Hauptinhalt dieser Seite

Sprungmarken zu den verschiedenen Informationsbereichen der Seite:

Sie befinden sich hier: MEDICA-Portal. MEDICA Magazin. Interviews. Gesundheitspolitische Interviews. Krankenhaus.

„Optimale Bedingungen brauchen ausreichendes und qualifiziertes Personal“

Hygiene im Krankenhaus: „Optimale Bedingungen brauchen ausreichendes und qualifiziertes Personal“

22.03.2011

Frauke Mattner

Privatdozentin Doktor Frauke Mattner; © privat

Viele Aufenthalte im Krankenhaus verlaufen problemlos. Doch manchmal stellen sich plötzlich Komplikationen ein und der Patient leidet an seltsamen Symptomen. Das Problem ist bekannt: Meist handelt es sich um eine Infektion mit gefährlichen, antibiotikaresistenten Bakterien. Ein häufiger Grund ist die mangelnde Hygiene. Weltweit erkranken Tausende von Patienten an den sogenannten nosokomialen Infektionen. Wie kann man diese Entwicklung stoppen?

MEDICA.de sprach mit Privatdozentin Doktor Frauke Mattner, Chefärztin für den Zentralbereich Hygiene der Kliniken der Stadt Köln gGmbH darüber, welche aktuelle Hygienestandards und Vorschriften es gibt, warum es zu einer Zunahme von Antibiotikaresistenzen kommt und welche möglichen infektionspräventiven Maßnahmen ergriffen werden können.


MEDICA.de: Frau Privatdozentin Mattner, Infektionen und die Zunahme von Resistenzen bei bestimmten Krankheitserregern werden zu einer immer größeren Herausforderung für Krankenhäuser, was ist vorab schief gelaufen?

Frauke Mattner: Es ist ein natürlicher Prozess, dass Bakterien durch ihre genetische Ausstattung die Potenz haben, sich sehr schnell zu verändern. Man kann deshalb nicht von schief laufen reden. Wir Menschen versuchen immer neue Antibiotika zu entwickeln, um den Bakterien Herr zu werden. Die Bakterien lassen sich nicht richtig binden, sondern versuchen sich durch Mutation anzupassen. Es ist somit auch ein natürlicher Prozess, dass Resistenzen zunehmen. Dennoch sollten eine gezielte Antibiotikatherapie und ein bewusster Umgang bei der Verschreibung von Antibiotika die eigentlich natürliche Entwicklung entschleunigen.

MEDICA.de: Welche weiteren Faktoren spielen für die Zunahme von multiresistenten Keimen wie MRSA eine Rolle?

Mattner: Ein anderes Standbein der Ausbreitung sind nicht eingehaltene Hygienemaßnahmen. Gerade MRSA-Erreger passen sich eigentlich gar nicht so schnell an. Die Erhöhung der MRSA-Fälle ist darauf zurückzuführen, dass die Erreger von einem Patienten auf den anderen übertragen werden. Der wichtigste Punkt in Krankenhäusern ist oft fehlende Händehygiene. Das führt dazu, dass die Erreger übertragen werden können. Wir wissen mittlerweile wie wir MRSA-Erreger kontrollieren können: Die Krankenhäuser müssen die Patienten gut screenen und feststellen, ob ein Patient MRSA-Träger ist. Wir müssen sicherstellen, dass es nicht zu einer Übertragung kommen wird. Eine lange Zeit wurde dem Screening nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt und der Erreger konnte sich ausbreiten. Wir wissen aber durch Vorbilder wie die Niederlande oder Dänemark, dass man diese Entwicklung umkehren kann. Damit beschäftigen wir uns gerade aktiv.

MEDICA.de: Wie sieht es mit neuen Problemkeimen wie Acinetobacter baumannii aus?

Mattner: Diese Keime breiten sich nicht aus, sondern werden überwiegend aus Ländern wie Griechenland, Portugal und Spanien importiert, die einen hohen Antibiotikaverbrauch verzeichnen. Wenn die Ärzte nicht sofort daran denken, dass der Patient aus diesen Ländern kommt und prophylaktisch entsprechende Maßnahmen ergreifen, dann kann der Erreger auf den Flächen in der Umgebung des Patienten lange Zeit überleben. Es kann zur Übertragung auf andere Patienten kommen. Wir müssen schnell herausfinden, ob diese Erreger auf dem Patienten kolonisiert sind. Wenn das der Fall ist, müssen strenge Hygienemaßnahmen angeordnet werden. Das passiert häufig auf Intensivstationen. Besonders schwer erkrankte Patienten können durch diesen Erreger weitere schwere Erkrankungen bekommen.

