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„Auf die heutige Ernährung ist unser Organismus nicht vorbereitet“

„Auf die heutige Ernährung ist unser Organismus nicht vorbereitet“

Professor Hauner

MEDICA.de fragte bei Professor Hans Hauner, dem Leiter des Lehrstuhls für Ernährungsmedizin am Wissenschaftszentrum Weihenstephan und dem Else Kröner-Fresenius-Zentrum der Technischen Universität in München nach, wie unser Verdauungssystem auf die chemischen Stoffe reagiert.

MEDICA.de: Professor Hauner, der Magen-Darm-Trakt steuert Tausende von chemischen Substanzen, unterscheidet zwischen Giften und Nährstoffen. Er leistet ein Leben lang Schwerstarbeit, denn viele Ernährungssünden wie zum Beispiel Schnitzel oder Pommes frites müssen verdaut werden. Wie halten die beiden Organe diesen Belastungen stand?

Hans Hauner: Wir leben heute in einer Zeit der chronischen Überernährung. Auf diese Ernährung ist unser Organismus nicht wirklich vorbereitet. Unser Stoffwechsel und unser Verdauungssystem sind über Jahrtausende geprägt worden und haben sich an das angepasst, was nutzbar oder essbar war. Das waren vor allem pflanzliche oder tierische Lebensmittel, die Energie liefern. Menschen sind also auf pflanzliche Kost und mageres Fleisch ausgelegt. Heute sind viele Produkte sehr fettreich. Wenn sie dann in großen Mengen konsumiert werden, belastet das die Organe, auch die des Magen-Darmtrakts. Aber es gibt hier eine große Reservekapazität. Das bedeutet: Der Darm kann größere Mahlzeiten verarbeiten, denn das war schon immer überlebenswichtig.

Ein zweiter Punkt: Heute werden zunehmend neue chemische Substanzen hergestellt und gelangen auf verschiedenen Wegen in die Nahrungskette. Vor allem Kunststoffe stellen ein Problem dar. Allerdings weniger für den Darmtrakt, sondern eher für das Hormonsystem des Körpers – man nennt sie „endocrine disrupters“ und sie können das Hormonsystem des Körpers beeinträchtigen. Was das im Einzelfall für die Gesundheit des Menschen bedeutet, wissen wir leider viel zu wenig. Natürlich sollte in der Lebensmittelzubereitung möglichst auf fremde Stoffe verzichtet werden. Viele Substanzen , vor allem die fettlöslichen, akkumulieren im Körper und werden unter Umständen im Fettgewebe oder auch in anderen Organen lange eingelagert mit ungewissen Folgen für die Gesundheit.

MEDICA.de: Sind Magen und Darm auf länderspezifische Ernährungsgewohnheiten ausgelegt?

Hauner: Der Darmtrakt eines Menschen produziert unabhängig von seiner ethnischen Zugehörigkeit und den Ernährungsbedingungen alle Verdauungssätze, die im menschlichen Genom festgelegt sind – sie sind also bei allen gleich. Die Funktion der Verdauungsorgane passt sich sicherlich auch dem an, was gebraucht wird. Das ist wahrscheinlich von Person zu Person je nach genetischer Variabilität etwas unterschiedlich.

MEDICA.de: Die moderne Lebensmittelchemie bedient sich vieler Tricks, um Nahrungsprodukte appetitlicher, bunter und vielfältiger aussehen zu lassen. Das geschieht oft mithilfe von Farbstoffen. Wie bekommt das Magen und Darm?

Hauner: Auch hierüber ist das Wissen begrenzt. Nicht alles, was in den Darm gelangt, wird aufgenommen. Auch die Verstoffwechslung vieler Farbstoffe ist wenig bekannt. Derzeit sind rund 40 solcher Lebensmittelfarbstoffe in der EU zugelassen und müssen bei der Verwendung angegeben werden. Die möglichen Gefahren für den Menschen sind wenig erforscht. Es gibt aber Hinweise, dass manche Allergien auslösen. Für Azofarbstoffe in Lebensmitteln wurde ein Zusammenhang mit Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefiziten bei Kindern berichtet. Deshalb gilt: Grundsätzlich möglichst sparsam mit Farbstoffen umgehen.

MEDICA.de: Neben Farbstoffen gibt es unendlich viele Zusatzstoffe; Konservierungsstoffe, Aromastoffe, Verdickungsmittel in verschiedenen Lebensmitteln, vor allem in Fertigprodukten. Was können die in einem empfindlichen Verdauungssystem anrichten?

