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„Wir setzen auf eine ganzheitliche Betrachtung des Gebäudes“

„Wir setzen auf eine ganzheitliche Betrachtung des Gebäudes“

Jürgen Zimmermann

MEDICA.de sprach mit Jürgen Zimmermann, Leiter Segment Health Care bei ARCADIS, der für die Projektsteuerung solcher Projekte verantwortlich ist, über die Vorteile dieser neuen Krankenhausmodelle, das neue deutsche Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) und was Patienten und Angestellte vom grünen Krankenhaus erwarten können.

MEDICA.de: Herr Zimmermann, was unterscheidet herkömmliche Krankenhäuser von Green Hospitals?

Jürgen Zimmermann: Ein Green Hospital unterscheidet sich dadurch von einem herkömmlichen Krankenhaus, dass bei der Konzeption und Planung eines Green Hospitals der Schutz der Umwelt, die Schonung der natürlichen Ressourcen, die Gesundheit der Nutzer und Patienten, die Behaglichkeit und nicht zuletzt in Zeiten knapper Kassen die Reduzierung der Nutzungskosten besondere Berücksichtigung finden. Dies geschieht anhand einer Zertifizierung der Gebäude durch eine neutrale Stelle, die Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen-DGNB, welche unabhängig anhand festgelegter Kriterien überprüft ob all diese Aspekte erfüllt werden. Wir arbeiten derzeit an zwei Pilotprojekten, welche eine Zertifizierung als Green Hospital erreichen möchten.

Zunächst verbraucht ein Gebäude Energie (Strom, Heizung, Kälte), Wasser und Fläche. Diesen Ressourcenverbrauch versucht man, bereits in der Planung zu reduzieren. Wenn man ein Gebäude über den gesamten Lebenszyklus betrachtet, dann stellt man fest, dass nur ein kleiner Teil der Gesamtkosten durch die Errichtung des Gebäudes entstehen. Ein viel größerer Teil der gesamten Lebenszykluskosten eines Gebäudes – beim Krankenhaus sind es circa 85 Prozent – entstehen in der Nutzungsphase. Diese sogenannten Nutzungskosten übersteigen die Herstellkosten bereits nach etwa 10 Jahren. Eine Reduzierung der Energiekosten durch optimierte Bauweise aber auch die Reduzierung der Reinigungskosten durch eine Optimierung der zu reinigenden Flächen trägt dazu bei. Ein weiterer wichtiger Faktor für ein Green Hospital ist der Nutzerkomfort. Wie sind zum Beispiel die Temperaturen im Gebäude, im Sommer und wie im Winter? Wie sieht es mit der Behaglichkeit aus? Gibt es Tageslicht in allen Gebäudebereichen? All diese Fragen sollten möglichst früh beantwortet werden können.

MEDICA.de: Zum Konzept der Green Hospitals gehört also auch die Patientenzufriedenheit. Doch inwiefern merken Patienten und Angestellte, dass sie in einem solch besonderen Gebäude sind?

Zimmermann: Patienten und Nutzer sollten es durch einen hohen Anteil an Tageslicht und an den verwendeten Materialen bemerken, dass man sich in einem Green Hospital befindet. Gerade die Materialauswahl ist besonders wichtig. Tropenhölzer und Schadstoffe sind selbstverständlich tabu. Besonders Letztere verstecken sich in vielen Baumaterialien: in Anstrichen, in Bodenbelägen, in Klebern, in Dichtungsmitteln. Damit hier kein gesundheits- und umweltschädliches Material verbaut wird, werden alle Baumaterialien im Rahmen der Zertifizierung geprüft und durch Raumluftmessungen auch kontrolliert. Als Patient und Nutzer sollte man ja eigentlich davon ausgehen, dass man im Krankenhaus nicht krank wird. Im Hippokratischen Eid heißt es ja: „Vor allem schade nicht!“ Anders sieht es beim visuellen Komfort aus, zum Beispiel bei der „Verwendung“ von Tageslicht. Sind etwa Sonnenschutzvorrichtungen vorhanden? Wie sieht die Beleuchtung aus? Auch hier gibt es technische Vorgaben. Barrierefreiheit und Fahrradkomfort sind ebenfalls Stichworte, die zu beachten sind. Wichtig ist auch, wie ich die Nutzer in die Planungsphase einbinde. Wie sollte eine integrale Planung aussehen? Architekt, Fachplaner, Bauherr, Auftraggeber, Projektsteuerer – wann werden die Nutzer mit eingebunden? Wir sind der Auffassung, das muss in einer frühen Phase stattfinden. Aktuell gibt es die Diskussionen um Stuttgart 21. Wir führen bei Neubauprojekten auch in einem frühen Stadium Diskussionen mit der Öffentlichkeit.

MEDICA.de: Im Zusammenhang mit Green Hospitals fällt oft der Ausdruck „nachhaltiger Standort“. Was ist das?

