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„Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist sehr wichtig“

Nahrungsmittelunverträglichkeit: „Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist sehr wichtig“

08.02.2011

Foto: Professor Martin Raithel

Professor Martin Raithel;
© privat

Gänsekeule mit Rotkohl, Kartoffelauflauf, Fischcurry, Pommes Rot/Weiß, Schokoladentorte, Eis – eine Liste mit leckeren Gerichten würde schier endlos werden. Essen und damit Lebensmittel machen einen großen Teil unseres Lebens und unserer Kultur aus. Letztendlich müssen wir essen, um uns gesund und kräftig zu halten.

Doch was passiert, wenn Nahrung krank macht? Darüber sprach MEDICA.de mit Professor Martin Raithel vom Universitätsklinikum Erlangen.


MEDICA.de: Herr Professor Raithel, was ist der Unterschied zwischen einer Nahrungsmittelunverträglichkeit und einer Allergie?

Martin Raithel: Tatsächlich werden Allergie und Unverträglichkeit häufig verwechselt. Bei einer Nahrungsmittelallergie handelt es sich um eine Erkrankung des Immunsystems. Es handelt sich um eine spezifische Erkrankung des Immunsystems, die sich genau auf ein, zwei oder mehrere Allergene bezieht. Eine Intoleranz ist hingegen eine Erkrankung, die das Immunsystem spezifisch nicht involviert. Es handelt sich zum Beispiel um einen Enzymmangel oder eine Unverträglichkeit von biogenen Aminen – aber es liegt keine spezielle Immunreaktion im Hintergrund vor. Das ist der Unterschied.

Für Patienten wirkt sich beides relativ ähnlich aus. Sie verspüren in beiden Fällen Beschwerden und denken meistens an eine Nahrungsmittelallergie. Aber viele dieser Reaktionen sind tatsächlich ‚nur‘ Unverträglichkeiten. Wir nennen dies ‚nicht-immunologische Unverträglichkeitsreaktionen‘. Letztere treten mit einer Häufigkeit von insgesamt 10 bis 15 Prozent in der Bevölkerung wesentlich öfter auf als die Nahrungsmittelallergie mit 3 bis 5 Prozent.

MEDICA.de: Was sind die Symptome einer möglichen Nahrungsmittelunverträglichkeit?

Raithel: Man muss sagen, dass die Symptome bei einer Allergie und einer Unverträglichkeit relativ ähnlich sind. Das macht es den Ärzten schwer zu differenzieren, ebenso den Patienten. Zum Beispiel können sowohl bei einer Allergie als auch bei einer Unverträglichkeit Asthmaanfälle und Durchfälle auftreten. Auch Hautreaktionen wie Juckreiz, Quaddeln oder Kopfschmerzen und Blutdruckveränderungen treten in beiden Fällen auf, sodass diese Symptome alleine keine definitive Unterscheidung erlauben.

MEDICA.de: Was geschieht im Körper, wenn es zu den verschiedenen Symptomen kommt?

Raithel: Bei der Allergie ist es zum Beispiel so, dass durch eine spezielle Immunreaktion IgE-Antikörper gegen ein bestimmtes Lebensmittel gebildet werden. Dies führt nach Kontakt des Lebensmittels mit diesem IgE-Antikörper zur Freisetzung von Allergiestoffen, insbesondere Histamin, die dann eine allergische Entzündungsreaktion hervorrufen. Neuere Immunmediatoren, die wir kennen, sind zum Beispiel Interleukin-1 und TNF-alpha, aber auch Arachidonsäureprodukte wie Leukotriene und Prostaglandine, die dann die vielfältigen Beschwerden des Patienten hervorrufen. Leukotriene verursachen zum Beispiel häufig Asthma, Bronchialobstruktion und Schleimsekretion. Histamin führt mehr zur Gefäßerweiterung und Hautreaktionen, etwa den typischen Quaddeln und zum roten Gesicht, aber auch zu Bauchschmerzen und Durchfall.

MEDICA.de: Sind bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten immer Magen und Darm mitbetroffen?

Raithel: Nicht immer. Die Beteiligung der Organe kann variabel sein. Und das ist ein Problem, denn der Patient geht zunächst zu dem Arzt, der für das jeweilige Organsystem zuständig ist. Wenn jemand zum Beispiel nach der Aufnahme von Curry eine geschwollene Nase hat, dann geht er primär zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt; kommt es zu Bauchschmerzen, dann geht er zum Gastroenterologen. Da nicht alle Fachdisziplinen mit den einzelnen Intoleranzreaktionen und den verschiedenen Allergietypen vertraut sind, müsste der Patient in Wirklichkeit zunächst zum Allergologen, Dermatologen oder zum Immunologen, um die allergische Erkrankung oder die Intoleranzreaktion zu erkennen. Oft ist aber gar nicht klar, ob überhaupt eine derartige Überempfindlichkeitsreaktion vorliegt, sodass die Ärzte und die Patienten manchmal ein bisschen hilflos sind, weil sie lange nicht wissen, was die zugrunde liegende Erkrankung ist.

