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„Ästhetik ist nicht alles“

Medizindesign: „Ästhetik ist nicht alles“

08.04.2010

Foto: Prof. Florian Krug

Florian Krug; © Schön-Klinik

Coco Chanel, Calvin Klein, Karl Lagerfeld – sie alle sorgen in der Modewelt für großes Aufsehen. Design ist aber auch in der Medizin ein Thema. Allerdings zählt dort nicht nur die Optik. Bei Medizindesign geht es hauptsächlich um eine einfache Handhabung von Geräten und mehr Sicherheit für den Patienten.

Florian Krug ist Chefarzt der Unfallchirurgie an der Schön-Klinik Hamburg-Eilbek und lehrt „Medical Design“ an der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel. MEDICA.de sprach mit ihm über Autos, Urinbeutel und die Industrie.


MEDICA.de: Herr Krug, Sie sind Unfallchirurg und lehren gleichzeitig an einer Kunsthochschule. Wie kommen Sie als Mediziner zu diesem ungewöhnlichen Nebenjob?

Florian Krug: Das ist kein Nebenjob, sondern meine Berufung! (lacht) Ich war immer an Design interessiert, habe sogar mal eine Lehre als Karosseriebauer gemacht, weil ich eigentlich Industriedesign studieren wollte. Doch dann habe ich - man könnte sagen, dummerweise - einen Studienplatz für Medizin bekommen. Das Interesse an Design ist aber immer geblieben, besonders im Bereich der Medizintechnik.

MEDICA.de: Der Studiengang Medical Design ist bisher der einzige dieser Art im deutschsprachigen Raum – mit Ihnen als Professor und drei Studenten! Lohnt sich das überhaupt?

Krug: Drei Studenten sind im Vergleich zu Massenuniversitäten in der Tat sehr wenig. Aber man kann eine Kunsthochschule aufgrund ihrer Strukturen nicht mit anderen, großen Universitäten vergleichen. In unserem Bachelor-Studiengang Industriedesign haben wir pro Semester auch nur 20 Studenten. Und bei Medical Design handelt es sich um einen Master-Studiengang, der für fünf Studenten pro Semester konzipiert ist.

MEDICA.de: Und finanziell? Sie werden für Ihre Lehrtätigkeit doch bestimmt bezahlt.

Krug: Nein, denn ich habe eine Honorarprofessur und das heißt, dass ich kein Geld für die Lehre bekomme.

MEDICA.de: Medizinische Geräte sollen ihre Funktion bestmöglich erfüllen und möglichst preiswert sein. Wozu braucht es in der Medizin ein besonderes Design?

Krug: In keinem anderen Bereich treffen kalte Technik und menschliche Emotionen so hart aufeinander wie in der Medizin. Viele medizinische Instrumente und Geräte machen den Patienten Angst. Mit einem ansprechenden Design kann man solche Geräte emotional akzeptabler vermitteln.

MEDICA.de: Gibt es Studien, die das belegen?

Krug: Zu dem emotionalen Aspekt gibt es keine Studien, wohl aber zu anderen Aspekten des Designs. Denn Ästhetik ist nicht alles. Hauptsächlich geht es um eine Gestaltung von Geräten oder Instrumenten, die standardisiert ist, denn Studien belegen, dass eine standardisierte Bedienung Fehler reduziert. Und es geht um die praktische Handhabung. Andere Branchen wie die Luftfahrt oder die Autoindustrie sind uns da einen Schritt voraus.

 
 
Foto: Startknopf

Einheitliche Bedienung von Geräten kann Fehler reduzieren - ein Anliegen von Medizindesign; © SXC

MEDICA.de: Können Sie das genauer erläutern?

Krug: Wenn Sie in ein Auto steigen, drehen Sie den Zündschlüssel um und fahren los. Egal, ob Sie ein Auto von einem deutschen, spanischen oder japanischen Hersteller fahren. Auch andere Bedienelemente sind, trotz unterschiedlicher Hersteller, gleich. Und das reduziert Fehler und erhöht die Sicherheit. In der Medizin ist das leider anders, denn da haben wir nur eine geringe Standardisierung. Wenn Sie in einen OP-Saal kommen, gibt es viele Geräte von verschiedenen Herstellern – und oft werden alle anders bedient. Wenn das Personal da einen falschen Knopf drückt, ist das nicht verwunderlich. Deshalb ist das Hauptanliegen in dem Studiengang, Geräte ergonomischer zu gestalten und damit Arbeitsabläufe zu verbessern.

MEDICA.de: Es geht aber nicht nur um Geräte, sondern auch um angenehmer gestaltete Produkte für den Patienten. Aber: Wer eine Prothese oder einen Urinbeutel tragen muss, will meisten so wenig wie möglich auffallen. Wie passt diese Absicht mit dem Ziel von Designer zusammen, möglichst kreativ zu sein?

Krug: Das passt hervorragend zusammen! (lacht) Nehmen Sie als Beispiel die Brille. Die ist im Grunde auch nichts anderes als eine Prothese. Und das Design von Brillen ist sehr vielfältig. Sie sind für viele Menschen heute ein modisches Accessoire.

MEDICA.de: Aber Brille und Urinbeutel kann man doch nicht miteinander vergleichen!

Krug: Der Urinbeutel ist natürlich ein extremes Beispiel. Aber daran sieht man sehr deutlich, dass es bei Design nicht nur um das Äußere geht, sondern auch um praktische Handhabung. Wenn man einen Urinbeutel so befestigen kann, dass er beim Sport nicht stört und der Träger trotz dieses Handicaps ein ziemlich normales Sexualleben führen kann, ist das toll. Das Schicke, was immer mit Design verbunden wird, kommt dann von ganz alleine.

MEDICA.de: Und wie sind die Karriereaussichten für Ihre extrem spezialisierten Absolventen?

Krug: Unseren Studiengang gibt es zwar erst seit wenigen Semestern, aber ich denke, dass die Berufsaussichten für die Studenten sehr gut sind. Sie lernen ja ganz gezielt, Produkte in der Medizintechnik zu optimieren. Und die Medizintechnikbranche boomt. Viele Unternehmen beschäftigen zwar auch jetzt schon eigene Produktdesigner oder arbeiten mit Designbüros zusammen, aber diese Beschäftigten haben ganz allgemein Design studiert und können nicht gleichzeitig den Schwerpunkt Medizindesign bieten.

Das Interview führte Simone Heimann
MEDICA.de

 
 

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Foto: Mikrofon

© panthermedia.net/Andrei Shumskiy