MEDICA.de: Wie kann man sich denn ein Screening eines Patienten auf diese Erreger vorstellen?

Mattner: Bei MRSA ist das Screening sehr gut festgelegt. Es wird ein mikrobiologischer Abstrich im Nasenvorhof und an den Wunden, wenn Wunden vorhanden sind, vorgenommen. Bei Intensivpatienten werden außerdem Abstriche von respiratorischen Materialien gemacht. Wird ein Patient negativ getestet, ist eine Übertragungswahrscheinlichkeit sehr gering. Bei Acinetobacter baumannii ist das Screening etwas schwieriger. Im Labor muss ein spezieller Nährboden zusammengestellt oder zahlreiche Abstriche auf die Keime untersucht werden. Die Anforderungen an das mikrobiologische Labor sollte man sehr differenziert stellen.

MEDICA.de: Wie wichtig ist bei der Ausbreitung derartigen Infektionen die Patientenstruktur in den Kliniken, die Verlagerung hin zu einer älteren Patientengruppe?

Mattner: Das spielt eine Rolle, denn je älter die Patienten sind, desto häufiger halten sie sich in Krankenhäusern auf. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, die Erreger übertragen zu bekommen. Mittlerweile ist es wichtig, bei der Aufnahme von älteren Patienten Screening-Untersuchungen durchzuführen, um festzustellen, ob eine Besiedlung des Erregers vorliegt oder nicht.

MEDICA.de: Welche Hygiene-Regelungen existieren zur Zeit?

Mattner: Die Hygieneempfehlungen in Krankenhäusern zur Verhinderungen von MRSA-Übertragungen und -Infektionen sehen vor, dass Patienten mit MRSA isoliert werden. Sie werden dann in einem Einzelzimmer untergebracht oder kohortiert. Das bedeutet, MRSA-Patienten können in einem Mehrbettzimmer untergebracht werden. Diese Barrieremaßnahmen sehen das Tragen von Handschuhen, Schutzkittel und Mundschutz vor.

 
 
Hygienemaßnahmen bei Ärzten

Um bei Hygiene nachhaltige Effekte bewirken zu können, sollten immer wieder Schulungen des medizinischen Personals erfolgen; ©panthermedia.net/JCB Prod

MEDICA.de: Greifen die gegenwärtigen Regelungen zu kurz?

Mattner: Man könnte mehr machen, es hilft aber nicht mehr. Man kann sogar weniger unternehmen, wenn man weiß, dass man eine sehr gute Händehygiene hat oder die Händedesinfektions-Compliance strenger regelt. Im Einzelfall ist es dann sogar denkbar, auf die Einzelzimmerisolierung zu verzichten.

MEDICA.de: Krankenhaushygieneverordnungen sind momentan jedoch sehr unterschiedlich.

Mattner: Die Krankenhaushygieneverordnungen ist je nach Bundesland unterschiedlich und in keiner Verordnung ist niedergelegt, wie man mit MRSA-Patienten praktisch umzugehen hat. Es wird darauf hingewiesen, dass die Robert-Koch-Institut-Empfehlungen für den Umgang mit MRSA-Patienten umzusetzen sind. In Ländern, die noch keine Hygieneverordnungen haben, gilt der Druck der Rechtsprechung. Im Schadenfall kann es zu einer Klage kommen und dabei wird die Einhaltung der RKI Richtlinien überprüft.

MEDICA.de: Wie ist gute Hygiene bei so viel Unterschiedlichkeit messbar?

Mattner: Hier spielen die Hygieneindikatoren eine Rolle. In Frankreich wird jedes Krankenhaus anhand von Hygieneindikatoren gemessen. Sie orientieren sich an dem Händedesinfektionsmittelverbrauch pro Patiententag und der Anzahl der nosokomial übertragenen MRSA. Daraus wird ein Wert ermittelt, der das Krankenhaus in eine Kategorie A, B oder C einordnet. Das ist eine Form des Public Reportings. In Deutschland wird ein Hygiene-Siegel im Rahmen des Euregio-Netzwerkes in Münster vergeben. Alle Projektteilnehmer, die Übergabe und Sanierung von MRSA-Patienten nach gleichen oder eindeutigen Vorgaben durchführen, erhalten dieses Hygiene-Siegel.

MEDICA.de: Bereits 2008 ist eine Kampagne für saubere Hände initiiert worden, die sich an Krankenschwestern und Ärzte richtet. Trotzdem hat man das Gefühl, es hat sich wenig verändert. Warum?

