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„Müsste der Pflege-TÜV zum TÜV, dann würde er wegen technischer Mängel durchfallen“
Thema des Monats Oktober: Die Pflege und der Notstand
„Müsste der Pflege-TÜV zum TÜV, dann würde er wegen technischer Mängel durchfallen“
Das Alter geht alle etwas an, da es jeden früher oder später einholt. Zu oft gerät dies in Vergessenheit. Ähnlich wie das Altern werden auch die Themen Pflege und deren Qualität wenig beachtet. Seit einem Jahr aber verändert sich endlich etwas. Der Pflege-TÜV soll die Pflege genau unter die Lupe nehmen und Probleme offen legen. Doch wie sicher und verlässlich ist das Verfahren wirklich?01.10.2010

Professor Weidner©privat
MEDICA.de sprach mit Professor Frank Weidner, Institutsleiter und Vorsitzender des Vorstandes des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung über die große „Pflege-TÜV“-Debatte, die grundsätzlichen Probleme eines solchen Bewertungsverfahrens und auch über die Chancen, die sich daraus ergeben können.
MEDICA.de: Herr Professor Weidner, warum war es überhaupt notwendig, den Pflege-TÜV vor etwa einem Jahr in Deutschland einzuführen?
Frank Weidner: Zu allererst ist der Begriff „Pflege-TÜV“ schon irreführend. Mit dem TÜV verbinden wir eine neutrale unabhängige Prüfungseinrichtung. Der TÜV überprüft zum Beispiel Fahrzeuge auf ihren qualitativen Zustand und auf ihre Verkehrstauglichkeit. Das Verfahren funktioniert seit Jahren unproblematisch und ist zuverlässig. Beim „Pflege-TÜV“ ist das Kernproblem, dass das angewandte Verfahren, dass die Qualität im ambulanten Dienst überprüfen soll, selbst nicht überprüft wurde. Das heißt, müsste der „Pflege-TÜV“ zum TÜV würde er wegen technischer Mängel durchfallen.
Deswegen geht es gar nicht um Einführung des „Pflege-TÜVs“, sondern um die Frage der Qualität in der stationären und ambulanten Pflege. Das war und ist dringend notwendig. Es gab auf der einen Seite Entwicklungen und Skandale in pflegerischen Einrichtungen, die auch die Medien aufgegriffen haben. Andererseits wusste man sehr wohl, dass bei der pflegerischen und gesundheitlichen Versorgung von Menschen auf Qualität geachtet werden muss. Der Gesetzgeber hat dies mit dem Pflegeweiterentwicklungsgesetz aufgegriffen und die Akteure verpflichtend beauftragt, ein entsprechendes Qualitätsüberprüfungsverfahren zu entwickeln und einzuführen. Das ist der Hintergrund.
MEDICA.de: Die Beurteilung der stationären Pflegeeinrichtungen und ambulanten Pflegeanbieter wird durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) übernommen. Wie kritisch können die Prüfungen wirklich durchgeführt werden?
Weidner: Die Prüfer können so kritisch sein, wie das Verfahren selbst Kritik und Unabhängigkeit der Prüfung zulässt. Grundsätzlich ist die Idee einer externen Überprüfung der Qualität zu begrüßen. Im Krankenhauswesen haben wir allerdings eine andere Lösung. Jedes Krankenhaus schreibt seinen eigenen Qualitätsbericht − aber so ist natürlich die Gefahr, dass die Unabhängigkeit der Bewertung leidet, größer. Das heißt, wenn das Verfahren gut wäre und wenn es eine externe Überprüfung für alle Einrichtungen gäbe, dann verspricht es tatsächlich eine Distanz und Unabhängigkeit und damit eine kritische Prüfung der Qualität. Zwar wird so die Qualität einheitlich verstanden und dabei zugleich besondere Qualitätsaspekte einzelner Einrichtungen vernachlässigt, aber ein unabhängiges Gutachten wird mit dem Verfahren schon ermöglicht.
MEDICA.de: Im Rahmen der Prüfung wird auch eine Bewohner- und Kundenbefragung stichprobenartig ausgeführt. Diese Ergebnisse fließen nicht in die Gesamtnote ein. Warum nicht?
