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"Eine bessere Quote als die Reha bei Rückenleiden"

"Eine bessere Quote als die Reha bei Rückenleiden"

Foto: Betrunkener Mann ist in der U-Bahn eingeschlafen

MEDICA.de: Herr Mann, wer einmal alkoholabhängig war, darf sein Leben lang keinen Alkohol mehr trinken. Sonst droht der Rückfall. Wieso besteht diese Gefahr auch noch Jahre nach dem Entzug?

Karl Mann: Die Rückfallgefahr hängt mit dem Suchtgedächtnis zusammen. Pathologische Vorgänge können im Körper auch zehn Jahre später noch als Programm gespeichert – und genau wie ein Computerprogramm jederzeit neu gestartet werden. Diese Erfahrung haben viele Menschen leidvoll gemacht. 90 bis 95 Prozent der „trockenen Alkoholiker“ sind Rückfall gefährdet. Welche fünf Prozent nicht Rückfall gefährdet sind, kann man allerdings nicht erkennen. Deswegen warnen wir alle davor.

MEDICA: Es gibt Medikamente, die das Verlangen nach Alkohol dämpfen sollen. Doch sie wirken unterschiedlich und schlagen nicht immer an. Wieso?

Mann: Es gibt hauptsächlich drei solcher Medikamente: Das älteste dieser drei ist im Moment wieder stark im Kommen. Viele meiner Patienten möchten es unbedingt haben. Wenn man dieses Medikament nimmt, wird einem übel, sobald man Alkohol trinkt. Man muss erbrechen, man fühlt sich körperlich richtig schlecht. Dann gibt es ein Mittel, das die Signalübertragung der Nervenzellen im Gehirn wieder ins Gleichgewicht bringt. Und drittens gibt es ein Medikament, das die Wirkung der körpereigenen Opioide, die durch den Alkohol verstärkt ausgeschüttet werden, aufhebt. Es ist in Deutschland bislang allerdings nur für den Entzug von illegalen Drogen zugelassen und noch nicht, wie in anderen Ländern, für Alkohol. Die beiden letztgenannten Medikamente wirken also auf verschiedene Mechanismen im Gehirn. Da Alkoholiker aus unterschiedlichen Gründen trinken, wirkt bei manchen das eine, bei anderen das andere besser.

MEDICA: Das heißt, es gibt unterschiedliche Typen Alkoholiker?

Mann: Es gibt zwei sehr häufige Gruppen. Die einen trinken aus einer depressiven Stimmung heraus und wollen ihre Ängste und Stress abbauen. Die anderen greifen zum Alkohol, weil sie einen Kick suchen und etwas erleben wollen. Mehrere Studien haben gezeigt, dass man Alkoholiker in diese zwei Gruppen unterteilen kann. Natürlich gibt es daneben auch Mischtypen.

MEDICA: In welcher Weise kann die unterschiedliche Wirkung der Medikamente helfen, die Therapie für Alkoholabhängige zu individualisieren?

Mann: Um den Erfolg der Therapie zu verbessern, muss man wissen, welchem Typ Alkoholiker welcher Wirkstoff besser hilft. Generell liegt die Erfolgsquote bei allen heutigen Therapien noch nicht sehr hoch. Sie wirken ungefähr eineinhalb Mal so gut wie ein Placebo. In einer Studie konnten wir aber zeigen, dass sich dies steigern lässt: Den Kicksuchern kann tatsächlich mit dem Wirkstoff, von dem wir es auch vermutet hatten, besser geholfen werden – wir erreichten bei ihnen einen etwa doppelt so hohen Therapieerfolg, wenn wir ihnen gezielt den Arzneistoff gaben, der auf die körpereigenen Opioide wirkt. Umgekehrt konnten wir leider nicht nachweisen, dass denen, die aus Angst und Stress trinken, mit einem anderen Medikament der Entzug leichter fällt. Es braucht noch mehr Studien, um sichere Aussagen treffen zu können.

MEDICA: Alkohol ist ein Jahrhunderte altes Problem. Wieso ist es bis heute so schwierig, Betroffene zu behandeln?

