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Kommunikation gelungen, Patient lebt

Thema des Monats März: Patientensicherheit und Kunstfehler

Simulationstraining: Kommunikation gelungen, Patient lebt

Graue Theorie gibt es im Medizinstudium zuhauf. Nach dem letzten Studiensemester an der Universität sind die meisten Absolventen wandelnde Lexika der Medizin. Fehler im Operationssaal geschehen trotzdem immer wieder. In den meisten Fällen sind sie aber nicht auf Lücken im Fachwissen der Ärzte zurückzuführen. Kommunikation ist vielmehr das Schlüsselwort – und Simulationspuppen können helfen.01.03.2010

Foto: Sechs leere Sprechblasen
Die richtigen Worte machen den
entscheidenden Unterschied im OP;
© SXC

Sie kommen echten Menschen inzwischen ziemlich nahe: Sie haben einen Puls, einen fühlbaren Herzschlag, einen hörbaren Atem. Sie können schwitzen und bluten und über ein Mikrophon erhalten sie sogar eine Stimme. Simulationspuppen sind technisch sehr weit entwickelt und können von Asthma bis Herzinfarkt viele verschiedene Krankheitsbilder nachahmen. Die faszinierenden technischen Details helfen, eine fast wirklich anmutende Notsituation darzustellen. So können Ärzteteams an Simulationspuppen die Zusammenarbeit üben – ohne, wie im echten Operationssaal, einen Patienten zu gefährden.

„70 Prozent der Fehler sind auf die sogenannten menschlichen Faktoren zurückzuführen“, erklärt der Psychologe Peter Dieckmann vom Dänischen Institut für Medizinische Simulation (DIMS). Damit ist vor allem die Kommunikation und Koordination im Team gemeint – eine Fähigkeit, die Medizinstudenten im Vorlesungssaal kaum erlernen können. In Dänemark müssen angehende Anästhesisten während ihrer Facharztausbildung daher 16 Tage gemeinsam an Simulationspuppen trainieren.

Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

„Wo ist das Blut, das ich eben bestellt habe?“ Der Chirurg klingt gereizt, denn der Patient auf dem OP-Tisch braucht dringend eine Bluttransfusion. „Wie, Du hast Blut bestellt?“ kommt prompt die erschrockene Antwort. Vor lauter Stress und Konzentration ist die Order untergegangen. Niemand im Team hat Blutkonserven beschafft.

„Solche Szenen kann man im Simulationstraining immer wieder erleben“, berichtet Dieckmann. Das Team, das sich wie im echten Notfall verhält und alles tut, um der „leidenden“ Puppe zu helfen, kann den eigenen Einsatz hinterher auf Video beobachten. „Das ist für viele ein großes Aha-Erlebnis“, meint auch der Psychologe Theo Wehner vom Zentrum für Organisations- und Arbeitswissenschaften in Zürich, Schweiz. „Es gibt Menschen, die während des gesamten Einsatzes kein Wort verlieren.“

 
 
Foto: Ärzte und Ärztinnen trainieren an der Simulationspuppe
Bei der Übung versuchen die Ärzte alles, um die Simulationspuppe "zu retten"; © SAFER
 
 

Im Operationssaal soll zwar möglichst wenig geredet werden, um die Konzentration nicht zu stören. Doch ein paar Worte an der richtigen Stelle können Leben retten. „Es ist wichtig, dass die Kommunikationsschleife geschlossen wird: Gibt jemand eine Anweisung, muss eine klare Rückmeldung gegeben werden, wer den Auftrag umsetzt“, erklärt Dieckmann. Sonst bleibt unklar, ob sich einer, drei oder womöglich gar keiner kümmert. „Bei Piloten gibt es längst solche Kommunikationsvorschriften“, so Dieckmann. „Gibt einer den Befehl an Höhe zu gewinnen, bestätigt der zweite verbal die Durchführung.“

Häufig werden die Teammitglieder auch mit einer Kette von Anweisungen überfordert: „Ich brauche dies, das und jenes – mit solchen Schlangensätzen mitten im größten Stress ist die Gefahr groß, das eine der Anweisungen vergessen wird“, so Dieckmann. Außerdem bleibt unklar, in welcher Reihenfolge die Gegenstände benötigt werden. Im echten Leben alles Risiken für den Patienten auf dem OP-Tisch.

Aus Fehlern lernen wird möglich

Und einen zweiten großen Vorteil – neben dem risikolosen Teamtraining – bieten die Simulationspuppen. Weil alle Fehler, die an ihnen begangen werden, harmlos bleiben, bieten sie ein „fehlerfreundliches Milieu“, so Wehner: „Genau das braucht die Medizin, um eine Enttabuisierung der Fehler zu erreichen.“ Nach dem Üben an der Puppe wird das Verhalten aller Gruppenmitglieder gemeinsam besprochen. Jedes Mitglied einer Crew macht ähnliche Fehler. Das zeigt allen Beteiligten deutlich: Es ist normal, Fehler zu machen, und sie können am besten vermieden werden, indem man darüber spricht. Es ist der Abschied vom „Halbgott in Weiß“ und dem Anspruch der Ärzte an sich selbst, unfehlbar sein zu müssen – ein wichtiger Schritt in Richtung Patientensicherheit.

Doch es gibt auch Wehrmutstropfen: Bislang spielen die Anästhesisten eine Vorreiterrolle. In anderen medizinischen Zweigen hat sich das Trainieren im Team an den geduldigen, aber auch kostspieligen Ersatzpatienten noch nicht weit verbreitet. Das hat auch zur Folge, dass die Kommunikation zwischen verschiedenen medizinischen Berufsgruppen noch kaum geübt werden: „Häufig trainiert eine Anästhesisten-Crew miteinander“, erläutert Wehner. Der Chirurg wird gespielt. Dabei ist gerade die Kommunikation zwischen Chirurg und Anästhesist, aber auch die zwischen Chirurg und Pflegekräften äußerst wichtig für das Wohl des Patienten. „Interdisziplinäre Trainings müssen häufiger werden“, wünscht sich Dieckmann daher für die Zukunft. „Am besten sollte die Übungsgruppe der Realzusammensetzung in einem OP entsprechen.“

Anke Barth
MEDICA.de