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„Es gibt noch keine niedergelassenen Schlafexperten“
Gesundheitspolitische Interviews
„Es gibt noch keine niedergelassenen Schlafexperten“
Der Schlaf bestimmt zu einem Drittel unser Leben und ist somit ein wichtiger Teil von uns. Trotzdem pflegen wir ein paradoxes Verhältnis zu ihm. Für viele Menschen ist das natürliche Bedürfnis nach ausreichendem Schlaf entweder eine erzwungene Ruhephase oder ein ersehnter Wunsch, allerdings meist mit dem Wissen, dass ein Leben mit ständigem Schlafdefizit ungesund ist. 23.08.2010

Ingo Fietze;© privat
MEDICA.de sprach mit Doktor Ingo Fietze, Oberarzt im Zentrum für Innere Medizin an der Berliner Charité und Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums über das Schattendasein des Schlafs, sein ambivalentes Verständnis und seine Relevanz.
MEDICA.de: Herr Doktor Fietze, Schlafmedizin und Schlafforschung sind in den letzten Jahren immer weiter in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Woher kommt das?
Ingo Fietze: Das kommt daher, dass sich zunehmend Ärzte verschiedener Fachgebiete, Internisten, HNO-Ärzte, Neurologen, Psychiater, Kinderärzte, Allgemeinmediziner und Hausärzte – für dieses interdisziplinäre Gebiet interessieren. Im zunehmenden Maße gelingt es uns auch, Schlafmedizin und die neuen Erkenntnisse der Schlafforschung mehr in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Für die Ärzteschaft sind klinische Leitlinien entwickelt worden, die ein einheitliches qualitatives Handeln möglich machen. Die Schlafmedizin als interdisziplinäres Fach integriert zunehmend Fachrichtungen, in der sie bisher nur eine geringe Rolle spielte, wie die Kardiologie oder die Anästhesie. Es ist auch gelungen, Schlafmedizin zum Teil in der studentischen Lehre zu etablieren. Allerdings gibt es erst wenige Universitäten, an denen diese Fachrichtung rund um „Schlaf“ gelehrt wird. Dass Schlaf ein populäres Thema ist, merkt man vor allem daran, dass es nicht nur Betroffenen sondern auch „Gutschläfer“ interessiert. Durch eine interessierte und gut informierte Öffentlichkeit kann der Schlaf endlich aus seinem Schattendasein treten.
MEDICA.de: Wie viele Menschen sind in Deutschland an Schlafstörungen oder schlafbezogenen Atemstörungen, auch als Schlafapnoe-Syndrom bekannt, erkrankt?
Fietze: In Deutschland gibt bisher keine wirklichen epidemiologischen Studien. Das gilt sowohl für schlafbezogenen Atmungsstörungen als auch für Insomnie. Das ist ein Manko. Die Zahlen zu Schlafstörungen stammen meist aus den USA. Zu den unruhigen Beinen, dem „Restless Leg Syndrom“, gibt es eine populationsbasierte Studie in Deutschland mit einer relativ hohen Prävalenz – fast fünf Prozent der Gesamtbevölkerung leiden an unruhigen Beinen. Der erst kürzlich veröffentliche Gesundheitsreport 2010 von der Deutschen Angestellten Krankenkasse, der DAK, mit dem Schwerpunkt Schlafstörungen stellte auch hier eine hohe Prävalenz fest. Es bestätigen sich die Daten, die bereits aus den USA bekannt sind: Jeder zehnte Befragte leidet an einer Schlafstörung und vier Prozent der Befragten haben eine schwere chronische behandlungsbedürftige Schlafstörung. Das sind in der Tat alarmierende Zahlen und belegen die Bedeutung der Notwendigkeit einer adäquaten schlafmedizinischen Versorgung in Deutschland.
MEDICA.de: Trotz gestiegener Aufmerksamkeit hat sich die Bedeutung von Schlaf und dessen Forschung in westlichen Industrieländern noch nicht vollständig etabliert. Schlafprobleme gehören aber mittlerweile zu einer Art Volkskrankheit. Wie passt das zusammen?
Fietze: Diese Schere passt deshalb zusammen, weil Schlafforschung noch ein sehr junges Gebiet ist. Wir haben es aber trotz mancher gesundheitspolitischer Restriktionen geschafft, flächendeckend Schlaflabore in Deutschland zu etablieren. Die Versorgung ist da sehr gut. Was wir aber nicht haben – und das zeichnet sich momentan auch gar nicht ab – ist ein Vergütungsmodus für ambulante schlafmedizinisch tätige Kollegen, sogenannte Schlafsprechstunden in Spezialambulanzen. Hier fehlt, auch von Seiten der Krankenkassen, ein schlüssiges Versorgungskonzept. Da viele Menschen noch nicht viel über „Schlaf“ wissen und der Hausarzt die Versorgungsstrukturen nicht kennt, weiß der potentiell Betroffene auch nicht, an wen er sich wenden soll. Genauer gesagt: Wenn jemand ein Schlafproblem hat, dann liest er vielleicht populärwissenschaftliche Artikel und informiert sich im Internet. Er tut sich berechtigter Weise aber schwer, einen Schlafexperten als Ansprechpartner in seiner Umgebung zu finden. Es gibt nämlich noch keine niedergelassenen Schlafexperten. Auf der einen Seite sensibilisieren wir und es gibt immer mehr Leute, die Rat suchen. Auf der anderen Seite haben wir aber nur die zahlreichen Schlaflabore für die nächtlichen Messungen und nur wenige einfach zu erreichende Ratgeber.