Zimmermann: Ich möchte ihnen ein Beispiel für das Gegenteil geben: ein Green Hospital auf der grünen Wiese. Denn das ist ein Paradox. Denn auf der grünen Wiese verbrauche ich Landschaft. Wir aber wollen den Flächenverbrauch minimieren. Jetzt kann man ein Krankenhaus aber nicht unbedingt immer auf einer brachliegenden Industriefläche bauen. Das wäre jedoch nachhaltiger. Unter einem nachhaltigen Standort ist aber zum Beispiel auch zu verstehen, dass ich eine gute Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr habe, dass gewisse Standortqualitäten gegeben sind. Etwa, dass es in der Nähe des Krankenhauses gewisse Einkaufs- oder Freizeitmöglichkeiten sowie eine Kinderbetreuung für die Angestellten gibt.

MEDICA.de: Muss ein Green Hospital immer ein Neubau sein oder kann ein bestehendes Krankenhaus entsprechend modernisiert werden?

Zimmermann: Wie bereits erwähnt, befinden wir uns derzeit in der Pilotzertifizierung zweier Krankenhausprojekte. Das eine ist ein kompletter Neubau, das andere ist ein Erweiterungsbau. Hier ist es naturgemäß einfacher, die Kriterien der DGNB umzusetzen, da wir bereits in einer frühen Planungsphase diese berücksichtigen und die Planung optimieren können. Das betrifft auch beispielsweise die Umsetzung der geltenden Vorschriften, DIN-Normen oder VDI Vorschriften. Bei einem bestehenden Gebäude müsste man jedoch überprüfen, welche Kriterien beim Bau schon erfüllt wurden. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass nach den Kriterien der DGNB bei einigen qualitativ hochwertigen Gebäuden aus den letzten Jahren mindestens ein Zertifikat in Bronze erreichbar ist. Als Maßstab für die Zertifizierung gilt der DGNB der Erfüllungsgrad der Kriterien – ob diese eben zu 60, 80 oder 100 Prozent erfüllt worden sind. Dementsprechend gibt es Bronze, Silber oder Gold. Also: Bestandsgebäude kommen künftig sicherlich dazu – zumindest erst kürzlich fertiggestellte Neubauten. Bei älteren Gebäuden aus den 70er oder 80er Jahren wird es mit der Zertifizierung wohl schwierig werden.

MEDICA.de: Wie gehen Green Hospitals und die Kostenexplosion im Gesundheitssektor zusammen? Gibt es nicht viele Kliniken, die den Baukostenpreis möglichst gering halten möchten?

Zimmermann: Ich glaube diese Haltung entwickelt sich zum Teil aus Unwissenheit. Hier besteht ganz klar Aufklärungsbedarf. Viele lesen: „Ein Green Hospital kostet fünf Prozent mehr“. Doch ich bin nach wie vor der Meinung, dass das nicht sein muss. Deswegen fertigen wir für unsere Kunden auch Vorzertifikate. Im Rahmen der Erstellung dieses Vorzertifikats können wir leicht feststellen, wie viel es tatsächlich kostet oder welche Mehrkosten möglicherweise anfallen. Kann ein Kunde mit seinem Budget DGNB Silber erreichen? Und was würde es kosten, Gold zu bekommen? Genau hierfür ist das Vorzertifikat wichtig. Ich mache also einen Workshop mit allen Planungsbeteiligten, stelle alle Unterlagen für den Neubau zusammen und überprüfe dann, wo es klemmt. Aber das ist eigentlich nicht das Wichtigste. Sondern zu schauen: Diese Kriterien erfülle ich schon und nun betrachte ich verstärkt die Nutzungskosten des Gebäudes. Ich denke das war in der Vergangenheit auch durch unsere Fördermittelpolitik nicht der Standard. Es wurden weniger die Nutzungskosten betrachtet als vielmehr die Herstellungskosten. Und da gilt: möglichst günstig. Aber ich kann natürlich auch durch eine bessere Dämmung, die in der Anschaffung etwas mehr kostet, auf lange Sicht Kosten einsparen.

Man muss leider feststellen, dass Deutschland gerade bei der Zertifizierung im Krankenhausbau international deutlich hinterherhinkt. Denn es gibt hier bislang kein Green Hospital. Da sind uns die USA, England oder auch Indien und andere Länder weit voraus. Man muss allerdings auch berücksichtigen, dass das Zertifikat der DGNB noch sehr jung ist. Während andere Länder schon in den 90er Jahren entsprechende Modelle entwickelt haben, entstand das deutsche Zertifikat erst 2008. Wir stecken also teilweise noch in den Kinderschuhen und müssen erst Erfahrungen sammeln. Doch wir setzen ganz klar auf die ganzheitliche nachhaltige Betrachtung der Gebäude. In einigen Jahren werden sich Green Buildings auch im Krankenhaus als Green Hospital durchgesetzt haben. Mit den von uns betreuten Pilotzertifizierungen legen wir einen wichtigen Grundstein dafür.

Mehr zum Thema erfahren Sie auf der MEDICA in der Veranstaltungsreihe des 33. Deutschen Krankenhaustages: Green Hospital (18.11.2010; 10:00 bis 13:30)

 
 

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