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„Streptokokken kommen überall in der Welt vor“

Interviews zu Innovationen

Schnelltest: „Streptokokken kommen überall in der Welt vor“

Sie sind mit dem Auge nicht zu erkennen und doch sind wir täglich von ihnen umgeben: Bakterien wie Streptokokken können uns krank machen – Harnwegsinfektionen, Mandelentzündungen oder Hirnhautentzündungen – und ohne Antibiotika ist ihnen oftmals nicht beizukommen. Forscher versuchen deshalb seit Jahren, wirksame Impfstoffe gegen diese Erreger zu finden. 08.09.2010

Foto: Professor Gursharan Singh Chhatwal
Gursharan Singh Chhatwal;©HZI

MEDICA.de sprach mit Professor Gursharan Singh Chhatwal, Leiter der Arbeitsgruppe Medizinische Mikrobiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, über die Erforschung gefährlicher Krankheitserreger und Hilfen für streptokokkeninfizierte Kinder, die nun in Indien zur Anwendung kommen.

MEDICA.de: Herr Professor Chhatwal, Ihre Arbeitsgruppe untersucht Erreger, zum Beispiel um Impfstoffe herstellen zu können. Wie werden Erreger zu potenziellen Kandidaten für Ihre Untersuchungen?

Gursharan Singh Chhatwal: Wir schauen zum einen auf die Relevanz. Das heißt, wie oft treten neue Erkrankungen aufgrund eines bestimmten Erregers auf. Ein Beispiel: Derzeit untersuchen wir Streptokokken der Gruppe A. Mit ihnen infizieren sich pro Jahr mehr als 700 Millionen Menschen weltweit. Davon sterben 800 – 900.000 Personen. Und Streptokokken sind überall. Das heißt, es ist keine Krankheit, die etwa nur in Entwicklungsländern auftritt, sondern auch in Deutschland oder den USA. Das zweite Kriterium ist die Frage nach einem Impfstoff. Gibt es bereits einen wirksamen Impfstoff, oder nicht? Für Streptokokken gilt derzeit Letzteres. Zusammengefasst: Der Erreger ist relevant, ein Impfstoff ist erforderlich – also untersuchen wir diesen Erreger.

MEDICA.de: Wenn es Ihnen gelungen ist, Angriffspunkte der Bakterien zu identifizieren. Entwickeln Sie dann auch die Impfstoffe?

Chhatwal: Nein, das ist nicht unsere Aufgabe. Wir arbeiten daran, ob ein Impfstoff sicher ist oder ob er so wirkt, wie er wirken soll. Das überprüfen wir im Tierversuch. Wir möchten zum Beispiel herausfinden, ob ein Impfstoff im Körper genug Antikörper erzeugt beziehungsweise ob die Immunantwort ausreichend ist.

 
 
Foto:Streptokokken 
Bislang konnte noch kein Impf-
stoff gefunden werden, der ge-
gen alle Streptokokken wirkt;
© PHIL

MEDICA.de: Derzeit arbeiten Sie an der Entwicklung eines Schnelltests zur Bestimmung von Streptokokken bei Patienten, der auch in Entwicklungsländern eingesetzt werden soll. Wofür ist dieser Test?

Chhatwal: Die Forschung versucht seit 20 Jahren, einen Impfstoff gegen Streptokokken zu entwickeln. Auch wir haben einige gute Kandidaten gefunden, aber leider haben diese nicht die Voraussetzungen erfüllt, um an die Industrie weitergeben werden zu können. Nun wurde in Indien eine große Reihenuntersuchung durchgeführt. Denn: Streptokokken kommen überall in der Welt vor. Aber in Entwicklungsländern entwickeln die Kinder wesentlich häufiger rheumatisches Fieber, eine Erkrankung, die Herzklappenentzündungen verursacht. Diese sogenannte rheumatische Herzkrankheit ist auf eine ganz bestimmte Gruppe von Streptokokken zurückzuführen. Aber Streptokokken werden in 150 verschiedene Typen eingeteilt. Und davon lösen nur drei bis vier Prozent diese Erkrankung aus.

In Indien gibt es zurzeit 6 Millionen Kinder zwischen fünf und fünfzehn Jahren, die von dieser rheumatischen Herzkrankheit betroffen sind. Circa 400.000 sterben pro Jahr. Wir haben nun untersucht, warum das so ist, denn die Streptokokken kommen auch in den USA oder Deutschland vor, wo sich ebenfalls Millionen von Kindern im Jahr infizieren – allerdings nicht am rheumatischen Fieber erkranken.

Ein Grund für die Verteilung ist, dass in den USA oder Europa Kinderärzte sofort, selbst nur bei Verdacht auf eine Streptokokkeninfektion, Penicillin für mindestens 14 Tage verschreiben. Dann sind die Streptokokken weg. So passiert das in Entwicklungsländern jedoch nicht. Selbst wenn der Arzt weiß, dass das Kind mit Streptokokken infiziert ist. Denn: Nach zwei Penicillintabletten fühlt sich das Kind gesund. Das Medikament wird nicht mehr eingenommen – und die Streptokokken überleben. Sie verursachen dann die rheumatische Herzkrankheit. Der Grund für die unzureichende Medikamenteneinnahme ist, dass in Indien pro Tag mehrere hundert Kinder in die sogenannten Primary Health Center kommen. Sie untersuchen 30 bis 40 Patienten pro Stunde. Zeit für Aufklärung über die Erkrankung ist deshalb kaum vorhanden. Die Ärzte sagen deshalb: Nur drei bis vier Prozent aller Streptokokkenstämme verursachen diese Krankheit. Das heißt, 95 Prozent der Kinder sind nicht betroffen. Und wir können nicht beobachten, ob alle Kinder wirklich für 14 Tage Penicillin nehmen, oder nicht.

Die Ärzte brauchen also einen Test, der anzeigt, ob die Streptokokken in der Lage sind, die rheumatische Herzkrankheit zu verursachen. Und den haben wir entwickelt. Wir haben rausgefunden, was diese drei Prozent der Stämme haben, und die anderen nicht. Wir haben ein Peptid gefunden, das spezifisch und notwendig ist, um die rheumatische Herzkrankheit auszulösen. Der Test funktioniert wie ein gewöhnlicher Streptokokkentest – man nimmt einen Abstrich für den Objektträger und nach zwei Minuten weiß man, ob das Kind Streptokokken hat, die zu den gefährlichen drei Prozent zählen. Und für diese betroffenen Kinder kann man sich Zeit nehmen, zum Beispiel indem ein Helfer jeden Tag zu dem Kind nach Hause geht, wo es in seiner Anwesenheit das Penicillin einnimmt.


Das Interview führte Simone Ernst
MEDICA.de

 
 
 

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