Hauptinhalt dieser Seite

Sprungmarken zu den verschiedenen Informationsbereichen der Seite:

Sie befinden sich hier: MEDICA-Portal. MEDICA Magazin. Interviews. Business-Interviews. Krankenhaus.

„Die Zeit, bis der Arzt zum Patienten kommt, wird effektiv genutzt“

Notfallzentrum: „Die Zeit, bis der Arzt zum Patienten kommt, wird effektiv genutzt“

10.01.2011

Foto: Tür mit Schriftzug Ersteinschätzung

Was fehlt dem Patienten, wie eilig ist es? Die Ersteinschätzung gibt einen Überblick; © beta-web

Nach einem Unfall oder im Falle akuter Erkrankungen ist schnelle Hilfe nötig. Anlaufstation der Rettungswagen und -hubschrauber sowie fußläufiger Patienten sind die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Doch wie schafft man es, gleichzeitig mehrere kritische Patienten optimal zu versorgen?

Darüber sprach MEDICA.de mit Doktor Ingo Gräff, Ärztlicher Koordinator des Notfallzentrums der Uniklinik Bonn.


MEDICA.de: Herr Doktor Gräff, was ist das besondere an einem interdisziplinären Notfallzentrum?

Ingo Gräff: Um die Frage zu beantworten, muss man zunächst in die Vergangenheit schauen, beziehungsweise auf die Entwicklung der Krankenhauslandschaft bezüglich der innerklinischen Notfallversorgung. Es geht dabei zunächst nicht darum, was durch die Notärzte und den Rettungsdienst geleistet wird. Sondern es geht um die Versorgung, die am Klinikum stattfindet. Früher hatten die einzelnen Fachabteilungen der Uniklinik Bonn jeweils eine eigene Notaufnahme. Die waren über das ganze Universitätsklinikum verteilt. Kam nun zum Beispiel eine Patientin mit unspezifischen Symptomen – etwa mit Bauchschmerzen –, dann wurde sie vielleicht erstmal in der chirurgischen Notaufnahme vorgestellt. Von dort ging es dann weiter zu den Internisten und dann vielleicht weiter zu den Gynäkologen. Deshalb war die Überlegung, dass es Sinn macht, die Notfallversorgung unter einem Dach zusammenzufassen. Also die Prozesse und damit die Notfallversorgung zu optimieren und mehrere Fachdisziplinen zu subsumieren, damit diese interdisziplinär auf kurzem Wege den Patienten versorgen können. Und das haben wir nun erreicht. Auf 1500 Quadratmetern versorgen Ärzte aus mittlerweile 14 Disziplinen die Patienten im Notfallzentrum Bonn.

MEDICA.de: Welche Prozesse werden in Gang gesetzt, wenn ein Patient die Notaufnahme betritt, beziehungsweise eingeliefert wird?

Gräff: Nehmen wir den fußläufigen Patienten. Er trifft im Notfallzentrum ein und sagt, dass er hat ein Problem hat. Unverzüglich trifft er dann auf eine ausgebildete Pflegekraft, die sich des Patienten unverzüglich annimmt. Nun findet ein Prozessablauf im Sinne des Primary Nursing Conceptes statt, darunter verstehen wir drei Schritte konzentriert an einer Stelle. Als Erstes erfolgt natürlich die Administration, also die Angabe des Namens, des Geburtstages et cetera. Das muss man machen, damit man mit den Patienten sicher arbeiten kann. Denn wenn die Pflegekraft später zum Beispiel Blut abnimmt, dann müssen die Laborwerte auch diesem Patienten zugeordnet werden können. Als Zweites wird eine Dringlichkeitseinstufung vorgenommen. Hierfür nutzen wir ein EDV-gestütztes Ersteinschätzungsprotokoll, welches in unserem Krankenhaussystem integriert ist. Ein Bestandteil im Protokoll ist die Dringlichkeitseinstufung nach dem sogenannten Manchester Triage System.