Mattner: Es hat sich durchaus einiges verbessert. Dennoch haben wir es mit einem grundlegenden psychologischen Problem zu tun. Ein jeder würde sich die Hände konsequenter desinfizieren, wenn die Erreger auf den Händen zu sehen wären. Um hierbei nachhaltige Effekte bewirken zu können, sollten immer wieder Schulungen des medizinischen Personals erfolgen. Eine einmalige Erklärung wie wichtig die Händedesinfektion ist, reicht nicht aus. Das Ergebnis fällt eindeutig besser aus, wenn man immer wieder daran erinnert und unterschiedliche Ansätze wählt.

MEDICA.de: Welche Maßnahmen ergreifen Krankenhäuser, um diese Entwicklungen zu stoppen und welche Voraussetzungen sollten sie zukünftig schaffen?

Mattner: Größere Krankenhäuser brauchen ausreichend qualifiziertes Personals - Krankenhaushygieniker, Fachärzte für Hygiene und Umweltmedizin und Hygienefachkräfte, um schnelle Maßnahmen durchführen zu können. Wir legen außerdem die sogenannten HAND-KISS-Daten vierteljährlich den jeweiligen Stationen vor. Hierbei wird der Händedesinfektionsmittelverbrauch pro Patiententag alle drei Monate bewertet. Die ständige Erhebung der Daten macht dem Personal deutlich, inwieweit es sich verbessert oder sich möglicherweise verschlechtert hat. Stationen, die noch nicht richtig gut sind, bitten meist eigenständig um Schulungen. Danach sind eine Erhöhung des Verbrauchs und eine strenge Einhaltung der Hygienevorschriften zu verzeichnen. Die Stimuli müssen auf allen Stationen angesetzt werden. Ein Hygiene-Pflichtvortrag für sämtliche erreicht nicht die erforderliche Compliance-Erhöhung.

Außerdem beobachtet unser Hygienepersonal die Händehygiene-Compliance direkt neben den Patientenbetten. Es wird geprüft, inwieweit die verschiedenen Berührungen des Patienten von den behandelnden Ärzten und Pflegern unsicher sind. Zeichnet man diese Daten auf und rechnet sie aus, kann man auf einer Station darstellen, dass zum Beispiel die Händedesinfektion nur in der Hälfte der Fälle erfolgt ist. Zeigt man diese Daten anschließend den betroffenen Mitarbeitern, bringt das einen unglaublichen Schulungseffekt.

 
 
Handdesinfektion

Der Bedarf an qualifiziertem Personal wie Hygienefachkräften und Krankenhaushygienikern ist sehr hoch; ©panthermedia.net/Severin Schweiger

MEDICA.de: Das Kabinett möchte im März ein neues Gesetz für die Verbesserung der Hygienestandards in Krankenhäusern auf den Weg bringen. Welche neuen Regelungen sind geplant?

Mattner: In dem Gesetz soll verankert werden, dass die Länder zu bestimmten wichtigen Punkten Hygieneregelungen treffen. Das gilt sowohl für Länder die keine Hygieneverordnung haben, als auch für Länder mit Hygieneverordnungen, die dann entsprechend angepasst werden müssen. Es umfasst auch eine Verbindlichkeitsregelung der RKI Empfehlung, die heute von der Kommission für Infektionsprävention festgelegt werden. Diese Empfehlungen bekommen einen wesentlich verbindlicheren Charakter.

MEDICA.de: Es wird also einen bundeseinheitlichen Hygienestandard geben?

Mattner: Wenn mit den RKI Empfehlungen ein deutlich verbindlicherer Charakter verbunden ist als es momentan der Fall ist, entspricht es gewissermaßen einer bundeseinheitlichen Regelung. Darüber hinaus bleibt den Bundesländern Raum für weitere ländereigene Regelungen.

MEDICA.de: Trotz vieler Fortbildungsmaßnahmen des Klinikpersonals und zukünftigen strengeren Hygieneregelungen, spielt der Faktor Mensch eine entscheidende Rolle. Theorie und Praxis klaffen dabei oft auseinander. Man spricht auch von einem Top-down-Problem. Wie erklären Sie sich das und wie kann das Problem gelöst werden?

Mattner: Das Top-down Problem entsteht, wenn leitende Strukturen Hygienemaßnahmen umsetzen möchten, sie aber nicht in der unteren Ebene ankommen. Wir haben auch das umgekehrte Problem: Das Pflegepersonal setzt sehr gute Hygienemaßnahmen um, aber auf höheren Hierarchieebenen lassen Hygienemaßnahmen zu wünschen übrig. Wir haben oft sehr gute Empfehlungen, die aber umgesetzt werden müssen. Eine optimale Umsetzung lässt sich häufig nur durch ausreichendes und qualifiziertes Personal lösen. Das betrifft das Hygienepersonal ebenso wie andere Pflegekräfte im Krankenhaus. Wenn auf einer Intensivstation vier Patienten nur von einer Pflegekraft versorgt werden, dann wird es schwierig hygienisch sicher zu arbeiten.

