Hauptinhalt dieser Seite

Sprungmarken zu den verschiedenen Informationsbereichen der Seite:

Sie befinden sich hier: News. Interviews. Business-Interviews.

„In Krisengebieten ist Kreativität gefragt“

Business-Interviews

Ärzte ohne Grenzen: „In Krisengebieten ist Kreativität gefragt“

Bürgerkriege, Überschwemmungen oder ein Erdbeben wie kürzlich auf Haiti – für Ärzte bedeuten solche Katastrophen Schwerstarbeit. Operiert wird im Akkord unter schlechten hygienischen Bedingungen, es fehlen Narkosemittel und Medikamente. 22.02.2010

Foto: Dr. Tankred Stöbe
Tankred Stöbe, Ärzte ohne Grenzen;
© Barbara Sigge

Tankred Stöbe ist Chef der deutschen Sektion von „Ärzte ohne Grenzen“ und war unter anderem 2004 nach dem Tsunami auf Sumatra. MEDICA.de sprach mit dem Arzt über emotionale Situationen, Ideen aus der Not heraus und die Motivation, unter Extrembedingungen zu helfen.

MEDICA.de: Herr Stöbe, in Krisengebieten verwandelt sich mangels Alternativen auch mal ein Küchentisch im Handumdrehen zum OP-Tisch. Haben Sie so etwas auch schon erlebt?

Tankred Stöbe: Ja. In Krisengebieten ist Kreativität gefragt, weil es von vielem zu wenig gibt. Es fehlen Medikamente, Geräte zur Diagnose oder Instrumente zur Behandlung. Ärzte müssen improvisieren, um den Menschen vor Ort schnell und unkompliziert helfen zu können. Das ist nicht immer einfach, aber genau genommen die wirkliche ärztliche Kunst.

MEDICA.de: Können Sie ein Beispiel nennen?

Stöbe: In Indonesien habe ich einen alten Mann in einem Krankenhaus gesehen, der alle Symptome eines akuten Herzinfarktes zeigte. Das Krankenhaus war für so eine Behandlung aber nicht ausgerüstet. Und da es die nötigen Medikamente noch nicht in der Krankenhausapotheke gab, musste ich die erst in einer externen Apotheke kaufen. So haben wir dem Mann das Leben gerettet.

MEDICA.de: Neben Medikamenten fehlen manchmal auch chirurgische Instrumente. Nach dem Erdbeben auf Haiti sollen Ärzte mit Hand- oder Kreissägen den Patienten Arme oder Beine amputiert haben.

Stöbe: Ja, die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen nehmen die nötigen Instrumente zwar mit zum Einsatzort, aber wenn Flugzeuge wegen der zerstörten Infrastruktur nicht landen können, wie es auf Haiti der Fall war, und die Krankenhäuser vor Ort auch noch beschädigt sind, greifen Kollegen auch mal zu einer Handwerkersäge und retten damit Menschenleben.

MEDICA.de: Sie waren 2004 nach dem Tsunami auf Sumatra im Einsatz. Gab es da Behandlungen, die für Sie besonders schlimm waren?

Stöbe: Ich erinnere mich an einen Mann, der mit einer verfaulten Hand in unsere Klinik kam. Die Verletzung war schon so weit fortgeschritten, dass wir die Hand amputieren mussten. Das war tragisch, weil der Mann Schneider war. Er ist absichtlich nicht früher ins Krankenhaus gekommen, weil er Angst hatte, die Hand nach einer Behandlung nicht mehr einsetzen zu können. Ein Trugschluss mit fatalen Folgen. Bei einem anderen Einsatz kurz nach dem Bürgerkrieg 2003/2004 in Liberia kamen drei Männer mit schwersten Verbrennungen zu uns – sie wurden nach einem vermeintlichen Diebstahl mit Benzin übergossen und angezündet. Diese Leben konnten wir nicht mehr retten, sondern den Männern mit starken Schmerzmitteln nur noch das Sterben etwas erträglicher machen.