MEDICA.de: Ist die gesundheitspolitische Zurückhaltung in Sachen Schlafstörungen vielleicht auf den noch vorhandenen Kenntnismangel in der Diagnostik und Behandlung sowie von wirksamen Arzneimitteln zurückzuführen?
Fietze: Ich denke, es sind vor allem zwei Sachen: Zunächst möchte niemand eine Lawine von Erkrankungen auslösen. Wenn jeder Dritte in Deutschland schlecht schläft – wer soll das bezahlen? Schließlich heißt schlecht schlafen ja auch nicht gleich zwingend Insomnie. Wir haben einen anderen Ansatz und sagen: Mit den Methoden, die heute zur Verfügung stehen, können wir so gut diagnostizieren, dass wir viele potentiell Betroffene herausfiltern, die definitiv in unsere Hände gehören. Wir müssen also selektieren, wer ist tatsächlich krank und wer muss behandelt werden.
Zum anderen fehlen Präventionsprogramme. Viele Menschen, die momentan noch keine behandlungsbedürftige Schlafstörung haben, gehören eigentlich in solche vorbeugende, aufklärende und beratende Programme. Es ist derzeit schwer in geförderte Präventionsprogramme zu kommen. Hier lag in den letzten Jahren der Fokus klar auf den Themen Ernährung und Fitness. Als Schlafmediziner wünschte man sich aber einen Dreiklang - „Ernährung, Fitness und Schlaf-Wach-Gesundheit“. Wir setzen uns momentan dafür ein, auch präventiv wahrgenommen zu werden.
Mithilfe gezielter Therapien können
verschiedene Krankheiten rund um den
Schlaf geheilt werden; ©Hermera
MEDICA.de: Verschiedene Medien berichteten aktuell darüber, dass viele Schlaflabore finanziell vor dem Aus stehen. Was steckt dahinter?
Fietze: Sagen wir es so: Wir haben ein flächendeckendes Netz von Schlaflaboren. Diese befinden sich vorwiegend in Krankenhäusern, in denen die Patienten stationär liegen und Tag und Nacht betreut werden. Diese Versorgung ist in den letzten Jahren dadurch gefährdet worden, dass nicht mehr jeder in ein stationäres Schlaflabor darf. Dadurch haben viele stationäre Schlaflabore die Bettenzahl eingeschränkt oder mussten sogar schließen. Zur Erinnerung: Es gibt aber viele Betroffene. Auf der anderen Seite sollen vornehmlich Patienten mit schlafbezogenen Atmungsstörungen, also Schlafapnoe, nicht mehr stationär, sondern in ambulanten Schlaflaboren untersucht werden. Das sind Schlaflabore, die ihre Leistung über einen „anderen nicht-stationären Topf“ abrechnen. Einige dieser ambulanten Schlaflabore haben sich in den letzten Jahren etabliert. In Deutschland hat das so drei bis fünf Jahre sehr gut funktioniert, zumal die Vergütung adäquat war.
Jetzt ist diese adäquate Vergütung zum Teil um circa ein Drittel reduziert worden. Es gibt deutlich weniger Geld. Manche Fachgruppen können diese Leistungen, regional unterschiedlich, ambulant gar nicht mehr abrechnen – insbesondere Neurologen und Psychiater. Diese Entwicklung führt dazu, dass nun wiederum ambulante Schlaflabore schließen müssen. Für das Geld, was die Krankenversicherungen aktuell seit dem 1. Juli 2010 für die ambulante Schlafmedizin anbieten – vorher war es extra budgetiert – ist eine Fortführung der qualitativ guten Versorgung nicht mehr gewährleistet. Daher wurde jetzt unter anderem ein Memorandum der vornehmlich pneumologisch niedergelassenen Schlaflabore in Deutschland initiiert, das besagt, dass die Zahl der Leistungen heruntergefahren werden muss. Anders ist der Zustand nicht tragbar. Bei weitgehend verschlossenen stationären Türen geht es nicht, dass man das ambulante Feld weiter kürzt. Und das ist Thema der aktuellen Diskussion. Wir haben als Fachgesellschaft an die Politik und die Krankenkassen geschrieben und sind inzwischen bundesweit gehört worden. Überregional und auch regional gibt es nun Bestrebungen, eine gute Lösung zu finden.
