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„Umfangreicher Service bedeutet nicht automatisch höhere Beiträge“

Gesetzliche Krankenversicherung: „Umfangreicher Service bedeutet nicht automatisch höhere Beiträge“

08.06.2010

Foto: Sabine Baierl-Johna

Sabine Baierl-Johna; © Stiftung Warentest

Viele Patienten haben das Gefühl, für immer schlechteren Service immer tiefer in die Tasche greifen zu müssen. Die Aufregung um die von den gesetzlichen Krankenversicherungen erhobenen Zusatzbeiträge war und ist deshalb groß.

Bei der Wahl der passenden Kasse möchte man nichts falsch machen. Doch welche Krankenkasse passt wirklich zu einem? MEDICA.de fragte bei Sabine Baierl-Johna von Stiftung Warentest nach, die beim aktuellen Vergleichstest der Krankenkassen in der Zeitschrift Finanztest mitwirkte. Wir sprachen mit ihr darüber, warum es keinen absoluten Gewinner gibt, welche Leistungen sinnvoll sind und worauf man bei einem Wechsel achten sollte.


MEDICA.de: Frau Baierl-Johna, im aktuellen Test haben Sie 104 Krankenkassen verglichen. Einen Gewinner gibt es jedoch nicht. Wie kommt das?

Sabine Baierl-Johna: Wir haben insgesamt 120 Kassen angeschrieben, um einen aussagekräftigen Vergleich durchzuführen. In die Untersuchung wurden dann 104 Kassen einbezogen, die über 95 Prozent aller gesetzlich Versicherten versorgen. Von diesen Kassen haben wir die, zum Teil sehr unterschiedlichen, Zusatzleistungen im Heft dargestellt. Unterschiede gibt es vor allem bei den Serviceangeboten und bei Satzungsmehrleistungen, die über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinausgehen. Man muss aber bedenken, dass jeden Versicherten andere Angebote interessieren. So hat eine Familie andere Bedürfnisse als ein chronisch Kranker. Wir haben daher keine Gewichtung der Leistungen vorgenommen. Deshalb konnten wir auch kein Qualitätsurteil vergeben, im Sinne von: Wenn man diese Leistung anbietet, ist man besser als eine andere Kasse.

MEDICA.de: Wie haben Sie den Test durchgeführt?

Baierl-Johna: Wir haben uns die Serviceangebote und Zusatzleistungen der Krankenkassen angeschaut. Im Anschluss haben wir die Kassen nach diesen Leistungen befragt. Nur nachgewiesene Angebote, die zum Beispiel in der Satzung einer Kasse geregelt sind, wurden anerkannt. Die gesammelten Informationen stellen wir in Finanztest in Tabellenform dar. Hier kann der Leser erkennen, in welcher Ausprägung Zusatzleistungen bei den Kassen vorhanden sind.

MEDICA.de: Worauf muss man bei der Wahl einer Krankenkasse achten?

Baierl-Johna: Je nach Versichertengruppe sind andere Zusatzleistungen wichtig. Deshalb haben wir in der Veröffentlichung eine Art Checkliste aufgezeigt, mit Hinweisen, was für einen Versicherten speziell wichtig sein könnte. Für eine Familie kann es beispielsweise interessant sein, wenn eine medizinische Hotline eingerichtet ist, die rund um die Uhr Fragen beantwortet. Auch bieten einige Kassen zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen für Kinder an. Da diese aber nur für eine bestimmte Altersklasse übernommen werden, sind sie für Familien mit älteren Kindern nicht mehr bedeutsam. Dann kann man überlegen, ob eine andere Kasse nicht vielleicht eine Leistung anbietet, die für die konkrete Lebenssituation interessanter ist.

MEDICA.de: Bedeutet viel Service automatisch hohe Beiträge?