Weidner: Das hat eine einfache Begründung. Die Entwickler dieses Verfahren haben beschlossen, hier zu unterscheiden. Die einen Benotungsbestandteile kommen durch die externen MDK-Prüfer zustande, die nach möglichst objektiven Kriterien die fachliche und strukturelle Qualität der Einrichtungen überprüfen sollen. Die anderen Daten entspringen einer anderen Quelle, nämlich der Einschätzung von Bewohnern oder von den Patienten der ambulanten Dienste. Das sind zwei verschiedene Quellen, die man trennen möchte. Es ist auch nachvollziehbar und es macht Sinn, diese beiden Quellen auseinanderzuhalten.
MEDICA.de:Die Bewertung der Pflegeanbieter ist an das Schulnotensystem von „sehr gut“ bis „mangelhaft“ angelehnt. Jetzt sind die ersten Benotungen veröffentlicht worden. Allerdings fällt auf, dass kaum ein Heim mit „mangelhaft“ bewertet worden ist. Das ist doch ein erfreuliches Ergebnis, oder?
Weidner: Zunächst scheint es erfreulich, aber genau da fängt die Mogelpackung an. Ich denke, die Leute werden die Ergebnisse so nicht annehmen. Nehmen wir noch einmal das Beispiel TÜV: Wenn beim TÜV alle Autos den Test bestehen und kein Auto aus dem Verkehr gezogen wird, dann werden die Leute die Rostbeulen irgendwann nicht mehr sehen können und dem System nicht mehr glauben. Hier fängt das Problem an. Anfangs, im letzten Jahr, als die Bewertung und Überprüfung begonnen haben, sind übrigens einige Einrichtungen besonders im pflegerischen Bereich mit „mangelhaft“ oder „ausreichend“ bewertet worden. Die Messungen haben sich nun aber zusehends verändert. Tatsächlich sieht es jetzt so aus, als würden fast alle Einrichtungen nur noch „sehr gut“ und „gut“ sein. Das zeigt die Manipulierbarkeit des Verfahrens. Das Verfahren ist noch nicht gut genug, die Qualität wirklich abzubilden.
Hinzu kommt, dass es einen Lerneffekt gibt, den jeder kennt, denn wir reden über Schulnoten. Denn so wie man in der Schule für eine Prüfung lernt, so kann man auch für die Prüfung des MDK lernen. Die pflegerischen Einrichtungen lernen dann alle fleißig, was sie tun müssen und schreiben zukünftig in die Pflegedokumentation das hinein, was der MDK sehen will. Das hat aber nichts mehr mit eigentlicher Qualität zu tun, die beim Patienten oder Bewohner ankommen soll. Es ist wirklich irreführend, dass es laut den jetzigen Ergebnissen des „Pflege-TÜVs“ keine schlechten Einrichtungen gibt. Denn so wie es ganz hervorragende gute Einrichtungen gibt, gibt es auch sehr schlechte Einrichtungen. Das Verfahren ist offensichtlich nicht gut genug, um hier eine klare Grenze zu ziehen.
MEDICA.de: Wie wichtig ist der Pflege-TÜV als Wegweiser für Pflegebedürftige oder Angehörige?
Weidner:Bei uns gibt es eine dringende Notwendigkeit, Pflegebedürftigen und Angehörigen zu helfen, gute Einrichtungen zu finden und dafür Kriterien an die Hand zu geben. Dieses Qualitätsverfahren kann dabei aber nur eingeschränkt wichtig sein. Immerhin ist nun die Debatte darüber eröffnet und die veröffentlichten Ergebnisse der Prüfungen finden auch im Internet Aufmerksamkeit. Wir wissen aber auch aus Studien aus anderen Ländern, dass die Menschen nicht blind auf solche Verfahren vertrauen. Wichtiger ist noch das Hörensagen. Der „Pflege-TÜV“ ergänzt also bestenfalls die Quellen und − bei aller Kritik – diese Veröffentlichungen werden inzwischen offensichtlich genutzt.
Der Bereich Pflege ist eine personen-
bezogene Dienstleistung, für die
Fachkräfte gebraucht werden;
©Rike/pixelio.de
MEDICA.de: Trotz einiger Innovationen scheint die Vorstellung einer optimalen Pflegeversorgung in weite Ferne gerückt zu sein. Da sind viele Faktoren ausschlaggebend wie zum Beispiel der derzeitige Fachkräftemangel, der auf eine immer älter werdende Bevölkerung trifft. Schon jetzt fehlt in der Pflege die Zeit, auf jeden Bewohner richtig einzugehen. Wie kann man dem entgegenwirken?