Generell hat jeder Verständnis dafür, dass Geld gespart werden muss. Wir können auch dazu beitragen, indem wir nicht immer mehr Patienten behandeln, sondern gezielter die Therapie einsetzen. So kann man sich entgegenkommen.
MEDICA.de: Schlaf hat auch wirtschaftlichen Einfluss – er steigert angeblich die Produktivität. In den USA richten Arbeitgeber oft sogenannte „nap-rooms“ ein. In China ist der Mittagsschlaf, „Xeu-Xi“, ein verankertes Grundrecht. Besteht in Deutschland Nachholbedarf?
Fietze: Was Schlaf und Arbeitsproduktivität betrifft, besteht absoluter Nachholbedarf. Dass Schichtarbeit mit Schlaf-Wach-Gesundheit zu tun hat, dass weiß jeder Schichtarbeiter oder jeder der sich mit der Organisation von Schichtarbeit beschäftigt. Viele wissen, dass die Prozesse deutlich verbessert werden können. Gegen die Schichtarbeit kommen wir allerdings nicht an, sie wird weiter zunehmen. Wir müssen also überlegen, wie wir mit der Schlaf-Wach-Gesundheit umgehen und Alternativen finden. Der beste Weg, keine Schlaftablette am Tag zu nehmen oder umgekehrt, drei Kannen Kaffe in der Nacht zu trinken, ist es, wenn man sich über individuelle Bedürfnisse und die objektiven Herausforderungen der Arbeitssituation Gedanken macht und ein angepasstes sinnvolles Schlaf-Wach-Regime einführt. So wäre es unter anderem gut, in den Schichtarbeitsbetrieben eine „nap-Kultur“ einzuführen.
Wir haben gerade ein Schichtarbeitsprojekt mit „Berlin HealthCapital“ in Berlin und Brandenburg beendet, das mit verschiedenen Schichtarbeitsbetrieben der Region durchgeführt wurde. In diesem Projekt untersuchten wir, ob es tatsächlich so schlecht um den Schlaf und die Schichtarbeit bestellt ist und zusätzlich, ob dies mit der Organisation des Betriebes zu tun hat. Wir möchten zum Beispiel Zusammenhänge zwischen „Schlafstörungen und Stress bei der Arbeit“, „Schlafstörungen und Lärm“ und „Schlafstörungen und der Identifikation mit der Arbeit“ herausfinden.
MEDICA.de: Gibt es hierzu schon aktuelle Studien oder erste Ergebnisse?
Fietze: Aus diesem Berliner Projekt heraus wird ein Betrieb einen Ruheraum einführen. Der erste seiner Art wurde unter Mithilfe von Klimatechnikern, Akustikern, Lichtexperten, Architekten und Schlafmedizinern für Balletttänzer des Staatsballetts Berlin eingerichtet. Vorher haben wir in einer Studie nachgewiesen, dass diese Berufsgruppe schlecht und unruhig schläft. Jetzt ist der Raum fertig und wird hervorragend genutzt. Allerdings fehlt noch die Folgestudie. Hier ist noch viel in Aktion.
MEDICA.de: Ein Blick in die Zukunft: Wird sich die Schlafmedizin im Bereich der Gesundheitsprävention etablieren können?
Fietze: Schlafmedizin ist noch nicht etabliert, weil es nicht relevant ist, was wir machen, sondern weil uns tatsächlich noch die kritische Masse, die breite Ärzteschaft und die Lobby für dieses Fachgebiet fehlt. Das braucht noch Zeit. Trotzdem denke ich, dass in spätestens fünf Jahren Schlafmedizin in der Prävention eine bedeutende Rolle spielen und sie in der klinischen Medizin weiterhin an Bedeutung gewinnen wird. Meiner Ansicht nach, gehört das Thema Schlaf bereits in die Schulen und zum Teil in die Berufsausbildung. Das Thema muss breiter kommuniziert werden, um eben zu verhindern, dass die Lawine der Kranken immer größer wird.
Aus ökonomischen Gesichtspunkten ist es nicht nur sinnvoll, sondern zwingend notwendig, wenn wir zum Beispiel Schlafapnoe behandeln und die Menschen dadurch länger und gesünder leben oder wenn wir Schlafgestörte therapieren, die dann wieder voll arbeitsfähig werden oder wenn wir leicht ermüdende Menschen behandeln, sodass dadurch weniger Unfälle auf den Straßen passieren. Das sind alles logische Begründungen für die Notwendigkeit unseres Handelns. Leider finden solche Langzeitansätze oft wenig Gehör, vor allem wenn akute ökonomische Zwänge bestehen.
Das Interview führte Diana Posth
MEDICA.de
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