Baierl-Johna: Nein. Wir haben verschiedene Servicekriterien untersucht: etwa die Anzahl der Geschäftsstellen oder das Angebot von Hausbesuchen, wenn ein Kranker zum Beispiel nicht selber in die Geschäftsstelle kommen kann. Dies, eine medizinische Hotline rund um die Uhr sowie die Vermittlung von Facharztterminen bieten zum Beispiel sieben der untersuchten Kassen. Von denen erheben aber nur drei einen Zusatzbeitrag. Umfangreicher Service bedeutet also nicht automatisch höhere Beiträge.

 
 
Foto: Ängstliche Frau

Viele Versicherte fürchten den Zusatzbeitrag als zusätzliche Belastung; © SXC

MEDICA.de: Der Konkurrenzkampf zwischen den Kassen ist seit jeher groß. Wären einige wenige Krankenkassen nicht besser?

Baierl-Johna: Tatsächlich gibt trotz vieler Fusionen immer noch eine große Anzahl an Krankenkassen. Dies ist auch bedingt durch etliche Betriebskrankenkassen, die sich erst später für betriebsfremde Versicherte geöffnet haben. Wir haben festgestellt, dass die großen Krankenkassen zwar viel Service anbieten, und viele Geschäftsstellen vorhalten, kleinere Kassen jedoch oft regional stark vertreten sind und gegebenenfalls viel für ihre Versicherten erreichen können. Konkurrenz bedeutet auch, dass die Kassen sich Mühe geben müssen, um ihre Versicherten zu halten. Was wiederum ein Vorteil für die Versicherten sein kann.

MEDICA.de: Wettbewerbsnachteile für Krankenkassen mit vielen Rentnern oder Kranken sollen durch den Gesundheitsfonds ausgeglichen werden. Geht die Rechnung auf?

Baierl-Johna: Der Gesundheitsfonds soll ausgleichend wirken. Deshalb wurden 80 Krankheiten definiert, für die zusätzliche Mittel aus dem Gesundheitsfonds an die Kassen gezahlt werden. Diese Zahlungen beziehen sich auf Durchschnittsausgaben. Das heißt, wenn eine Kasse viele Kranke hat, die im Grunde jedoch kränker als der Durchschnitt sind, können die tatsächlichen Ausgaben wesentlich höher sein und werden nicht vollständig durch die Zuweisungen des Gesundheitsfonds ausgeglichen.

MEDICA.de: Der Zusatzbeitrag bedeutet zunächst mehr Geld für die Krankenkasse. Können die Patienten aufgrund dessen auch mehr Leistung und Service erwarten?

Baierl-Johna: Generell darf die Kasse nur einen Zusatzbeitrag erheben, wenn die Ausgaben höher sind als die Einnahmen, also das Geld für die laufende Versorgung nicht ausreicht. Tatsächlich muss sie dann sogar den Zusatzbeitrag einführen! Die Kasse kann aber nicht überlegen, zusätzliche Leistungen anzubieten, und speziell dafür einen zusätzlichen Betrag verlangen.

MEDICA.de: Worauf ist im Falle eines Krankenkassenwechsels zu achten?

Baierl-Johna: Generell empfehlen wir nicht, nur weil die Krankenkasse einen Zusatzbeitrag erhebt, die Kasse zu wechseln – denn es ist sehr wahrscheinlich, dass aufgrund des Krankenkassendefizits 2010 oder spätestens 2011 weitere Kassen nachziehen. Ein Wechsel ist möglich, wenn man bereits seit 18 Monaten bei einer Kasse versichert ist oder die Krankenkasse einen Zusatzbeitrag erhebt. In letzterem Fall gilt ein Sonderkündigungsrecht. Zusätzliche Einschränkungen gelten im Falle von abgeschlossenen Wahltarifen. Es gibt Tarife, die einer dreijährigen Bindungsfrist unterliegen, zum Beispiel den Wahltarif „Selbstbehalt“ und den Tarif „Beitragsrückzahlung“. Macht man von diesen Tarifen Gebrauch, kann man nicht kündigen, selbst dann nicht, wenn die Kasse einen Zusatzbeitrag erhebt.

Das Interview führte Simone Ernst.
MEDICA.de