 
 
Foto: Manchester-Triage-System

Dieses System gibt nach der Ersteinschätzung eine Dringlichkeitsstufe aus. Insgesamt sind fünf Stufen vorgesehen, über ‚Der Arzt muss sofort kommen‘ bis ‚Es ist nicht so dringlich‘.Der dritte Schritt ist schließlich die Fachgebietszuweisung. Die Pflegekraft folgt hierbei sogenannten Standard Operating Procedures, kurz SOP. Das heißt, nach den ersten drei Schritten geht es weiter mit der Abnahme von Laborwerten. Da wird zum Beispiel der Urinstatus erhoben oder ein EKG gemacht. Das heißt, die Zeit, bis schließlich der Arzt zum Patienten kommt, wird effektiv genutzt. Das war in der Vergangenheit anders. Da hat sich der Patient an der Aufnahme in die Schlange gestellt, wurde dann in den Warteraum gesetzt und irgendwann in den Behandlungsraum gebeten, wo der Arzt guckt und erst dann die Abnahme verschiedener Laborwerte anordnet. Bis die fertig waren, wartete der Patient wieder und die Schwester rief den Arzt erst wieder an, wenn die Laborergebnisse da waren. Dann wurde der Patient noch mal reingeholt und besprach sich mit dem Arzt. So war das früher. Dank der heutigen Strukturen ist der Ablauf wesentlich effizienter. Wir haben es geschafft, durch die Einführung der Dringlichkeitseinstufung und die Reorganisation der Abläufe, die Prozesszeiten selbst deutlich zu verkürzen – vom Eintreffen des Patienten bis zum Erstkontakt mit dem Arzt.

 
 
Foto: Procula Glien und Ingo Gräff im OP

Die Leitende Pflegekraft Procula Glien und der Ärztliche Koordinator Doktor Ingo Gräff; © beta-web

MEDICA.de: Wie garantieren Sie zusätzlich die kurzen Zeiten zwischen den einzelnen Behandlungsschritten?

Gräff: Das ist natürlich nicht alleinig durch eine bessere Hardware zu schaffen. Man muss selbstverständlich im zweiten Schritt die Prozesse dahin gehend steuern und optimieren, dass die Hardware reibungslos funktioniert. Soll heißen, dass man erstmal überlegen muss, wie man den ‚dringenden Patienten‘ überhaupt herausfiltert. Ich habe es ja gerade schon gesagt – nur die Räumlichkeiten zu schaffen und die Patienten dann in die Schlange zu stellen, um einen nach dem anderen zu therapieren, das macht keinen Sinn. Es muss gelingen den kritisch kranken Patienten schnell zu erkennen. Und das haben wir hier dahin gehend gelöst, dass wir mit unserem Prozessmanagement zusammengearbeitet haben. In Kooperation haben wir dann über drei Monate hinweg das EDV-gestütze Ersteinschätzungsprotokoll entwickelt.

MEDICA.de: Dieses System wird also nur von Ihnen verwendet?

Gräff: In der Form, dass das EDV-System bei uns im Krankenhausinformationssystem integriert ist, schon. Es gibt mittlerweile zwar auch andere Kliniken, die eine Dringlichkeitseinstufung bei den Patienten vornehmen – aber dank der Integration ins das hauseigene Krankenhausinformationssystem haben wir weiterhin die Vorreiterrolle.

MEDICA.de: Eignet sich das System sowohl für Erwachsene als auch für Kinder? Oder machen sie da einen Unterschied?

Gräff: Das Ersteinschätzungsprotokoll ist auch für Kinder geeignet. Wir sind aber kein pädiatrisches interdisziplinäres Notfallzentrum, sondern in erster Linie für den Erwachsenenbereich zuständig. Die Ausnahme bilden sicherlich schwerst verletzte, traumatisierte Kinder nach Verkehrsunfällen. Diese werden ebenfalls im Notfallzentrum behandelt. Aber die anderen Krankheiten wie zum Beispiel Durchfallerkrankungen oder Fieberkrämpfe, das bilden wir in der Kinderklinik ab.

MEDICA.de: Wie wichtig sind die Mitarbeiter für die optimale Umsetzung der neuen Strukturen?

