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„Es gibt mehr Herzinfarkte durch Stress“

Fußball-Fieber: „Es gibt mehr Herzinfarkte durch Stress“

22.06.2010

Foto: Professor Herbert Löllgen

Herbert Löllgen;
© privat

Ein Spiel dauert 90 Minuten, ein Infarkt Sekunden. Die Fußball-WM ist die Hochzeit von rasender Begeisterung und großer Gefühle, beim Grillen, Biertrinken und Public Viewing. Steigen die Glücksgefühle und die Anspannung, nimmt leider auch die Anzahl der kardialen Zwischenfälle zu. Bei der WM 2006 kam es an manchen Spieltagen dreimal häufiger zu Verdachtsfällen auf einen akuten Herzinfarkt.

Zum Auftakt der WM 2010 hinterfragt MEDICA.de einige sportmedizinische Klischees und geht den kommenden Höchstleistungen mit Hilfe von Professor Löttgen, Sportmediziner und Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, auf den Grund.


MEDICA.de: Professor Löllgen, wir befinden uns gerade mitten im Ausnahmezustand der Fußball-WM 2010. Für viele Fans ist das nicht nur eine Zeit des erhöhten Alkoholkonsums, des ausgelassenen Feierns, sondern auch des mentalen und kardialen Stresses. Sei es vor dem Fernseher, im Stadion oder beim Public Viewing. Das ganze schlägt meistens auf das Herz. Woran liegt das?

Herbert Löllgen: Hierzu gibt es mehrerer Beobachtungsstudien. Eine Untersuchung wurde zur Weltmeisterschaft in Frankreich 1998 verfasst, zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland gab es eine prospektive Untersuchung aus München. Man hat sowohl in Frankreich als auch in Deutschland registriert, wie häufig Patienten während der Weltmeisterschaft mit kardialen Notfällen ins Krankenhaus kamen. Spielte Deutschland gegen eine andere Mannschaft im eigenen Land, kam es zu einer Zunahme der Einweisungen mit Angina Pectoris, mit Herzbeschwerden oder auch mit Herzinfarkt und Todesfällen in ein Krankenhaus. Diese Studie wurde im gesamten Münchner Raum durchgeführt. In der retrospektiven Studie über die WM in Frankreich zeigte sich ähnliches. Untersuchungen belegen, dass beim Spiel der eigenen Mannschaft eine deutliche Stresssituation eintritt, die bei vorgeschädigtem Herzen zu Angina Pectoris-Beschwerden bis hin zum Herzinfarkt führen kann.

MEDICA.de: Wer ist hier besonders betroffen?

Löllgen: Meist sind es Patienten mit Vorerkrankung. Bei vorgeschädigtem Herz, bei einer koronaren Herzerkrankung, besteht ein deutlich erhöhtes Risiko. Das ist mit anderen Stresssituationen vergleichbar. Während eines Erdbebens kommt es zum Beispiel auch zu einer erhöhten Rate an Herzinfarkten. Bei einem vorgeschädigten Herzen kann es so zu einer Verschlechterung der koronaren Herzerkrankung kommen. Man geht davon aus, dass Stress die Plaque-Ablagerungen in den Koronaraterien verstärkt oder durchlässiger macht und zum Infarkt führt. Bei gesundem Herzen dürfte aber kaum eine Gefahr bestehen.

MEDICA.de: Was raten sie zur Prävention?

Löllgen: Natürlich sollte jeder herzkranke Patient seine Medikamente konsequent einnehmen. Es ist zu empfehlen, Betablocker bei den Spielen einzusetzen. Für den Notfall kann ein Nitrospray helfen. Neue Untersuchungen zeigen, dass alle Statine zu einer sogenannten Plaque-Stabilisierung führen. Das heißt: Unabhängig von einer Cholesterinsenkung haben die Statine offensichtlich die Eigenschaft, den gefährdeten Bereich in den Koronaraterien zu stabilisieren. Bereits vor den Spielen der deutschen Mannschaft sollte die Dosis des Statins für die Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft auf das doppelte erhöht werden. Also zwei Tabletten einnehmen, anstatt einer.

MEDICA.de: Hat man keine koronaren Vorerkrankungen, was ist dann ratsam?

Löllgen: Wenn keine Erkrankung bekannt ist, man sich aber schnell und stark aufregt und dadurch Herzprobleme bekommt, kann ein niedrig dosierter Betablocker helfen.

MEDICA.de: Wenn nicht sitzender Fan, sondern laufender Sportler: Kann ein Hobby-Fußball Spieler seine Fitness verbessern und das Risiko eines Herzinfarktes bzw. Herz-Kreislaufbeschwerden vorbeugen?

