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„Es zählt immer der ganzheitliche Blick auf den Menschen“

Epithetik: „Es zählt immer der ganzheitliche Blick auf den Menschen“

22.02.2011

Foto: Michael Rademaker

Michael Rademaker; © privat

Wenn im Falle einer Tumorerkrankung, einer Fehlbildung oder eines Unfalls Körper- oder Gesichtsteile eines Menschen wiederhergestellt werden müssen, kommt häufig ein Epithetiker zum Einsatz. Sein Handwerk setzt nicht nur großes Einfühlungsvermögen, sondern auch höchstes technisches Geschick voraus.

Michael Rademaker, Geschäftsführer des Instituts für Epithetik in Münster und Mitglied des Vorstandes des Deutschen Bundesverbandes der Epithetiker und Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Chirurgische Prothetik und Epithetik e.V. erklärte MEDICA.de, was diesen Beruf ausmacht und welche Herausforderungen sich daraus ergeben.


MEDICA.de: Herr Rademaker, für viele Patienten mit Gesichtsversehrungen sind Sie der letzte Ausweg. Welche Menschen suchen Sie auf?

Michael Rademaker: Es sind vor allem Menschen, denen der Chirurg nicht mehr weiterhelfen kann. Natürlich gibt es auch Patienten, die keinen chirurgischen Eingriff vornehmen lassen möchten. Bei der Rekonstruktion einer fehlenden Ohrmuschel oder Nase kann der Chirurg noch weiterhelfen. Die Rekonstruktion eines kompletten Auges mit Lidapparat ist allerdings ein Fall für den Epithetiker. Die häufigste Ursache von Gesichtsversehrungen sind Tumorerkrankungen. Danach folgen angeborene Fehlbildungen und Unfälle. Zu uns kommen viele Patienten aus der Region, aber auch Fälle aus anderen Teilen Europas.

MEDICA.de: Bei der Anfertigung einer Epithese arbeiten Sie mit einem Team aus Ärzten, Chirurgen und manchmal auch mit Fachkräften einer Rehabilitationseinrichtung zusammen. Wie läuft die Zusammenarbeit ab?

Rademaker: Bei Bedarf bin ich bei der Planung und der Operation dabei. Alle Fachleute, die an der Epithesenversorgung beteiligt sind, treffen sich mit dem Patienten zu einer Vorbesprechung. Das kann der Arzt, der Psychologe, es kann auch der Akustiker oder der Optiker sein, mit denen ich zusammenarbeite. Wir besprechen die Anfertigung der jeweiligen Epithese oder die Implantatoperation und diskutieren über einen individuellen Weg, der für eine optimale Rehabilitation zielführend ist.

Während einer Operation ist die Implantatposition für Epithetiker besonders interessant. Es kann passieren, dass trotz bester Planung kurzfristige Änderungen beschlossen werden müssen. Merkt das Operationsteam zum Beispiel, dass nicht genügend Platz für das besprochene Implantat vorhanden ist oder von der ursprünglichen Planung mit einer Operationsschablone abgewichen werden muss, dann berät der Epithetiker mit. Operationsschablonen sind kleine Kunststoffplatten, die die optimalen Verankerungspunkte für die Epithese vorgeben. Der Chirurg hat durch ein bildgebendes 3D-Verfahren die Möglichkeiten, den Schädel des Patienten zu vermessen. Außerdem kann er genau ermitteln, welche Knochenstärke vorhanden ist.

MEDICA.de: Die Arbeit eines Epithetikers setzt nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch psychologisches Feingefühl voraus. Wie unterstützen Sie die Patienten mit ihren Ängsten und Zweifeln optimal? Wurden Sie hierfür psychologisch speziell geschult?

