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„Schon früh lernen, dass jeder Fehler macht“

„Schon früh lernen, dass jeder Fehler macht“

Foto: Scheren und Spritze

MEDICA.de: Herr Schrappe, „Aus Fehlern lernen“ heißt eine Broschüre vom Aktionsbündnis Patientensicherheit, wo Sie lange Jahre Vorsitzender waren. Ärzte erzählen in dieser Broschüre von vergessenen Klemmen im Bauch und falschen Diagnosen an Patienten. Auch Sie bekennen sich darin zu einem Behandlungsfehler.

Matthias Schrappe: Ja, das war in meinem ersten Jahr als Assistenzarzt. Eine junge Patientin war ausgesprochen unruhig und klagte über Herzrasen. Ich habe an alles Mögliche gedacht, was sie haben könnte, nur nicht an eine Lungenembolie. Als ich von dieser Diagnose erfuhr, habe ich mich sehr erschrocken. Ich hatte die Symptome falsch gedeutet, wahrscheinlich aus Unerfahrenheit. Bei einer Konferenz am darauf folgenden Tag habe ich von meinem Fehler erzählt, aber mein Chef hat dem Vorfall keine weitere Bedeutung beigemessen und ist zur Tagesordnung übergegangen. Das hat mich damals sehr irritiert. Man ist nach so einer Sache aufgewühlt und möchte darüber reden – auch mit der Absicht, dass Kollegen so etwas nicht passiert.

MEDICA.de: Warum ist es Ihnen denn ein Anliegen, öffentlich über Behandlungsfehler zu sprechen?

Schrappe: Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Gesundheitsversorgung und Qualitätsmanagement in Krankenhäusern und man sollte mit gutem Vorbild voran gehen. Fehler sind ein wichtiger Aspekt bei der Patientensicherheit und nur wenn man offen darüber spricht, kann man daraus lernen. Das ist auch ein zentrales Anliegen des 2005 gegründeten Aktionsbündnis Patientensicherheit, das mit Handlungsempfehlungen ganz gezielt Fehler reduzieren will.

MEDICA.de: Was steht in solchen Empfehlungen?

Schrappe: Ärzte sollen zum Beispiel noch stärker darauf achten, sämtliche Tupfer, Klemmen oder Bauchtücher sowohl vor als auch nach einer Operation zu zählen. Wichtig ist ein Stopp bei Unklarheiten. Ärzte sollten ähnlich arbeiten wie Piloten. Wenn beim Flugzeug etwas nicht stimmt, wird das weitere Vorgehen auch erst einmal unterbrochen und die Probleme werden überprüft. Wenn Ärzte auch so systematisch arbeiten, stellen sie einen vergessenen Tupfer im Bauch des Patienten viel schneller fest.

MEDICA.de: Seit Januar 2009 gibt es an der Universität Bonn nun ein eigenes Institut für Patientensicherheit, finanziert vom Aktionsbündnis Patientensicherheit. Warum ist es so wichtig, sich jetzt auch wissenschaftlich mit dem Thema zu beschäftigen?

 
 
Foto: Prof. Schrappe 
Matthias Schrappe; © IfPS

Schrappe: Das Institut soll mit wissenschaftlichen Methoden prüfen, inwiefern die praktische Arbeit des Aktionsbündnis zu mehr Sicherheit beiträgt. An den Handlungsempfehlungen besteht großes Interesse, auch von Seiten der Patientenverbände, aber irgendwann kommt auch die Frage auf, ob dadurch wirklich weniger Behandlungsfehler passieren. Genau das soll nun an der Universität herausgefunden werden. Dazu machen wir Studien in Zusammenarbeit mit Krankenhäusern in ganz Deutschland. Zunächst sind die Projekte auf fünf Jahre angelegt. Wir hoffen aber, dass das Institut danach in den regulären Universitätsbetrieb aufgenommen wird und die Arbeit weitergeht.

MEDICA.de: Weniger Fehler zu machen ist auch das Ziel der Weltgesundheitsorganisation WHO, und zwar durch eine OP-Checkliste. In einigen Kliniken gehört sie mittlerweile schon zum Alltag. Reicht diese Maßnahme Ihrer Meinung nach nicht aus?

Schrappe: Die WHO-Checkliste ist natürlich ein wichtiges Instrument zur Patientensicherheit, aber sie ist sehr allgemein und umfassend. Es ist eine Checkliste, mit der verschiedene Dinge abgefragt werden, zum Beispiel, ob man den richtigen Patienten operiert, die richtige Stelle und ob alle Instrumente und Materialien auch nach der OP noch vollzählig sind. Wir wollen in unseren Empfehlungen aber noch mehr ins Detail gehen und herausfinden, wie man ganz gezielt verhindern kann, dass zum Beispiel Tücher im Bauch vergessen werden.

MEDICA.de: Wollen Sie die Empfehlungen im Gesundheitswesen etablieren, wenn die Studien gute Ergebnisse liefern?

Schrappe: Dazu haben wir nicht die Macht. Und ein Gesetz gibt es dazu auch nicht. Aber wir hoffen, dass sich eine Eigendynamik entwickelt und immer mehr Kliniken sich danach richten. Auf diese Weise können sich Standards nach und nach auch ohne Gesetze entwickeln.

MEDICA.de: Das Institut für Patientensicherheit in Bonn ist die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland. Wurde dieses Thema in der Vergangenheit als nicht wichtig genug erachtet?

Schrappe: Das kann man so sagen. Qualitäts- und Patientensicherheitsforschung wurden in Deutschland lange vernachlässigt. Erst langsam bekommen diese Bereiche mehr Aufmerksamkeit. Die Gründung des Instituts ist daher ein großer Erfolg und nicht nur ein wichtiger Schritt in Deutschland, sondern auch im internationalen Kontext. Eine gleichwertige Forschungseinrichtung ist mir in Europa nicht bekannt.

MEDICA.de: Werden die Erkenntnisse aus Ihrer Arbeit am Institut auch ins Medizinstudium einfließen?

Schrappe: Das ist auf jeden Fall unser Ziel. Es wird zwar schwierig, ein eigenes Fach für Patientensicherheit einzuführen, weil Medizinstudenten schon viele Fächer haben und sehr viel lernen müssen. Aber man könnte das Thema in andere Fächer integrieren und in „Innere Medizin“ oder „Chirurgie“ einige Stunden Patientensicherheit lehren. Das wäre wichtig, damit die Studenten schon früh lernen, dass jeder Fehler macht und auch sie davon nicht verschont bleiben. Und wir hoffen auch, dass das Thema in Zukunft in der Approbationsordnung seinen Platz findet.

Das Interview führte Simone Heimann
MEDICA.de

 
 
 

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