Mann: Das liegt daran, dass man sich erst im vergangenen Jahrhundert darüber klar geworden ist, was Alkoholismus für die Volksgesundheit bedeutet. Alkohol steht nach dem Rauchen an zweiter Stelle als Auslöser von Krankheiten. Früher hat man Trinken als Kavaliersdelikt oder als Charakterschwäche betrachtet. Das ist es aber nicht. Alkoholismus ist auch Schicksal. Zu etwa 50 bis 60 Prozent hängt Alkoholismus von den Genen ab. Und die Dopamin-Defizit-These geht davon aus, dass manche Menschen zum Alkoholismus neigen, weil sie zu niedrige Dopamin-Spiegel besitzen. Sie erleben also bei schönen Erlebnissen ein geringeres Glücksgefühl. Mit Alkohol können sie das Dopamin aktivieren, so dass sie auf das Niveau eines gesunden Menschen kommen. All diese Erkenntnisse sind relativ neu.

MEDICA.de: Es gibt also heute noch wenig Hoffnung für Alkoholiker?

Mann: Das hauptsächliche Problem ist, dass so wenig Betroffene zur Therapie bereit sind. Von den zwei Millionen Abhängigen in Deutschland lassen sich nur 160.000 behandeln. Diejenigen, die sich darauf einlassen, haben immerhin eine 60-prozentige Chance, durch einen Mix an medikamentöser und Psychotherapie geheilt zu werden. Auch, wenn es noch weit entfernt von hundert Prozent ist: Es ist eine bessere Quote als beispielsweise die Reha bei Rückenleiden erzielt.

MEDICA: Der Mediziner Olivier Ameisen schwört auf ein Spastik-Medikament als ultimative Waffe gegen die Sucht. Er hat es im Selbstversuch getestet und ist damit vom Alkohol losgekommen. Was halten Sie von seinem Bericht?

Mann: Es ist ohne Frage eine interessante Substanz und könnte eventuell eine Bereicherung der bestehenden Palette an Medikamenten werden. Aber es gibt bislang nicht genug Studien, um sie wirklich zu beurteilen, und sie ist mit Sicherheit nicht die Wunderwaffe, die Ameisen in seinem Buch verspricht.

MEDICA.de: Die Suchtforscher der Berliner Charité testen die Wirkung doch mittlerweile bei Alkoholsüchtigen.

Mann: Ja, aber wie bei uns ist es nur eine sehr kleine Studie an einzelnen Patienten. Es liefen Anträge für größere Studien, doch meines Wissens wurden diese abgelehnt, weil sie niemand bezahlen will.

MEDICA.de: Könnte es trotzdem das Mittel der Zukunft gegen Alkoholsucht sein?

Mann: Ein Allheilmittel gegen Alkoholismus wird es nie geben. Und es handelt sich hier nur um Einzelfälle und eine sehr subjektive Sichtweise, die nicht wissenschaftlich fundiert ist.

MEDICA.de: Ameisen hat auch versucht, mithilfe der von Ihnen getesteten Medikamente vom Alkohol loszukommen, doch bei ihm hat es nicht funktioniert. Ameisen hält sie für weniger wirksam als das Spastik-Medikament.

Mann: Es gibt Tausende von Menschen, denen die von uns getesteten Medikamente geholfen haben. Nur haben die keine Bücher darüber geschrieben. Aber es gibt 70 bis 80 Studien zu diesen Wirkstoffen mit zigtausenden von Testpersonen. Dagegen steht nur eine Studie mit 65 alkoholabhängigen Teilnehmern, die das Spastik-Medikament nahmen, und ansonsten nur Studien mit weniger als zehn Testpersonen.

MEDICA.de: Sind alle diese Medikamente zum Stillen des Alkoholverlangens nicht auch eine Art Ersatzdroge und können selbst wieder eine Sucht auslösen?

Mann: Wir setzen die Medikamente nach einem halben Jahr ab. Studien haben gezeigt, dass das gut funktioniert. Nimmt man sie ein ganzes Leben lang, ist es in der Tat bedenklich und kann auch zur Ersatzdroge werden. Das müssen die Patienten aber nicht.

Das Interview führte Anke Barth
MEDICA.de

 
 

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