Löllgen: Generell, ja. Fußballspielen ist ein sehr abwechslungsreicher Sport. Ein älterer und nicht trainierter Amateur-Fußballer, der wieder einsteigt, sollte sich vorab sportärztlich untersuchen lassen. Denn bei übertriebenen sportlichen Belastungen besteht in den ersten Trainingsphasen ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko. Trainiert man regelmäßig, sinkt es wieder. Fängt man nach einer Pause langsam und behutsam an und trainiert regelmäßig, hat der Sport eine präventive Wirkung. Ein Beispiel: Jedes Jahr gibt es zwei bis drei akute Herzinfarkte bei Amateur-Fußballspielern in der Region Remscheid. Meistens waren die Patienten in der Jugend- und Schulzeit gute Sportler. Allerdings haben sie viele Jahre keinen Sport getrieben. Auch Rauchen, Übergewicht und Bluthochdruck zählen zu Risikofaktoren, die einen Herzinfarkt bei Wiedereinsteigern ab Mitte 50 begünstigen. Eine Vorsorgeuntersuchung ist oft lebenswichtig. Konkret: Lieber ein Aufbautraining absolvieren als den Fußballprofis nacheifern.

MEDICA.de: Zu den Profis in Südafrika: Die Spieler sind jung, talentiert und durchlaufen häufige Gesundheits-Checks – trotzdem kommt es zu plötzlichen Zwischenfällen im Sport, die manchmal tödlich enden. Woran liegt das?

Löllgen: Es gibt zwei Gruppen von Erkrankungen. Bei den jungen Spitzensportlern, vor allem bei afroamerikanischen Spielern, liegt in einem höheren Prozentsatz eine hypertrophe Kardiomyopathie, eine krankhafte Verdickung der Herzmuskulatur der linken Herzkammer, vor. Die kann zum plötzlichen Herztod führen. Sie kann allerdings durch eine Herzechountersuchung erkannt werden. Bei den deutschen Bundesliga-Spielern gehört das zum üblichen Gesundheits-Check, bei ausländischen Nationen ist das nicht immer der aktuelle Standard. Diese Untersuchung wird besonders allen afroamerikanischen Spielern empfohlen. Studien zeigen, dass plötzliche Todesfälle bei diesen Hochleistungssportlern durch eine hypertrophe Kardiomyopathie häufiger auftreten. Eine zweite Gruppe von Erkrankungen wird grob als sogenannte Ionenkanal-Erkrankungen bezeichnet und die sind oft der Grund eines plötzlichen Herztods. Dazu gehören zum Beispiel das Brugada-Syndrom (eine seltene und meist autosomal-dominant, aber typischerweise mit unvollständiger Penetranz vererbte Krankheit des Herzens) und das Wolff-Parkinson-White-Syndrom (das WPW-Syndrom ist eine Herzrhythmusstörung, ausgelöst durch eine elektrisch kreisende Erregung zwischen Herzvorhöfen und den Herzkammern). Gelegentlich werden diese Symptome im Oberflächen-EKG nicht eindeutig gesehen. Ein geschulter Sportkardiologe schöpft aus dem reinen Ruhe-EKG einen ersten Verdacht. Der Hausarzt kann das auf Anhieb schwer diagnostizieren.

MEDICA.de: Gibt es denn im Vorfeld der Fußball-WM eine allgemein anerkannte standardisierte kardiologische Untersuchung?

Löllgen: Die FIFA hat eine Regel festgelegt. Jeder Sportler, der an der Fußballweltmeisterschaft oder an der Europameisterschaft teilnimmt, durchläuft eine Standarduntersuchung. Das heißt: Ruhe-und Belastungs-EKG, Herzultraschall und Laboruntersuchungen werden vorab durchgeführt.

 
 
Foto: Fußballspiel

© Michel/Pixelio.de

MEDICA.de: Welche Hinweise auf einer derartige schwerwiegende Erkrankung werden für die Diagnose in Betracht gezogen, um die Sportler vor kardialen Zwischenfällen zu schützen?

Löllgen: Das Stichwort ist Prädisposition. Also die Frage, ob bei Familienmitgliedern des Sportlers – in der Regel unter dem Alter von fünfzig oder vierzig Jahren – schon plötzliche Todesfälle aufgetreten sind. Ist das der Fall, wird man hellhörig. Sowohl Sport- und Familienanamnesen sind hier effektiv. Ein zweiter Hinweis ist, wenn der Sportler sogenannte Synkopen hat. Besonders bei jungen Sportlern ist eine genaue Beobachtung ratsam, damit eine mögliche Ionenerkrankung in Betracht gezogen werden kann. In der Klinik, in der ich gearbeitet habe, gab es insgesamt über 30 Todesfälle im Sport. Bei diesen Fällen waren fast immer Synkopen in der Anamnese. Selten sind es Entzündungen in der Vorgeschichte, also Myokarditis oder ähnliches. Zusätzlich ist es ratsam eine körperliche Untersuchung durchzuführen. Ein einfacher Trick wird leider häufig nicht angewandt: Das Herz sowohl im Liegen als auch im Stehen abzuhören. Man hört dadurch ein Aorteninsuffiziensgeräusch beim Marfan-Syndrom oder bei der hypertrophen Kardiomyopathie deutlicher als im Liegen. Ein nächster Schritt ist das Ruhe-EKG. Hier sollte sehr genau auf Veränderungen geachtet werden. Eine fachkundige Diagnose setzt allerdings sportkardiologische Spezialkenntnisse voraus. Außerdem bietet sich bei den meisten Sportlern ein Belastungs-EKG an. Das sind alles Standardverfahren. Bei einem klinischen Befund ist zusätzlich ein Herzultraschall angebracht.

