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„Es funktioniert vor allem über Netzwerke"

Medizinfundraising: „Es funktioniert vor allem über Netzwerke"

08.03.2010

Foto: Cornelia Kliment

Cornelia Kliment; © privat

In Zeiten der Finanzkrise ist das Geld knapp. Niemand hat etwas zu verschenken. Das zeigt sich auch im Krankenhausalltag. Doch es gibt auch Ausnahmen: Einige Privatleute oder Unternehmen greifen Kliniken finanziell unter die Arme und verhelfen sich selbst und dem Krankenhaus damit zu mehr Anerkennung.

Cornelia Kliment ist Fundraising-Beraterin im Deutschen Hochschulverband. Als „dienstälteste Fundraiserin im Bildungssektor“ ist sie auch für mehrere Kliniken im Einsatz. MEDICA.de sprach mit ihr über konstante Spendenbereitschaft und gewinnbringende Netzwerke.


MEDICA.de: Frau Kliment, Spenden von Privatleuten oder Firmen sind seit vielen Jahren eine wichtige Einnahmequelle großer Kliniken in den USA. Laut Ihrer Erhebung über die Entwicklung von Fundraising an den Medizinischen Fakultäten und Universitäts-Klinika springt nun auch Deutschland auf diesen Zug auf. Können Spenden die Finanzlöcher von Krankenhäusern denn wirklich stopfen?

Cornelia Kliment: Nein, richtige Löcher können durch Fundraising nicht gestopft werden. Es geht aber nicht ausschließlich um Geld, sondern auch um Sachspenden, Netzwerke, Empfehlungen, eben um Unterstützung jeglicher Art. Außerdem haben Spender so die Möglichkeit, sich in der Einrichtung, für die sie gespendet haben, zu verewigen. Denn oft wird beispielsweise ein Campus oder ein neu erbauter OP-Trakt nach seinem Gönner benannt. Fördern in diesem Sinne macht also unsterblich. (lacht)

MEDICA.de: Wie groß ist denn die Spendenbereitschaft der Deutschen?

Kliment: Das allgemeine Spendeneinkommen im Fundraising-Bereich liegt jährlich im Schnitt zwischen zwei und vier Milliarden Euro. Allerdings gibt es derzeit keine genauen Zahlen, wie viel davon tatsächlich an die Kliniken geht. Und die Bereitschaft zu geben, ist in den letzten Jahren nicht gesunken.

MEDICA.de: Aber wer hat denn in wirtschaftlichen Krisenzeiten oder bei den steigenden Arbeitslosenzahlen noch Geld übrig?

Kliment: Vor allem Großunternehmen sind meist sehr spendierfreudig. Außerdem gibt es die Möglichkeit der Erbschaft. Diese ist zwar selten, aber äußerst lukrativ.

MEDICA.de: Können Sie das ein wenig erläutern?

Kliment: Bis vermögende Privatpersonen oder Konzerne ihre gesamte Erbschaft einer Klinik überschreiben, vergehen viele Jahre der Beobachtung. Die Klinik muss sich in dieser Zeit für sie als würdig erweisen und mit exzellenten Leistungen und gutem Ansehen überzeugen. Wird dieser Ruf konstant gehalten, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass den Kliniken eine mehrere hundertmillionenschwere Erbschaft zukommt.

MEDICA.de: Die medizinischen Fakultäten und Universitätsklinika definieren auch Patienten als Zielgruppe ihrer Fundraising-Arbeit. Wie genau werden die Patienten dabei integriert?

Kliment: In Krankenhäusern ist alles sehr emotional. Die Fundraiser treten deswegen nicht direkt an die Patienten heran und bitten sie um Geld. Sie gehen viel indirekter vor: Wenn es der Klinik gelingt, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, dann fühlt sich der Patient wohl, entwickelt ihr gegenüber Wohlwollen und ist hilfsbereit. Außerdem sollte er davon erfahren, wenn beispielsweise ein neuer Kernspintomograph benötigt wird.

 
 
Foto: Netzwerk

Netzwerke sind ein wichtiges Element von Fundraising; © clix/SXC

MEDICA.de: Davon zu wissen und sich finanziell beteiligen zu können, sind aber zwei Paar Schuhe.

Kliment: Das ist richtig. Aber wenn ich selbst nichts spenden kann, vielleicht kann es der alte Schulfreund meines Chefs. Fundraising funktioniert vor allem durch Netzwerke.

MEDICA.de: Und über Netzwerke wird dann der Kernspintomograph bezahlt?

Kliment: Ja, so könnte man es sagen. Über ein paar Ecken erfährt der wohlhabende Schulfreund meines Chefs, dass dieses Gerät benötigt wird. Er kennt die Klinik und ihren hervorragenden Ruf und er schätzt die Arbeit dort. Nun möchte er Teil des Erfolges der Klinik sein und schenkt dem Krankenhaus den mehrere Millionen Euro teuren Kernspintomographen.

MEDICA.de: Nur wenige Universitäten arbeiten mit konkreten Konzepten, sondern nehmen beispielsweise Jubiläumsveranstaltungen als Anlass, um potentielle Spender zu werben. Sind solche sporadischen Aktionen überhaupt sinnvoll?

Kliment: Nein, langfristig gesehen sind sie es nicht. Aber Hochschulen und Kliniken sind meistens nicht auf unternehmerisches Handeln eingestellt. Sie denken nur: Fundraising ist das Schlüsselwort. Dann aber nur hin und wieder aktiv zu werden, ist ein sehr unprofessionelles Managementverhalten.

MEDICA.de: Wie kann man es denn besser machen?

Kliment: Man sollte jemanden einstellen, der sich damit auskennt. Außerdem muss Fundraising in den Köpfen und vor allem in den Herzen jedes einzelnen Mitarbeiters ankommen. Fachärzte knüpfen auf Tagungen oder Kongressen beispielsweise eine Menge wertvoller Kontakte. Diese müssten sie eigentlich täglich an den Fundraiser weitergeben. Denn nur so können funktionierende Netzwerke aufgebaut werden.

MEDICA.de: Warum aber konzentrieren sich nicht viel mehr Kliniken auf Fundraising, wenn es so lukrativ sein kann?

Kliment: Das verstehe ich ehrlich gesagt auch nicht. Meine Erfahrung zeigt, dass viele eigentlich sehr gute Voraussetzungen dafür hätten. Aber trotzdem schieben es die Verantwortlichen immer vor sich her. Einmal hieß es sogar: „Betteln haben wir noch nicht nötig.“ Dabei ist Fundraising nun wirklich kein Betteln. Da muss man wohl noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten.

MEDICA.de: Wird es denn in Zukunft große Fundraising-Abteilungen in Kliniken geben?

Kliment: Ich hoffe es. Würde ich heute ein Expertentreffen mit deutschen Medizinfundraisern veranstalten, wären wir mit sechs bis sieben Leuten eine sehr überschaubare Gruppe. Wenn aber in einem Jahr schon zwanzig Experten am Tisch säßen, wäre das wahrlich ein Fortschritt. Aber der Trend besteht auf jeden Fall. Viele Kliniken wollen weiter ins Fundraising investieren und künftig davon profitieren.

Das Interview führte Nadine Lormis.
MEDICA.de