Rademaker: Einige Patienten kommen mit speziellen Fragestellungen zu mir. Viele haben sich bereits im Internet über Epithetik informiert. Den Ängsten und Zweifeln der Patienten begegne ich mit Verständnis und Einfühlungsvermögen. Wir nehmen uns viel Zeit für das Patientengespräch. Denn wichtig ist vor allem eine ehrliche Aufklärung über realistische Ziele und Grenzen. Eine Epithese bleibt schließlich ein Ersatz – obwohl sie viele Chancen bietet und das Leben eines Menschen deutlich verbessern kann. Im Vordergrund eines jeden Beratungsgesprächs steht der ganzheitliche Blick auf den Menschen und nicht nur der Fokus auf das erkrankte Areal. Viele Epithetiker werden während ihrer Kliniktätigkeit von einem Diplompsychologen, der nicht nur die Patienten betreut, sondern auch das gesamten Klinikteam, geschult.

Die einzelnen niedergelassenen Epithetiker haben eine unterschiedliche Historie und nehmen meist an internationalen Fortbildungen teil. Die Internationale Gesellschaft für Prothetik und Epithetik und der Deutsche Bundesverband der Epithetiker erarbeiten genaue Richtlinien für die Ausbildung zum Epithetiker und nehmen Prüfungen ab. Die Fachgesellschaften geben Leitlinien für diesen Berufsstand heraus, die uns dann den entsprechenden Standard vorgeben.

 
 
Foto: Ohren-Epithesen
Foto: Ohren-Epithesen

Eine Epithese sollte sich einfach und fast natürlich an die Bedürfnisse des Patienten anpassen;© Michael Rademaker

 
 

MEDICA.de: Wie gehen Sie bei der Epithesenherstellung vor? Orientieren Sie sich an alten Bildern des Patienten oder stellen sie auch bei Bedarf eine Wunschnase her?

Rademaker: Wenn die natürliche Nase des Patienten auffällige Merkmale hatte, haben wir die Möglichkeit, das auszugleichen. Das geschieht auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten. Auch Fotos können uns zur Orientierung dienen. Wichtig ist es, die Betroffenen und Angehörigen in die Arbeit miteinzubeziehen. Epithesen werden nicht verpasst, sondern sie werden gemeinsam erarbeitet. Die Wünsche der Patienten müssen möglichst berücksichtigt werden. Hier gilt: Die Natur gibt das Vorbild vor. Wenn der Patient bei der Anfertigung seiner Epithese mitarbeitet, dann wächst auch die Zuversicht, dass die Epithese ihm wirklich weiterhelfen wird. Gleichzeitig erfährt er, wie viel Mühe und Arbeit darin steckt, die bestmögliche Epithese anzufertigen.

Eine Epithese wird zunächst aus Wachs modelliert und es werden mehrere Anproben gemacht. Der Patient kann während des gesamten Fertigungsprozesses mit einem Spiegel beobachten, wie die Epithese wächst und sich verändert. Er kann und soll den gesamten Entwicklungsprozess beeinflussen. Durch seine Mitarbeit wird das Stück Silikon schließlich immer wertvoller. Nach der finalen Anprobe wird dann das Wachsmodell der Epithese in einer festen Form zur Silikonepithese gefertigt.

MEDICA.de: Können alle Gesichtsteile von Ihnen künstlich wieder hergestellt werden? Was ist besonders wichtig, bei einer Rekonstruktion zu beachten?

Rademaker : Es können eigentlich alle Gesichtsteile wiederhergestellt werden. Wenn eine großflächige Versehrung droht, dann wird schon vor der geplanten Tumoroperation die Machbarkeit einer Epithesenanfertigung geprüft und eingehend besprochen. Funktionen wie Sprechen und Schlucken, aber auch ein menschenwürdiges Aussehen, sind ein sehr wichtiges Entscheidungskriterium. Epithetik beginnt immer erst dann, wenn die chirurgische Rekonstruktion ihre Grenzen schon erreicht hat.

MEDICA.de: Welche Materialien verwenden Sie, um eine Epithese herzustellen?

Rademaker : Der Epithesenkörper besteht aus medizinischen Silikon oder Acrylat. Weitere Materialien, die eingearbeitet oder untergearbeitet werden, benutzen wir für den Halteapparat. Das sind hochwertige Metalle wie Goldstege und Titanschrauben. Diese befinden sich an der Unterseite der Epithese und dienen als Halteelemente. Oberflächlich zu sehen sind natürlich Wimpern und Haare, die eingearbeitet werden können und Kunstaugen aus Kunststoff.

