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„Das System bleibt zersplittert“

US-Gesundheitsreform: „Das System bleibt zersplittert“

25.05.2010

Foto: Christoph Strünck

Professor Christoph Strünck; © privat

Das amerikanische Gesundheitssystem hat die neuesten und modernsten Behandlungsmethoden, allerdings auch die höchsten Gesundheitskosten pro Person weltweit. Im Dezember 2009 verabschiedete der Senat nun offiziell Präsident Obamas wichtigstes innenpolitisches Ziel: die Gesundheitsreform.

Christoph Strünck ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Siegen und Experte für Gesundheitssysteme im internationalen Vergleich. MEDICA.de sprach mit Professor Strünck über das amerikanische Gesundheitssystem und die Notwendigkeit der aktuellen Reformen.


MEDICA.de: Herr Strünck, es hat gedauert, aber Barack Obamas Gesundheitsreform wurde vom US-Kongress angenommen. Können die Amerikaner also aufatmen?

Christoph Strünck: Ja, denn man geht davon aus, dass ca. 66 Millionen Menschen in den USA nicht krankenversichert sind. Aber zukünftig werden etwa 94% der Bevölkerung bis 2019 krankenversichert sein und nur etwa 6% weiterhin keine Krankenversicherung haben. Das Hauptproblem, dass viele Amerikaner nicht versichert sind, wird somit fast gelöst.

MEDICA.de: Was genau wurde durch die Reform für diese Menschen erreicht?

Strünck: Die Krankenversicherungspflicht wurde durch die Reform ausgeweitet. Allerdings bedeutet eine Versicherungspflicht nicht, dass alle Amerikaner krankenversichert sein werden. Es ist also keine allgemeine gesetzliche Krankenversicherung, wie in Deutschland. Viele Menschen können aber nun in den USA nicht mehr von der Versicherung abgelehnt werden. Dies gilt vor allem für Menschen mit schlechtem Gesundheitsstatus. Auch kleineren Unternehmen können sich Krankenversicherungen für ihre Beschäftigten leisten. Sie werden von den jeweiligen amerikanischen Bundesstaaten unterstützt, die gerade neue Krankenversicherungssysteme aufbauen. Menschen oder auch Unternehmen, die sich in den USA nicht versichern lassen bzw. nicht versichern, müssen zukünftig mit einer Bestrafung rechnen. Dies soll die hohen Kosten des Gesundheitssystems reduzieren. Ein zusätzlicher Punkt: Mit dieser Reform wird auch der Wettbewerb des Krankenversicherungssystems angekurbelt, der in den USA zwischen den Privatversicherungen nicht so stark vorhanden ist. Insgesamt ist mit der Reform sehr viel erreicht worden.

MEDICA.de: Präsident Obama musste einen hohen Preis dafür zahlen, dass die Mehrheit der Abgeordneten der Gesundheitsreform zugestimmt hat, denn die ursprünglichen Pläne wurden deutlich abgespeckt. Worauf genau musste Obama verzichten?

Strünck: Statt einer optionalen staatlichen Krankenversicherung gibt es nun eine regulierte privatrechtliche Krankenversicherung. Zunächst bleibt der Kern des amerikanischen Systems erhalten, denn es gab immer schon zwei Krankenversicherungs-systeme. Entweder man ist über seinen Arbeitgeber über private Krankenversicherungen versichert oder durch ein Sondersystem für Rentner und Arme. Der Staat kontrolliert jetzt allerdings, ob die privaten Angebote gesetzesgemäß sind. Grundsätzlich: Das amerikanische Krankenversicherungssystem bleibt gespalten. Es wird und ist kein einheitliches System, es gibt nur einheitliche Regelungen. Jeder amerikanische Bundesstaat hat zum Beispiel seine eigenen Krankenversicherungen. Die einzelnen Versicherungen sind sehr vielfältig und mit dem einheitlichen System in Deutschland nicht vergleichbar. Außerdem gibt es z.B. nur einzelne Gesundheitsprogramme, in die sich die Amerikaner einschreiben können.

 
 
Foto: American flag

Amerika: Kostenexplosion durch Gesundheitsreform; © Hauk/Pixelio.de

MEDICA.de: Auch noch in anderer Hinsicht zahlte Barack Obama einen hohen Preis: 940 Milliarden Dollar wird die Reform, so prognostiziert es der Gesetzvorschlag, den Staatshaushalt in den nächsten Jahren kosten - und das mitten in der Wirtschaftskrise. Ist das überhaupt machbar?

Strünck: Was wäre denn langfristig passiert, wenn diese Reform nicht umgesetzt worden wäre? Die Kosten wären wahrscheinlich noch mehr gestiegen. Langfristig wäre das viel teurer. Barack Obama wollte mit dieser Reform nicht nur dazu beitragen, dass alle Amerikaner versichert sind, vielmehr soll das Gesundheitssystem nicht mehr so viele Kosten produzieren. Nach einem Vergleich der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) ist das amerikanische Gesundheitssystem nach wie vor das teuerste der Welt. Langfristig wird diese Reform zu Ersparnissen für die US-Regierung führen. Es ist insgesamt günstiger, die Reformen durchzusetzen, als das alte System zu bewahren.

MEDICA.de: Kritiker sagen, die Reform würde letztlich zur Kostenexplosion oder zu Einschnitten in der ärztlichen Versorgung führen.

Strünck: Es gibt einige neue Änderungen, die dazu geeignet sind, dass man Kosten spart, ohne Leistungen zu kürzen oder zu verschlechtern. Ein Beispiel: In den USA wird jetzt eine stärkere Budgetierung eingeführt. Es werden so nicht mehr Einzelleistungen für Krankenhäuser vergütet, sondern ein Budget für ein bestimmtes Paket vereinbart. Auch bei niedergelassenen Ärzten wird genauer auf das Ergebnis der Behandlung geschaut. Das Ergebnis wird die Bezahlung beeinflussen und es wird nicht einfach die Leistung als solche vergütet. Oft werden nämlich unnötige einzelne Leistungen verschrieben. Die ganze Versorgung soll so effizienter werden. Zukünftig werden Versicherte auf die bestmögliche Versorgung Anspruch haben. Außerdem werden die sehr guten amerikanischen Leistungen, teilweise Spitzenleistungen, auch tatsächlich angeboten und mehr Menschen zugänglich gemacht.
Letztlich hat die unübersichtliche Struktur des Versicherungssystems der USA dazu geführt, dass die Kosten aus dem Ruder geraten sind: Den eingeschränkten Wettbewerb nutzten Ärzte oder auch Krankenversicherungen, um daran zu verdienen. Eine weitere Lücke ist im System geschlossen worden, indem das amerikanische System zukünftig mehr Wettbewerb zulässt. Zuvor musste sich jeder Staatsbürger, der in einen anderen Bundestaat gezogen ist, neu versichern.

Das Interview führte Diana Posth
MEDICA.de

 
 
 

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Foto: Mikrofon

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