Gräff: Sehr wichtig! Das Notfallzentrum ist sehr pflegeorientiert. Aus diesem Grund haben wir zum Beispiel in jeder Schicht eine koordinierende Pflegekraft sowie ein Team, dass die neuen Prozesse –wie zum Beispiel die Ersteinschätzung – auch umsetzt. Darauf bin ich als Ärztlicher Koordinator natürlich angewiesen. Es geht nicht ohne Unterstützung und Engagement seitens des Pflegepersonals und insbesondere der Leitenden Pflegekraft. Man kann neue Strukturen nur dann etablieren, wenn zwischen Koordinator und Leitender Pflegekraft Synergien entstehen, die von beiden Seiten genutzt werden.

MEDICA.de: Mit wie viele Personen arbeiten Sie im Team?

Gräff: Wir haben insgesamt 21,5 Vollzeitkraftstellen bei circa 25.000 Patienten im Jahr. Plus 8000 Elektivpatienten.

 
 
Foto: Bonner Rettungswagen

Wenn der Rettungswagen mit dem Patienten kommt, muss es schnell gehen; © beta-web

MEDICA.de: Wie viele Ärzte gibt es im Notfallzentrum?

Gräff: Wir haben tagsüber einen festen Ärztestab in den Kerndisziplinen wie zum Beispiel Innere Medizin, Unfallchirurgie und Allgemeinchirurgie. Aus diesen Bereichen sind immer Ärzte anwesend. Aus den anderen Bereichen, wie zum Beispiel Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde oder Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie, kommen die Ärzte quasi auf Zuruf zu uns. Das heißt, die Ärzte unterstützen uns eben bei Bedarf.

MEDICA.de: Sie bekommen auch Notfallpatienten per Rettungshubschrauber zugeführt. Welche besonderen Anforderungen werden an ein Ärzteteam in einem Rettungshubschrauber gestellt? Gibt es große Unterschiede zu den „normalen“ Rettungswagen?

Gräff: Das Team muss schon dahingehen sattelfest sein, was Hubschrauberspezifika beziehungsweise Luftrettungsspezifika anbelangt. Denn man hat im Hubschrauber andere Höhenverhältnisse und andere physiologische Belastungen auf den Körper. Das muss den Patienten nicht immer negativ beeinträchtigen, sondern kann auch einen positiven Effekt haben. Zum Beispiel sollen Patienten, die an der Wirbelsäule verletzt sind, ja möglichst schonend transportiert werden. Das ist im Hubschrauber möglich. Andererseits hat man im Hubschrauber weniger Platzkapazitäten. Deshalb muss man immer sehr vorausschauend arbeiten, wenn man einen Patienten luftgebunden transportiert. Denn, anders als im Straßenverkehr, hat man dort nicht die Möglichkeit, mal eben kurz am Straßenrand anzuhalten, um den Patienten zu stabilisieren.
Aus diesem Grund ist die Luftrettung schon eine eigene Spezifikation. Das betrifft auch die Arbeit im Team. Denn die Luftrettung bezieht sich nicht nur auf die reine Patientenversorgung. Es gibt luftrettungsspezifische Gegebenheiten, die zu bedenken sind. Zum Beispiel die Kooperation mit dem Piloten oder die herrschenden Witterungsverhältnisse. Da sind doch schon deutliche Unterschiede gegenüber der bodengebundenen Versorgung auszumachen.

MEDICA.de: Sie sind täglich mit Menschen konfrontiert, die sich in sehr schwierigen, zum Teil lebensbedrohlichen gesundheitlichen Situationen befinden. Wie bewältigt man einen solchen Alltag?

Gräff: Wir haben relativ schnell realisiert, dass wir durch die Akzeptanz, insbesondere beim Rettungsdienst und auch bei der Bevölkerung, mit steigenden Patientenzahlen konfrontiert worden sind. Und in der Tat ist es so, dass wir als Haus der Maximalversorgung sehr viele schwerst verletzte Patienten und damit verbundene Schicksale erleben. Das hat dazu geführt, dass wir am Universitätsklinikum Bonn eine Projektgruppe gebildet haben, ein Kriseninterventionsteam. Dieses Team wird mit Beginn Januar/Februar 2011 in Aktion treten, sodass wir in Zukunft eine Art Rufdienst haben, durch den wir uns im Rahmen einer Krisenintervention sehr kurzfristig professionelle Hilfe ins Notfallzentrum holen können. So gehen wir als Team damit um.

Das Interview führte Simone Ernst.
MEDICA.de