Hauner: Was oft festgestellt wird ist, dass viele Leute Lebensmittelunverträglichkeiten haben – häufig betrifft das Fertigprodukte. Es ist aber schwer, klare Zusammenhänge herzustellen, denn unsere Nahrung ist sehr komplex. Es gibt immer hunderte von Möglichkeiten, worauf Beschwerden zurückzuführen sind. Um die Gründe zu ermitteln, könnte man eine Auslassdiät machen, also Nahrungsmittel konsequent absetzen und dann schrittweise einzelne Lebensmittel einführen. Tatsächlich haben Lebensmittelunverträglichkeiten in den letzten Jahren zugenommen. Es ist aber fraglich, ob das allein die Folge der modernen Lebensmittelherstellung ist. Denn gleichzeitig ist sicher auch die Sensibilität für solche Probleme bei den Verbrauchern und dem Verbraucherschutz gestiegen.

MEDICA.de: Was sollte man im Falle einer Unverträglichkeit beachten?

Hauner: Wie bei klassischen Lebensmittelallergien, die man bei Kindern nicht selten beobachtet, zum Beispiel gegen Eier oder Nüsse, sollte man diese Nahrungsmittel gezielt weglassen. Bei unspezifischen Lebensmittelunverträglichkeiten, die nicht genau diagnostisch einzustufen sind, ist ratsam, eine natürlich belassene Kost zu verzehren. Lebensmittel sollten nach Möglichkeit selber zubereitet werden und Fertigprodukte mit vielen Zusatzstoffen nach Möglichkeit vermieden werden.

 
 
Foto: Obstkisten mit verschiedenen Früchten auf einem Markt 
Eine pflanzliche und fettarme
Ernährung schont nicht nur
Magen und Darm;
©Thommy Weiss/pixelio.de

MEDICA.de: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der steigenden Verwendung von chemischen Zusatzstoffen in Lebensmitteln und der zunehmenden Häufigkeit der Refluxkrankheit, an der bereits über 20 Prozent der westlichen Industriebevölkerung erkrankt ist?

Hauner: Das würde ich verneinen. Der Zusammenhang ist hier ein anderer: Bei der Refluxkrankheit spielt Übergewicht eine wichtige Rolle. Überschüssiges Fettgewebe schiebt dann das Zwergfell stärker nach oben. Das verändert die Anatomie und übt Kompressionseffekte aus. Die Refluxkrankheit ist zum Beispiel bei übergewichtigen Menschen grundsätzlich häufiger vertreten als bei schlanken Menschen, die sich ausgewogen ernähren.

MEDICA.de: Probiotika, besonders vielumworbene probiotische Joghurts, sind ein weiteres Phänomen der vermeintlich gesunden Ernährung. Es heißt, dass sie helfen pathogene Bakterien aus dem Darm zu entfernen. Andere Studien unterstreichen vielmehr die langfristige Zerstörung der Darmflora. Was ist nun richtig?

Hauner: Die Frage ist offen, ob man die Mikroflora des gesunden Menschen mit Gabe von Probiotika wirklich signifikant beeinflussen kann. Dafür spricht im Augenblick eher wenig. Bei den Probiotika werden bestimmte Keime, zum Beispiel Laktobakterien in der Regel in Form von Joghurts verabreicht. Man hofft dabei, dass sie günstige Effekte auf die Zusammensetzung der Mikroflora im Darm haben. Das sind aber meist nur Kurzzeiteffekte, da jeder Mensch seine eigene Mikroflora im Darm hat, die über die Mütter geprägt wird. Man könnte es mit einem Fingerabdruck vergleichen, durch den jeder Mensch erkennbar wird. Diese individuelle Mikroflora lässt sich nicht ohne Weiteres verändern. Das ist auch aus Studien mit Antibiotika bekannt, die zum Teil die Mirkroflora im Darm massiv stören und vernichten können. Der Darm baut allerdings immer wieder das gleiche Muster auf, außer bei schweren Krankheiten und Krankheiten, die direkt Einfluss auf die Mikroflora haben. Das Argument der Hersteller probiotischer Joghurts, dass die Darmgesundheit dadurch verbessert wird, ist damit kaum haltbar. Es ist den Lebensmittelkonzernen bisher auch nicht gelungen, überzeugend einen Nachweis für eine gesundheitsförderliche Wirkung ihrer probiotischen Produkte zu erbringen.

MEDICA.de: Woran macht man das konkret fest?

