus dem OP bisher weit verbreitet ist. In einigen Krankenhäusern in den USA ist es tatsächlich so, dass man den Verlauf einer Operation über Kurzmitteilungen live im Internet verfolgen kann. Aber das ist noch eine überschaubare Zahl. Von einem Trend würde ich hier nicht sprechen.

MEDICA.de: Ist es denn von Vorteil, wenn man als Verwandter jeden Schnitt der Operation gemeldet bekommt?

Bauer: Nein, denn gerade ein medizinischer Laie kann nur schwer beurteilen, was im OP passiert. Ein anderer Arzt kann vielleicht einordnen, was eine stärkere Blutung bedeutet, die plötzlich auftritt. Angehörige ohne medizinisches Fachwissen werden dagegen sofort beunruhigt sein, wenn sie so etwas über das Internet erfahren, egal, ob die Blutung wirklich gefährlich ist oder nicht. Und was bedeutet es für den Angehörigen, wenn bei auftretenden Schwierigkeiten während der Operation plötzlich eine „Sendepause“ eintritt?

MEDICA.de: Angehörige haben aber ein Recht auf Informationen. Und das Twittern soll Angehörige informieren und zur allgemeinen medizinischen Aufklärung beitragen.

Bauer: Das sind zwei verschiedene Dinge. Wenn Krankenhäuser und Ärzte im Internet über Operationsmethoden berichten und Patienten dadurch allgemein aufklären wollen, finde ich das in Ordnung. Ein Recht auf Informationen haben die Angehörigen natürlich auch, aber das Twittern scheint mir nicht die richtige Form zu sein, um medizinische Information verständlich zu vermitteln. Die Zeichen einer Kurzmitteilung sind begrenzt, komplizierte Sachverhalte können deshalb nicht richtig dargestellt werden. Außerdem werden die Angehörigen mit den Twitter-Nachrichten vor dem Bildschirm allein gelassen und können keine Nachfragen stellen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Das kann ein Angehöriger nur, wenn er die Informationen persönlich von einem Arzt bekommt. Und ich denke, dass man ihm durchaus zumuten kann, mit so einem Gespräch, auch telefonisch, bis zum Ende der Operation zu warten.

 
 
Foto: Hände und Handytastatur

Twittern wird immer beliebter; © SXC

MEDICA.de: In den USA haben die Menschen damit scheinbar weniger Probleme. Der Kommentar eines Angehörigen lautete: „Die Zeit vergeht schneller, wenn man mit Informationen in Echtzeit versorgt wird und nicht nur im Warteraum herumsitzt.“ Wie erklären Sie sich das?

Bauer: Das mag für Einzelne so zutreffen. Ich würde das aber nicht verallgemeinern und davon ausgehen, dass das alle Angehörigen so sehen.

MEDICA.de: Die US-Kliniken selbst sehen das Twittern aber eher als harmlose Variante, denn zuvor wurden Operationen dort per Webcam live im Internet übertragen. Gibt es da ein grundlegend anderes Verständnis zwischen den USA und beispielsweise Europa?

Bauer: Ob das Verständnis vom Internet und Twittern generell ein anderes ist, ist schwer zu sagen. In den USA handelt es sich bis jetzt auch nur um Einzelfälle. Einen größeren Unterschied sehe ich zwischen dem Verständnis von privat und öffentlich beziehungsweise in der Einstellung zum Umgang mit sensiblen Daten. Wenn man in den USA eine Operation per Webcam im Internet überträgt, sind die Bilder für jeden zugänglich. In Deutschland ist es allerdings möglich, eine Aufzeichnung der eigenen Operation als DVD mit nach Hause zu nehmen. Der Patient kann damit, wenn er will, in privatem Rahmen eine DVD-Party seiner Operation machen. Oder aber er nutzt die Aufzeichnung, wenn es darum geht, bei einem vermuteten Behandlungsfehler Haftpflichtansprüche geltend zu machen.

MEDICA.de: Welche Probleme sehen Sie beim Twittern?

Bauer: Ich denke da an den Datenschutz, denn Twitter-Nachrichten sind für einen großen Empfängerkreis zugänglich. Außerdem werden durch solche Kurzmitteilungen die ärztliche Schweigepflicht und das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient gestört, selbst wenn der Patient dem Twittern zustimmt. Darüber hinaus gibt es die Grundregel, dass im OP nur so viel wie nötig gesprochen wird. Diese Regel wird beim Twittern aber gebrochen, weil der Operateur jeden Schritt detailliert kommentieren muss. Und das könnte seine Konzentration stören.

MEDICA.de: Denken Sie, dass das Twittern im OP - in den USA oder in anderen Ländern - Schule machen könnte?

Bauer: Es könnte sein, dass einige Kliniken das Twittern als Marketing-Strategie für ihr Haus nutzen, sich damit von anderen abheben und auf sich aufmerksam machen wollen. Dass sich das Twittern im OP bei uns als Trend durchsetzt, kann ich mir aber nur schwer vorstellen.

Das Interview führte Simone Heimann
MEDICA.de