MEDICA.de: Es existieren unterschiedliche Zahlen über Patienten, bei denen Krankenhausinfektionen auftreten. Wie viele Menschen infizieren sich jährlich in mit nosokomialen Infektionen?

Mattner: Wir haben verlässliche Zahlen aus dem Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS) in Deutschland. Diese Zahlen erfassen die Infektionszeiten nach strengen Definitionen. Hiernach erkranken circa 400.000 Menschen jährlich an MRSA. Das sind die verlässlichsten Daten, die wir haben. Die Mortalität betrifft circa 15.000 Menschen. Wir werden häufig gefragt, ob die Zahlen nicht zu niedrig liegen. Dann hilft ein Verweis auf das europäische Umfeld.

MEDICA.de: Was sagen diese Zahlen im internationalen oder europäischen Vergleich aus?

Mattner: Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat die Zahlen von den Mitgliedsländern zusammengestellt. Im Vergleich liegt Deutschland im guten Mittelmaß. Allerdings haben wir in den meisten Kliniken bei der katheter-assoziierten und bei der ventilator-assoziierten Sepsis deutlich bessere Zahlen und niedrigere Infektionsraten als in den USA. Auch bei den Resistenzdaten ist das Ergebnis besser als das in Frankreich. Frankreich hat zwar ein sehr erfolgreiches Programm zur Reduzierung des Antibiotikaverbrauchs gestartet - aufgrund einer hohen Resistenzsituation. Auch die Anwendung von Antibiotika liegt bei uns mittlerweile deutlich niedriger, als in vielen europäischen Staaten. Ziel ist aber, so niedrige Raten wie in den Niederlanden oder der Schweiz zu erreichen, oder anders gesagt, nur die Antibiotika gezielt einzusetzen, die unbedingt notwendig sind und die Behandlungszeiten so kurz wie möglich zu halten.

MEDICA.de: Länder wie die Niederlande, die Schweiz und auch Slowenien werden häufig beispielhaft für niedrige Infektionsraten in Krankenhäusern genannt. Was kann man von ihnen lernen?

Mattner: Von den Niederlanden kann man lernen, dass man gut ausgebildetes, infektologisch versiertes Personal braucht. Die Niederlande hatten vor 20 Jahren auch hohe Resistenz- und Infektionsraten. Sie haben es geschafft, ein großes nationales Institut zu errichten, mit dem Ziel, gezielte Maßnahmen zu entwickeln, damit sich diese Situation ändert. Sehr viel Geld ist dabei in die Qualifikation des Personals geflossen. In den Niederlanden wurden die Schwachstellen richtig analysiert. Wir klagen häufig, ohne dass wir Zahlen in den Händen halten. Zunächst ist immer eine saubere Analyse wichtig, um die Probleme genau festzustellen. Das betrifft die Händedesinfektion und auch sehr komplizierte Probleme, zum Beispiel, wie man wann welchen Katheter legt und wann wieder entfernt. Wichtig ist ein sicherer Umgang mit unterschiedlichen Medizinprodukten. Die Regeln sollten Fachleute festlegen. Die Umsetzung muss dann durch ausgebildetes Fachpersonal in den Kliniken erfolgen.

MEDICA.de: Gibt es schon internationale und europäische Strategien zur Prävention von dieser Art Infektionen?

Mattner: Durch das ECDC wurde ein großer Rahmen zur Reduktion der nosokomialen Gastroenteritiden und der multiresistenten Erreger festgelegt. Die Arbeiten sind noch nicht weitläufig bekannt. Durch die zukünftigen Hygieneverordnungen haben wir in Deutschland eine schöne Vorlage, aber wir brauchen auch Geld, um Stellen für spezielles Fachpersonal schaffen zu können. Der Bedarf an qualifiziertem Personal wie Hygienefachkräften und Krankenhaushygienikern ist sehr hoch. Er kann nur durch eine Ausbildungsinitiative gedeckt werden.Ein weiteres Erfordernis besteht in der Förderung von epidemiologischen Studien, die das Ziel, haben Maßnahmen hinsichtlich ihres infektionspräventiven Effektes zu evaluieren. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sieht für solche Studien bislang leider keine Gelder vor.

Das Interview führte Diana Posth
MEDICA.de

 
 
 

Mehr Informationen

Noch mehr Interviews!

Foto: Mikrofon

© panthermedia.net/Andrei Shumskiy