Hauner: Man hat Entzündungsmarker und andere Parameter des Immunsystems genommen, die im Blut gemessen wurden. Es ist aber unklar, was sie über die Funktion der Mikroflora aussagen. Es gibt keinen Konsens darüber, inwieweit man zum Beispiel bei Blutuntersuchungen ablesen kann, was sich in der Darmflora wirklich verbessert hat. Es ist einfach nicht möglich.

Alle positiven Veränderungen, die man bisher nach Einnahme von Probiotika festgestellt hat, hat man fast ausschließlich bei Patienten mit bestimmten Darmerkrankungen – wie chronisch entzündliche Darmerkrankungen aber auch nur bestimmten Formen davon – feststellen können. Andere Studien zeigen, dass bei Durchfall-Erkrankungen, besonders bei Reisedurchfall oder Antibiotika-induziertem Durchfall, die Symptome durch den Konsum von probiotischen Lebensmitteln etwas gemildert werden. Dann kann die Verwendung von Probiotika durchaus Sinn machen. Auch Leitlinien gastroenterologischer Fachgesellschaften nennen einige wenige Indikationen, bei denen man Probiotika einsetzen kann – das allerdings meist in Form hochdosierter Kapseln.

MEDICA.de: Laut Ernährungswissenschaftlern sollte man fünf Mal täglich eine Portion Obst oder Gemüse zu sich nehmen. Das ist eine Empfehlung oder auch Kampagne, die es schon seit über 10 Jahren gibt. Würden Sie diese Empfehlung unterstützen, auch um eine gesunde Verdauung zu gewährleisten?

Hauner: Das würde ich weiterhin sehr unterstützen. Der Mensch hat sich in seiner Vorgeschichte überwiegend von pflanzlichen Produkten ernährt. Er hat immer deutlich mehr Ballaststoffe konsumiert, als wir das heute tun. Noch vor 100 Jahren lag die Ballaststoffzufuhr am Tag bei circa 50-70 g, heute sind es circa 20 g. Die Ballaststoffe sind zum Beispiel für den Dickdarm wichtig und sozusagen das Futter für die Mikroflora. Sie tragen dazu bei, dass gewisse Schadstoffe besser ausgeschieden werden und die Darmtätigkeit gefördert wird. Außerdem haben sie noch eine wichtige Wirkung für den Schutz vor Herz- und Kreislauferkrankungen oder vor Stoffwechselstörungen. Es ist daher sinnvoll, auch den modernen Menschen weiterhin anzuhalten, Ballastoffe zu konsumieren. Aber auch viele Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente können wir über Obst und Gemüse sehr gut aufnehmen. Obst und Gemüse wirken einer Gewichtszunahme entgegen. Leider sind wir immer noch weit davon entfernt, dass diese Empfehlungen umgesetzt werden.

MEDICA.de: Die EFSA, die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, legt auch Ernährungsleitlinien fest. Was beinhalten diese Nährstoffempfehlungen? Kann man hierdurch Magen und Darm schonen?

Hauner: Die EFSA veröffentlicht zwar neuerdings Ernährungsempfehlungen, aber auch von vielen anderen Fachgesellschaften liegen solche Empfehlungen vor. Zum Beispiel von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, die sich seit vielen Jahren mit diesem Thema beschäftigt und sehr gut belegte und aktuelle Richtwerte vorgegeben hat. Es geht im Wesentlichen immer in die gleiche Richtung: Eine pflanzliche, wenig fettige Kost, die vor allem wenig gesättigtes Fett enthält. In den Leitlinien kann man nachlesen, wie man sich als normaler Mensch und Konsument gesund ernähren kann. Das ist sinnvoll und sollte weiterhin gefördert werden.

MEDICA.de: Eine aktuelle Frage: Hochsommerliche Temperaturen belasten nicht nur das Herz-Kreislauf-System, sondern auch Magen und Darm. Was kann ich den beiden „Höchstleistungssportlern“ in Sachen Verdauung Gutes tun?

Hauner: Vor allem sollte man leichte, wenig fettige Kost und keine zu großen Mahlzeiten zu sich nehmen. Obst, Gemüse und Salat sind ideal. Wichtig ist auch, dass man ausreichend trinkt. Gerade beim Schwitzen verliert man viele Mineralstoffe über die Haut. Bei heißen Temperaturen sollte man deutlich mehr trinken, als es sonst zu empfehlen wäre.

Das Interview führte Diana Posth
MEDICA.de

 
 

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