MEDICA.de: Gibt es spezielle Standards für die Anfertigung, die Sie einhalten müssen?

Rademaker : Die Standards schreibt das Medizinproduktegesetz vor. Daran müssen wir uns halten. Auch der deutsche Bundesverband der Epithetiker hat Leitlinien als Orientierung für Epithetiker geschaffen und gibt damit einen weiteren Standard vor.

MEDICA.de: Wie befestigen Sie die Epithese optimal im Gesicht des Patienten?

Rademaker : In der modernen kraniofazialen Epithetik kommen Titanimplantate zum Einsatz. Hier werden kleine Magnete oder Klipse genutzt, um eine einfache und sichere Fixierung der Epithese zu garantieren. Wenn keine Implantatbefestigung gewünscht wird oder sie nicht möglich ist, dann können Epithesen auch mittels Hautkleber direkt auf der Haut befestigt oder sogar brillenfixiert getragen werden.

Bei Magnethalterungen für Ohrepithesen gibt es zwei Varianten: An einer im Knochen versnkerten Titanschraube mit einem Magnetaufsatz, der die Haut durchdringt, wird eine Epithese mit einem Gegenmagneten fixiert. Eine moderne Variante ist es, die Magnete subkutan einzusetzen. Das bedeutet, dass es keine Hautdurchtrittsstelle gibt und von außen keine Magnete zu sehen sind. Die Haut bleibt geschlossen und sieht unversehrt aus. Auch hier befinden sich an der Unterseite der Epithese die Gegenmagnete.

 
 
Foto: Magnetfixierte Nasenepithese

Magnetfixierte Nasenepithese, die direkt auf der Haut angebracht ist; © Michael Rademaker

MEDICA.de: Erforschen Sie in Ihrem Labor auch neue mögliche Materialien und Techniken für Epithesen?

Rademaker: Jeder Patient ist ein völlig individueller Fall. Wir müssen daher sehr innovativ sein. Besonders die interdisziplinäre Zusammenarbeit führt zu ständigen, kleinen Verbesserungen. Von der Industrie können wir keine großen Forschungen und draus resultierende Innovationen erwarten, denn die Anzahl der Epithesenpatienten ist sehr gering. Hier sind die Epithetiker gefordert, nach neuen Möglichkeiten zu suchen und kleine Erfindungen zu machen.

MEDICA.de: Wer übernimmt die Kosten für die Epithesenanfertigung?

Rademaker: Epithesen sind Hilfsmittel. Somit werden die Kosten von den gesetzlichen Krankenversicherungen bis auf eine kleine Zuzahlung übernommen. Andere Kostenträger − wie zum Beispiel die Berufsgenossenschaften oder Versorgungsämter − zahlen die Epithese auch komplett.

MEDICA.de: Wie lange kann eine Epithese im besten Fall getragen werden?

Rademaker: Epithesen werden täglich länger als zwölf Stunden getragen und verschleißen bei bester Pflege nach ein oder zwei Jahren. Dann werden sie erneuert. Eine wissenschaftliche Studie hat sich mit der durchschnittlichen Lebensdauer von Epithesen beschäftigt. Die beträgt bei einer implantatfixierten Ohrepithese 18,3 Monate.

MEDICA.de: Was ist die größte Herausforderung in Ihrem Beruf?

Rademaker: Wir bemühen uns ständig, dem Naturabbild des Patienten so nahe wie möglich zu kommen. Das gelingt uns nicht immer zu 100 Prozent, da wir einen Ersatz herstellen. Aber das Streben nach den 100 Prozent ist unsere Herausforderung, die während des gesamten Berufslebens bestehen bleibt. Bei jedem Patienten haben wir das Bedürfnis und den Ehrgeiz, die bestmögliche Epithese herzustellen.

Das Interview führte Diana Posth.
MEDICA.de

 
 
 
 
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