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„Die Patienten erleben Innovation auf verschiedene Art und Weise“

Kongressgespräch: „Die Patienten erleben Innovation auf verschiedene Art und Weise“

08.04.2011

Foto: Wolfgang Schuldzinski

Wolfgang Schuldzinski, Jurist, Gesund-
heitsexperte;
© Verbraucher-
zentrale NRW

Was bedeutet Innovation für die Patienten und kommen medizinische Innovationen eigentlich beim Patienten an? Darüber sprach MEDICA.de auf dem Gesundheitskongress des Westens am 15. März 2011 in Essen mit dem Verbraucherschützer Wolfgang Schuldzinski.

MEDICA.de
: Herr Schuldzinski, die Diskussion zum Thema „Evaluation, Innovation, Versorgungsprozesse – Wer oder was bürgt für gute Qualität?“ wirft auch die Frage auf: Kommt Innovation überhaupt beim Patienten an?

Wolfgang Schuldzinski: Die Patienten erleben Innovation auf verschiedene Art und Weise. Zum einen gibt es den Fall, dass der Arzt sagt: Es gibt ein neues Medikament oder Verfahren, aber das verschreibt ihre Kasse nicht. Dann erlebt der Patient, dass er an Innovation nicht teilhaben kann und bewertet es als Problem. Dann gibt es aber auch Innovationen, zu denen der Arzt im Krankenhaus oder der niedergelassene Arzt sagt: Wir machen das jetzt folgendermaßen. Wir haben ein neues Verfahren erforscht, daran können sie teilhaben, wenn sie wollen. Dann erlebt der Patient Innovation als Teil der Forschung.

Wenn hingegen Prozesse innovativ neu gedacht werden, wie zum Beispiel die hausarztzentrierte Versorgung oder sogenannte Disease Management Programme (DMP), man kann auch sagen Chronikerprogramme, dann wird der Patient angesprochen, dass er sich in Zukunft anders verhalten muss. Er muss etwa öfter zum Arzt kommen oder er kann nur noch bestimmte Ärzte aufsuchen – dann ist er Teil eines neuen Versorgungsgeschehens. Der Patient erlebt Innovation also vielfältig. Aber ganz häufig erlebt er Innovation auch gar nicht, weil er sie einfach nicht mitbekommt.

MEDICA.de: Können sich Patienten denn überhaupt noch zurechtfinden? Einige Prozessinnovationen, wie die neue Hausarztversorgung oder die Einführung von Rabattverträgen, führen ja zum Teil zu Verunsicherungen. Dabei als Patient zusätzlich die Qualität im Auge zu behalten, scheint fast nicht möglich.

Schuldzinski: Es ist für Patienten sehr schwer sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden, vielfach sind sie überfordert. Und deshalb ist es auch so wichtig, dass wir bei der Qualität der Ärzte und der ärztlichen Versorgung ansetzen. Denn es ist überzogen vom Patienten zu verlangen, er soll sich um alles kümmern, er soll sich ständig informieren und er soll den Arzt kontrollieren. Das heißt nicht, dass man als Patient nicht immer dann kritisch nachfragen soll, wenn man etwas nicht versteht. Aber vom Patienten zu verlangen, dass er für die Qualität verantwortlich ist, dass er selbst entscheidet, welches Medikament er nimmt oder nicht, das ist überzogen.

MEDICA.de: In der Diskussion sprachen Sie jedoch auch davon, dass Patienten „Druck aufbauen“ sollen, gegenüber den Ärzten und der Krankenkasse, um ihre Rechte zu wahren. Das setzt doch voraus, dass sich die Patienten sehr viel Wissen über das Gesundheitssystem aneignen müssen.

Schuldzinski: Patienten sollen eine gesunde Portion Selbstbewusstsein mitbringen und nicht alles, was der Arzt ihnen vorschlägt oder wie er mit ihnen umgeht, kritiklos übernehmen. Patienten können kein Fachwissen über ihre Erkrankung mitbringen – wenn man von chronisch erkrankten Menschen absieht, die häufig sehr viel Wissen über ihre Erkrankung haben. Die Wissensvermittlung ist die Aufgabe des Arztes. Die Aufgabe des Patienten ist es, das kritisch zu hinterfragen. Es gilt die einfache Faustformel: Wenn man etwas nicht versteht, so lange nachfragen, bis man es versteht. Es ist die Aufgabe des Arztes, den Patienten ihre Erkrankung zu erklären. Aber allein eine Verhaltensänderung beim Patienten würde bewirken, dass man merkt: Es läuft nicht alles gut in der Versorgung beziehungsweise im deutschen Gesundheitssystem. So könnte und sollte durch den Patienten mehr Druck entstehen.

