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Sie befinden sich hier: MEDICA-Portal. MEDICA Magazin. Thema des Monats. Jahres-Archiv. Unsere Themen 2010. Dezember 2010: Das Immunsystem. Autoimmunerkrankung.

Würmer im Dienste der Wissenschaft

Würmer im Dienste der Wissenschaft


In den sogenannten Entwicklungsländern sind Wurmerkrankungen auch heute noch bei vielen Menschen zu finden. Die Parasiten beziehungsweise Endoparasiten leben zum Beispiel in Hohlräumen oder im Blut. Darmparasiten wie der Bandwurm saugen sich im Inneren des Darms fest. Hier vermehrt er sich zwar nicht, doch das Immunsystem wird natürlich versuchen, den Fremdkörper wieder auszuscheiden. Doch genau aus diesem Grund wenden die Parasiten einen cleveren Trick an – sie scheiden Botenstoffe aus, die unser Immunsystem herunterregulieren.

Denn es ist die normale Reaktion des Immunsystems auf einen Fremdkörper Antikörper zu bilden, die den Eindringling unschädlich machen. Aber damit kann ein Endoparasit wie zum Beispiel ein Bandwurm in der Regel nicht abgetötet werden. Allerdings wird ein Zusammenleben mit dem Wurm möglich. Und auch wenn es sich nicht schön anhört, so haben doch Beide – Mensch und Wurm – etwas von diesem Arrangement. Der Wurm bleibt am Leben und der Mensch reagiert kaum mit Beschwerden, sondern lebt ganz normal weiter. Doch darüber hinaus scheint die reduzierte Aktivität des Immunsystems eine weitere Konsequenz für den Menschen zu haben: Sie reagieren weniger allergisch auf ihre Umwelt. Denn auffällig selten treten Allergien zum Beispiel bei Menschen in der Dritten Welt auf. Aus diesem Grund erklärt man sich in Europa die starke Zunahme von Allergie-Erkrankungen durch die stetig verbesserten Hygienemaßnahmen. Doch was ist dran an dieser Theorie und wie kann man sich die gewonnenen Erkenntnisse zunutze machen?

 
 
 
Die Hoffnung der Forscher be-
steht darin, eine Möglichkeit zu
finden, die wirksamen Extrakte
der Darmparasiten zu extrahieren,
um so ein Medikament herstellen
zu können; © panthermedia.net
walter zerla

Forscher im Einsatz

Auf der Suche nach Beweisen gehen die Wissenschaftler dann auch einmal ungewöhnlich Wege. So infizierte sich Professor David Pritchard von der University of Nottingham absichtlich mit Hakenwürmern, um nachweisen zu können, dass diese für die Behandlung von Störungen des Immunsystems, etwa bei Asthma oder Morbus Crohn, taugen, da sie den Teil des Immunsystems stimulieren würden, der für die gesamte „Verteidigung“ zuständig ist. In einer Veröffentlichung des universitätseigenen Magazins „Vision Magazine/Edition 9“ wird Pritchard folgendermaßen zitiert: „Die treibende Kraft hinter einer Immunantwort sind die sogenannten T-Helferzellen beziehungsweise Typ 1 T-Helferzellen. Diese kämpfen gegen Bakterien – und wenn genau dieser Teil des Immunsystems überreagiert, bekommt man Krankheiten wie Morbus Crohn, Psoriasis und rheumatoide Arthritis. Auf der anderen Seite gibt es die Typ 2 T-Helferzellen, die gegen den Wurmbefall vorgehen. Aber wenn dieser Teil überreagiert, bekommt man Allergien. Genau in der Mitte befinden sich die erst kürzlich entdeckten regulatorischen T-Zellen. Diese halten alles in der Balance. Unsere Hypothese ist, dass die Würmer die Menge der regulatorischen T-Zellen beeinflussen können und so die gesamte Immunantwort herunterregulieren können.“

Ob dies tatsächlich so der Fall ist, ist allerdings noch nicht abschließend erforscht, wie Professor Peter G. Kremsner, Institutsdirektor des Tropeninstituts Tübingen auf Nachfrage erklärt: „Man kann nur spekulieren. Die Idee existiert schon lange. Aber ob tatsächlich die T-Zellen für die Herunterregulierung des Immunsystems verantwortlich sind, weiß man nicht genau. Zwar steigert die T2-Immunantwort im Falle eines Parasitenbefalls die regulatorische Antwort und die inflammatorische Antwort wird teilweise gesenkt, wovon Patienten mit Allergien oder Autoimmunerkrankung profitieren – aber auch Stickstoffmonoxid wirkt ähnlich. Eine genaue Aussage über den zugrunde liegenden Wirkmechanismus zu treffen, ist bei komplexen Mikroorganismen immer schwierig.“

Hoffnung auf ein Medikament

Hinter aller Forschung steckt natürlich der Wunsch, ein Mittel pharmazeutisch zu produzieren, um auch Allergikern eine wirksame Behandlung anbieten zu können. Denn bislang gibt es keine 100-prozentig wirksame Therapien. Kremsner fasst es so zusammen: „Es besteht die Hoffnung, dass man entweder Extrakte in vitro entwickeln kann oder aber Würmer in den Darm geben kann, die schließlich wieder von allein absterben. Letzteres hört sich vielleicht nicht schön an, aber der Leidensdruck vieler Allergiker ist sicherlich hoch genug, um auch diese Variante in Betracht zu ziehen. Leider gibt es bisher noch keine erfolgreiche klinische Studie in dieser Richtung. Ich denke aber, dass dieser Ansatz großes Potenzial hat. Bei Multiallergikern gibt es bisher keine heilende Therapie, sondern nur die rein symptomatische Behandlung. Deshalb sollte man diesen Ansatz unbedingt weiter verfolgen und mit geeinten Kräften erforschen.“

Ob dieser Ansatz sich schließlich als wirksam erweist, muss jedoch noch abgewartet werden. Bis dahin mögen die Menschen, die zum Beispiel einen Bandwurm ihr Eigen nennen dürfen, denken, dass jedes Ding auch sein Gutes hat.

Simone Ernst
MEDICA.de

 
 

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