 
 
Foto: Zerstörtes Haus nach Überschwemmung
In Krisengebieten ist schnelle Hilfe gefragt, vor allem von Ärzten; © SXC
 
 

MEDICA.de: Wenn es sehr viele Verletzte gibt - wie nach dem Tsunami oder auch nach dem Erdbeben auf Haiti - greifen Mediziner oft auf "Triage" zurück. Das ist eine Maßnahme, bei der die Verletzten nicht der Reihe nach behandelt werden, sondern diejenigen zuerst Hilfe bekommen, die sie besonders schnell brauchen oder bei denen am meisten Hoffnung auf Heilung besteht. Ärzte entscheiden damit über Leben und Tod. Wie fühlt sich so ein Selektieren an?

Stöbe: Triage ist eine sehr emotionale Sache, die gelernt werden muss. Denn es ist ganz normal, dass man eigentlich dem ersten Verletzten, dem man begegnet, helfen will. Wenn es aber viele Patienten gibt, kann das fatal sein, weil nicht immer diejenigen schnelle Hilfe bekommen, die sie am nötigsten haben. Für die einheimischen Ärzte und Helfer ist Triage natürlich noch emotionaler als für mich als externer Arzt, der keinen persönlichen Bezug zu den Verletzten hat. Die einheimischen Ärzte haben manchmal Verwandte und Freunde vor sich. Deshalb sollten diese Maßnahmen besonders trainiert und immer wieder erklärt werden, weil mit Triage effektiver behandelt werden kann, auch wenn es schwer fällt.

MEDICA.de: Sie sehen sehr viel Leid, sind aber auch nur ein Mensch. Wie schaffen Sie es, trotz der extremen Umstände und dem enormen Stress Ihre Arbeit gut zu machen?

Stöbe: Die Arbeit ist zwar belastend und oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber sie ist auch erfüllend. Am Abend weiß ich, dass ich viel geschafft habe. Und ich weiß, dass ich in Krisengebieten noch mehr gefordert bin als in Deutschland. Hier bin ich lediglich eine Stellschraube in einem Gesundheitssystem, das sowieso funktioniert. In Krisengebieten hängen dagegen mehr Menschenleben von meiner Arbeit ab. Und vor diesem Hintergrund und mit diesem Wissen kann ich auch unter extremen Umständen arbeiten.

MEDICA.de: Seit 2002 sind Sie für "Ärzte ohne Grenzen" im Einsatz. Was motiviert Sie an dieser Arbeit und wie gehen Sie persönlich mit den Belastungen um?

Stöbe: Die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, sind oft hart. Das Klima ist ganz anders, die Unterkünfte einfach und auch die oft schwierige Sicherheitslage in Bürgerkriegsgebieten erfordert Einschränkungen für die Mitarbeiter. Aber ich bekomme auch viel zurück und das motiviert mich. Es ist ein großer Zugewinn, Menschen und andere Kulturen kennenzulernen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mehr beschenkt werde, als ich geben kann. Und da ich nie alleine bin, sondern immer im Team arbeite, kann ich auch mit Kollegen über das sprechen, was ich erlebe. Das ist sehr wichtig und hilft mir, mit der Belastung umzugehen.

MEDICA.de: Zurzeit arbeiten Sie als Arzt in einem Berliner Krankenhaus. Werden Sie diesen Arbeitsplatz in nächster Zeit wieder gegen den Arbeitsplatz in einem Krisengebiet tauschen?

Stöbe: Nicht dauerhaft, aber ich versuche immer wieder, ein paar Wochen in einem Projekt im Ausland mitzuarbeiten. Mein Wunsch ist, dass ich es einmal im Jahr schaffe, wenn ich Urlaub habe oder Überstunden abbauen kann.

Das Interview führte Simone Heimann
MEDICA.de

 
 
 

Mehr Informationen

Noch mehr Interviews!

Mikrofon, verlinkt zu weiteren Interviews

© Pixelio.de
Es gibt noch mehr Interviews zu Politik, Business und Innovationen im Gesundheitsbereich!

Klicken Sie hier für eine Übersicht!