MEDICA.de: In die Verbraucherzentralen kommen auch Leute, um sich zu beschweren. Erleben Sie es auch, dass Kommentare kommen wie zum Beispiel: Ich habe beim Arzt nachgefragt, aber das war nicht erwünscht. Dass die Patienten auf eine Barriere stoßen?

Schuldzinski: Ja, das gibt es. Aber die Patienten wechseln in der Regel den Arzt, wenn er ihnen etwas nicht vernünftig erklären kann.

MEDICA.de: In einem Vortrag zum Thema haben wir gehört, dass Leitlinien zu verschiedenen Erkrankungen zwar vorhanden sind, sie leider jedoch oft nicht genutzt werden. Liegt das an den Ärzten, die diese bewusst nicht beachten? Denn Patienten können nicht einfordern leitliniengerecht behandelt zu werden, wenn sie nicht wissen, dass es sie gibt.

Schuldzinski: In der Tat wissen viele Patienten nicht, dass es für viele Erkrankungen Leitlinien gibt. Leitlinien sind von wissenschaftlichen Fachgesellschaften erarbeitete Standards für Behandlungen. Das heißt, es geht nicht nur um Medikamente, sondern auch darum, wie behandelt wird – zum Beispiel Prostatakrebs. Es wird genau definiert wie Diagnose und Therapie ablaufen sollen und wann welche Entscheidung getroffen werden sollte – für eine Operation, gegen eine Operation, für Medikamente, gegen Medikamente. Eine Leitlinie ist immer wissenschaftlich belegt. Das heißt, es gibt internationale oder deutsche Studien, die belegen, dass eine bestimmte Behandlung bei bestimmten Patienten sinnvoll ist und zum besseren Erfolg geführt hat. Solche Leitlinien werden von den Fachgesellschaften für die Ärzte veröffentlicht. Aber leider werden sie häufig nicht für Patienten übersetzt, sodass sie nur schwer zu verstehen sind. Obwohl es durchaus auch patientenorientierte Leitlinien gibt – zum Beispiel beim IQWiG, dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.

Ärzte wiederum kennen oft diese Leitlinien nicht oder sie wenden sie nicht an. Es gibt nur sehr wenige Ärzte, die streng orientiert nach Leitlinien arbeiten. Das hat viele Gründe. Auch der Arzt ist in seinem Alltag sehr stark eingebunden und deshalb manchmal überfordert, sich damit auseinanderzusetzen. Manche fühlen sich in ihrer Therapieentscheidung durch die Leitlinie auch zu sehr eingeschränkt. Das muss aber nicht sein. Ein gutes Vorgehen wäre eigentlich, die Leitlinie mit dem Patienten zu besprechen und dann zu sagen: „Aber bei ihnen sollten wir aus folgendem Grund davon abweichen.“ Dann müsste es eigentlich für beide nachvollziehbar sein.

 
 
Foto: Männchen, das auf einem Fragezeichen sitzt

Einige Innovationen lassen die Patienten ratlos zurück; © panthermedia.net/Jiri Moucka

MEDICA.de: Von einer Innovation erwartet man in der Regel eine Verbesserung, zum Beispiel wenn es um ein neues Medikament geht. Bei neuen Apparaten wie zum Beispiel CT oder MRT ist es ähnlich. Erreichen Sie auch kritische Rückfragen von Patienten, die nicht alles fraglos hinnehmen möchten?

Schuldzinski: Nicht unmittelbar. Allenfalls über den Weg, dass Patienten kommen, zum Beispiel Privatversicherte, die sich darüber wundern, dass sie für vermeintliche Kleinigkeiten immer mehr bildgebende Verfahren bekomme, die sie dann bezahlen müssen. Und in der Tat zeigen Untersuchungen, dass Privatpatienten mehr solcher Untersuchungen erhalten, obwohl es wissenschaftlich gesehen gar nicht notwendig ist. Der ein oder andere Patient registriert also sozusagen eine Übertherapie. Und das hat zur Folge, dass der Patient darüber nachdenkt, ob diese eine Innovation für ihn wirklich sinnvoll ist.