MEDICA.de: Ist die Häufigkeit der kardiale Erkrankungen bei Profi-Fußballern höher?

Löllgen: Nein, das glaube ich nicht. Die Erkrankungen der Profis sind immer spektakulär, weil sie in der Öffentlichkeit stattfinden. Dadurch werden sie verstärkt wahrgenommen. Ionenkanal-Erkrankungen sind zum Beispiel bei Marathonläufern oder Triathleten häufiger zu diagnostizieren. Statistiken aus den USA zeigen, dass die häufigsten kardialen Zwischenfälle beim American Football, Rugby oder auch beim Fußball und beim Basketball auftreten. Bei Basketballspielern, Ruderern und Volleyballspielern kommt eine weitere Erkrankung hinzu: das Marfan-Syndrom (eine angeborene Missbildung verschiedenster Organe, bei der auch häufig eine Aortendefektion oder eine Herzklappeninsuffizienz eintreten kann). Davon sind sehr große Sportler, überwiegend Basketballer, die über 1,90 m groß sind, betroffen. In den USA untersucht man deshalb regelmäßig alle Spieler auf das Marfan-Syndrom.

MEDICA.de: Kommen wir zu den erfolgreichen Fußballfrauen, der deutschen Frauennationalmannschaft: Wie gefährdet sind Spitzensportlerinnen in Bezug auf kardiale Zwischenfälle beim Sport?

Löllgen: Kardiale Zwischenfälle sind bei Frauen statistisch gesehen deutlich seltener. Sie sind auch seltener gefährdet. Allerdings erkranken Frauen häufiger an Schilddrüsenüberfunktionen und Eisenmangel.

MEDICA.de: Doping ist im Sport ein wichtiges Thema. Die verbotene Einnahme von Stimulanzien und anderen schädlichen Wirkstoffen wirkt sich negativ auf den Organismus aus. Entstehen so viele kardiale Probleme bei Fußballprofis?

Löllgen: Ja, das kann passieren. Die Einnahme von Anabolika führt zum Beispiel langfristig zu Herzschäden. Früher konnte man das bei Kugelstoßern gut beobachten, die alle Anabolika genommen haben. Einige dieser Sportler haben später eine schwere Koronarsklerose oder sterben frühzeitig an einem Herzinfarkt. Eine akute Gefährdung ist zunächst bei Anabolika nicht gegeben, zumindest nicht bei äußerst niedriger Dosierung. Stimulanzien können allerdings Herzrhythmusstörungen verursachen.

MEDICA.de: Welche Maßnahmen sollte man im Falle eines kardialen Zwischenfalls unbedingt ergreifen?

Löllgen: Es gibt zwei Empfehlungen: Einmal die Herz-Lungen-Wiederbelebung und die Möglichkeit des Defibrillieren. Mittlerweile kommen automatische externe Defibrillatoren in allen deutschen Stadien zum Einsatz. Ein Beispiel: Ärzte stellten bei dem Profi-Fußballer Gerald Asamoah eine hypertrophe Kardiomyopathie fest, die für den plötzlichen Herztod bei jungen Menschen verantwortlich ist. Daraufhin sperrte der DFB Asamoah, der dem Urteil widersprach. Jetzt spielt er für den FC Schalke 04. Rundum im Stadion sind nun immer mehrere Defibrillatoren platziert, die für Spieler und Zuschauer sofort zum Einsatz kommen können. Generell sollte der Notarzt immer schnell vor Ort sein.

MEDICA.de: Wie kommen die Fans und MEDICA.de-Leser gesund und stressfrei durch die WM?

Löllgen: Wir sollten versuchen, uns zu entspannen. Notfalls mit professioneller Hilfe, einer Stressbewältigungstherapie, einem Stresstraining, zum Beispiel durch autogenes Training. Bei Aufregungen hilft immer langsames Durchatmen. Wenn ein Fan allerdings sehr stark durch das Zuschauen eines Fußballspiels unter Stress gerät, gerade bei Patienten mit Herzerkrankungen, gilt: Lieber den Fernseher abschalten, spazieren gehen und sich hinterher das Ergebnis schildern lassen.

MEDICA.de: Ihr Favorit für Südafrika?

Löllgen: Ich tippe auf Brasilien und denke Deutschland schafft es bestimmt bis ins Viertel- oder Halbfinale.

Das Interview führte Diana Posth
MEDICA.de

 
 

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