Weidner: Es zeigt sich nun wie komplex und kompliziert das System ist, das wir mittels „Pflege-TÜV“ erfassen möchten und mit „Pflege-Noten“ bewerten wollen. Die Frage ist: Wie kommt die Qualität bei den Menschen an? Der Bereich Pflege ist eine personenbezogene Dienstleistung, für die wir Fachkräfte brauchen – und das ist ein grundlegendes Problem. Aufgrund verschiedener Entwicklungen hat Deutschland Fehler bei den Anstrengungen um den Pflegenachwuchs gemacht. Jetzt haben wir einerseits das Problem, genügend junge Menschen für die Pflege zu begeistern − andererseits können wir denjenigen, die den Beruf erlernen, nicht immer optimale Ausbildungsbedingungen bieten. Gerade in der Krankenpflege hat es in den letzten Jahren einen deutlichen Abbau an Ausbildungsplätzen gegeben. Das war ein massiver Fehler. Das hat mit dem Thema der Finanzierung der Pflege in den Krankenhäusern zu tun.
Ebenso problematisch ist der Umgang mit älteren Mitarbeitern. Die besonderen Bedürfnisse und Kompetenzen älterer Mitarbeiter in der Pflege werden fast nicht berücksichtigt. Sie gehen häufig verhältnismäßig früh in Rente. Diese Versäumnisse werden durch die Schwächen bei der Ausgestaltung von angemessenen Arbeitsbedingungen und der Entlohnung ergänzt. Der Arbeitsmarkt in der Pflege ist u.a. wegen geringer Ausbildungsaktivität und hoher Berentungsquote leergefegt. Das Thema der Fachkräfteentwicklung in der Pflege ist daher hausgemacht.
MEDICA.de: Wäre es eine Lösung, zusätzliche ausländische Fachkräfte anzuwerben − oder nach dem Vorschlag der Bundeskanzlerin Angela Merkel, Hartz-IV-Empfänger als Pflegekräfte einzusetzen?
Weidner: Das sind keine guten Lösungen, denn diese Vorschläge versprechen überhaupt keine nachhaltige Wirkung. Es handelt sich um „Reflexe der Ratlosigkeit“, mit denen wir alle drei bis vier Jahre konfrontiert werden. Das ist für uns nichts Neues. Die Fehler wurden und werden zuhause beim Umgang und der Gewinnung von Fachkräften in der Pflege gemacht. Die Fehler müssen dann auch zuhause behoben werden. Natürlich ist es eine sehr wichtige Frage, wie wir Hartz-IV-Empfängern Arbeit vermitteln können. Aber hier wird die Pflege wieder als Steinbruch für verschiedene soziale Fragen missbraucht. Sie ist selbst eine dringende, soziale und bildungspolitische Frage. Vor dem Hintergrund der quälenden Bemühung um die Entwicklung der Qualität der Pflege ist der Vorschlag der Bundeskanzlerin einfach abstrus und von Ahnungslosigkeit gekennzeichnet. Das heißt nicht, dass nicht der eine oder andere Hartz-IV-Empfänger tatsächliche eine unterstützende Tätigkeit in der Pflege aufnehmen sollte und das zweifelsfrei machen kann. Die Kernprobleme der Qualität und der Fachkräftesicherung in der Pflege werden aber damit überhaupt nicht gelöst.
MEDICA.de: Zwei Drittel der Bevölkerung pflegen ihre Angehörigen zuhause. Das ist eine recht hohe Anzahl. Ist diese Zahl auch ein wenig von Misstrauen pflegerischen Einrichtungen gegenüber geprägt?
Weidner: Das kann man so nicht deuten. Es stimmt allerdings, dass der größte Pflegedienst immer noch die pflegenden Angehörigen sind. In Deutschland sind es etwa 1,3 bis 1,4 Millionen pflegende Angehörige, die zuhause ihre pflegebedürftigen Mitglieder der Familie betreuen. Aber die Tendenz zur stationären Pflege hält an. Wir haben seit Jahren die Verschiebung hin zur stationären Pflege beobachtet. Das heißt, der Anteil derjenigen, die stationär und nicht mehr in der Familie gepflegt werden, nimmt zu. Und deswegen ist es richtig genau dahin zu schauen. Das hat wenig mit der Frage nach Misstrauen oder Trauen einer Einrichtung zu tun, sondern einfach damit, dass die Familien zuhause mehr oder weniger ziemlich alleine gelassen werden und die Angehörigen pflegen solange sie können.