Da die Symptome nicht immer nur auf den Magen-Darm-Trakt und/oder die Haut beschränkt sind, ergeben sich vielfältige Krankheitsbilder. Manchmal finden wir nur isolierte Reaktionen, die zu Niesen oder Nasenschwellungen und wässrige Sekretion aus der Nase führt. Darüber hinaus kann es zu plötzlicher Migräne und Kopfschmerzattacken kommen, bis hin zu Reaktionen, die mit Gelenk- und Muskelschmerzen einhergehen. Derartige seltene Symptome kann man zum Beispiel bei der klinischen standardisierten Austestung des Patienten mit dem Goldstandard, der doppel-blinden placebokontrollierten Provokation, beobachten. Diese variablen Symptombilder bei Allergien sind auch bereits früher in der Literatur beschrieben worden. Da die Patientenvorgeschichte oft unzuverlässig ist, kann man im Einzelfall diese genannten Symptome aber erst dann glauben beziehungsweise dokumentieren, wenn sie unter standardisierten Provokationstests auftreten.

MEDICA.de: Können Sie das Beispiel eines Patienten nennen, das Ihnen noch in Erinnerung ist?

Raithel: Sehr gut erinnere ich mich an einen jungen Patienten, der unter Gelenkschmerzen im Rahmen einer Colitis ulcerosa litt. Bei ihm konnten wir eine allergische Reaktion auf Nüsse und auf Mehle diagnostizieren. Während des Provokationstests haben wir ihn mit einer Mehllösung provoziert, worauf es zu Bauschmerzen und Durchfällen kam, aber auch nach ca. 6 Stunden später zum Auftreten von Gelenkentzündungen. Das hat uns deutlich gemacht, dass tatsächlich Symptome, die seltener berichtet werden, wie Schübe von Gelenkschwellungen und Gelenkschmerzen oder auch Migräne durch Lebensmittel ausgelöst werden können. Dieser interessante Fall hatte uns aber auch gezeigt, dass nach Weglassen der Nüsse und von Weizen- und Roggenmehl bei dem obigen Patienten die chronische Darmentzündung deutlich zurückging und der Patient seine Medikamente zur Behandlung der Darmentzündung absetzen konnte. Ein ähnlicher Fall ist auch in der Literatur in Frankreich beschrieben und zeigt uns, dass allergische Reaktionen am Magen-Darmtrakt insgesamt noch sehr unzureichend erforscht sind.

MEDICA.de: Wie erfolgt die Diagnose? Welche Tests und Verfahren werden angewandt und von welchen würden Sie abraten?

Raithel: Das Standardvorgehen, wie es auch die Leitlinien empfehlen, ist, dass man zunächst eine ordentliche Anamnese mit dem Patienten durchführt. Hier wird insbesondere das Ernährungsverhalten überprüft. Denn manchmal stellt man fest, dass eine Person sich zum Beispiel sehr einseitig ernährt und dadurch Probleme entstanden sind. Dann gehört auch die körperliche Untersuchung dazu, die Lunge abzuhören, Hautbefunde anzuschauen etc. Des Weiteren werden Hauttests am Rücken oder am Unterarm durchgeführt, um festzustellen ob Sensibilisierungen auf Allergene vorliegen. Man will wissen, ob der Patient eine Immunreaktion zeigt, also ein Immungedächtnis gegen bestimmte Allergene hat. Hier testet man immer auf Pollen, die sehr häufig sind, aber auch auf Hausstaubmilben, Tierhaare und Nahrungsmittel – bei Letzteren muss man auch an Schimmelpilze oder Gewürze denken, die Reaktionen verursachen können. All das muss in einer umfassenden allergologischen Testung überprüft werden.

MEDICA.de: Wenn alle diese Tests negativ wären. Würde das dann auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit beim Patienten hindeuten?

Raithel: Ganz so einfach ist es leider nicht. Nach den Hauttesten würde man, auch je nachdem, was die Anamnese ergeben hat, natürlich noch im Blut suchen, ob dort spezifische Allergieantikörper, die sogenannten IgE-Antikörper, vorhanden sind. Wenn man solche Antikörper findet, dann kann man natürlich das Krankheitsbild besser erklären. Und wir haben in unserer Klinik auch gesehen, dass man Allergieantikörper nicht nur im Blut suchen muss, sondern zum Beispiel auch lokal im Nasen- oder Darmsekret. Das heißt, es gibt durchaus Allergien, die im Blut negativ sind, die aber im Gewebe nachzuweisen sind, sogenannte lokale seronegative Allergien.

 
 

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