MEDICA.de: Ihre Prognose für die nächsten Jahre − wird der Pflege-TÜV langfristig überzeugen?
Weidner: So wie der „Pflege-TÜV“ jetzt abläuft wird er nicht überzeugen, da muss man das ganze System schon neu erfinden. Die Verantwortlichen, die das Verfahren vorantreiben, müssen die vielfältigen Hinweise, die wir jetzt erhalten haben, ernst nehmen und das ohne Wenn und Aber. Ansonsten machen wir uns etwas vor. Es läuft inzwischen eine fundierte Debatte insbesondere von wissenschaftlicher Seite, aber auch durch die Kenntnisse aus der Praxis. Wenn es so weitergeht mit dem sogenannten „Pflege-TÜV“, dann wird das Verfahren mehr oder weniger in Vergessenheit geraten, weil die Menschen dem einfach nicht glauben werden. Dann wird er zur Beurteilung der Güte von Einrichtungen eine von vielen Quellen und mit Sicherheit nicht die beste sein. Indes muss sich die Qualitätsentwicklung deutlich verbessern.
Es stellt sich die Frage, wie gut ein solches Verfahren tatsächlich das abbildet, was Menschen unter Qualität in der Versorgung verstehen. Diese Frage konnte, das hat die Evaluation gezeigt, das derzeit in den Heimen und ambulanten Einrichtungen vom MDK angewandte Verfahren nicht schlüssig belegen. Das bedeutet, wir wissen nicht, was wir damit eigentlich messen. Wir erwarten von einem solchen Verfahren allerdings, dass es überzeugend Qualität misst. Diesen Beweis ist der „Pflege-TÜV“ bislang schuldig geblieben.
Zusätzlich geht es darum, wie gut die Profilschärfe der einzelnen Einrichtungen abgebildet wird. Die pflegebedürftigen Menschen wollen nicht, dass alle Einrichtungen gleich sind. Am Ende wollen doch alle, dass die Einrichtungen jeweils unterschiedlich auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohner eingehen. Die Qualität in der Versorgung ist ein sehr komplizierter Gegenstand. Mit einer Hauruck-Methode mithilfe von Schulnoten können die vielfältigen Probleme nicht gelöst werden, da muss man erheblich tiefer graben.
MEDICA.de: Wie sieht die Entwicklung der Pflege europaweit aus? Haben andere europäische Länder ähnliche Probleme?
Weidner: Wenn wir die Pflegeüberprüfung und die Transparenzfeststellung von Qualität in Einrichtungen betrachten, dann sind die Themen und Probleme durchaus ähnlich. Allerdings läuft diese Debatte in den USA, Großbritannien oder auch den skandinavischen Länder bereits viel länger. Diese Länder gehen mit dem Thema viel gelassener, weniger hektisch und brechstangenmäßig um. Sie haben viel mehr Erfahrung mit dem Veröffentlichen von Qualitätsberichten und mit der Frage, wie das genutzt wird. Somit haben diese Länder einen Erfahrungsvorsprung. Es wird aber genauso über die Güte der Datenerhebung und über die Wirkung der Information auf die Verbraucher gestritten. Vor allem gibt es noch Probleme im Nachweis der Güte dieser Verfahren. Durch diesen Vergleich sehen wir, dass Qualität der Gesundheitsversorgung und deren Bewertung weitaus komplexer und komplizierter ist, als die Bewertung von Autos oder Hotelleistungen. Sie hängt eng mit der Frage zusammen, wie viel Aufmerksamkeit und Geld uns eigentlich die gesundheitliche pflegerische Versorgung wert ist. Die Pflegeversorgung und alle anhängigen Themen können nicht mit einem einfachen System gelöst werden. Vielmehr müssen wir das Thema in der Debatte halten. Das hilft den Menschen am meisten, die genau wissen möchten, wo sie sich am besten operieren lassen können oder wo es eine pflegerische Einrichtung gibt, die Mutter oder Vater besonders gut versorgen können.
Das Interview führte Diana Posth
MEDICA.de