MEDICA.de: Wäre es deshalb wünschenswert, wenn gesetzlich Versicherte auch eine Arztrechnung bekämen?

Schuldzinski: Das könnte diesbezüglich ein Vorteil sein, solange sie diese als Kontrollmittel bekämen und sie so aufbereitet wären, dass Patienten sie auch lesen können. Das ist bei den herkömmlichen Rechnungen nämlich meistens nicht der Fall.

MEDICA.de: Während der Diskussionsrunde wurde angedeutet, dass zwar alle sehr für Innovationen sind, diese aber „Zeit“ benötigen. Ist das nicht eigentlich ein Widerspruch, da Innovationen doch „etwas Neues“ bedeuten.

Schuldzinski: Innovationen brauchen nicht unbedingt Zeit, Innovationen brauchen einen Beleg, dass sie nicht nur neu, sondern auch nützlich sind. Es gibt zum Beispiel Pharmaunternehmen und die produzieren Produkte. Und neue Produkte gelten immer als Innovation. Aber diese sind nicht unbedingt besser für den Patienten! Und genau um diese Schnittstelle geht es. Die Patienten wollen eine bessere Behandlung, aber die Krankenkassen wollen nur das bezahlen, was nötig ist. Es gibt kein Geld für etwas, das vielleicht nett wäre, was man aber nicht unbedingt braucht. Und deshalb ist nicht jede Innovation eine wirkliche Verbesserung für den Patienten – wird aber aufseiten der herstellenden und anbietenden Industrie immer so gesehen.

Auf der anderen Seite gibt es vielleicht Innovationen, die im Krankenhaus oder an der Universität erforscht werden und zu denen ein Professor dann beispielsweise einen wissenschaftlichen Artikel produziert – dann wendet er sich etwas anderem zu und niemand kümmert sich darum, dass diese vielleicht bahnbrechende Arbeit, die dort durchgeführt wurde, auch in die Praxis umgesetzt wird. Das ist dann eine Innovation, die verloren geht.

MEDICA.de: Würden Sie denn zustimmen, dass es in Deutschland zu viel Produktinnovation und zu wenig Prozessinnovation gibt? Dass das Verhältnis also nicht stimmt?

Schuldzinski: Das kann man deutlich sagen. Wir haben zum Beispiel in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern die meisten Medikamente. Insgesamt sind das weit mehr als über 50.000 zugelassene Medikamente. Andere Länder, zum Beispiel Schweden, kommen mit „nur“ 5000 Medikamenten aus. Es gibt die uralte Forderung nach einer sogenannten Positivliste, also einer Liste, in der festgeschrieben steht, welche Medikamente für welche Art von Behandlung wissenschaftlich erprobt und sinnvoll sind. Jedes neue Medikament müsste dann erst beweisen, dass es sinnvollerweise in diese List aufgenommen wird.

MEDICA.de: Sie sprachen über Schweden. Denken Sie, dass man generell in andere Länder schauen sollte, um etwas zu lernen? Schließlich ist es in diesem Fall legitim, sich bei anderen etwas abzuschauen.

Schuldzinski: Man kann immer von anderen lernen, so wie andere auch von uns lernen können. Das deutsche Gesundheitssystem ist in der Qualität weltweit immer noch führend. Wir sind aber auch ziemlich teuer. Und wenn man auf andere Parameter schaut, wie zum Beispiel die Lebenserwartung, dann liegt die in vielen Ländern höher als in Deutschland – es kommt also nicht nur auf die medizinische Versorgung an, sondern zum Beispiel auch auf die Ernährung oder ausreichend Bewegung. Und wenn die Bevölkerung insgesamt gesünder lebt, mit besseren Arbeits- oder Umweltbedingungen, dann könnte man für die Lebensqualität viel mehr erreichen, als immer nur am Medizinsystem herumzuarbeiten. Aber es ist richtig, man kann von anderen Ländern lernen. So ist das neue Krankenhausvergütungssystem, welches für Diagnosen bestimmte Tagessätze vorsieht, aus Australien und den USA übernommen worden.


Das Interview führte Simone Ernst
MEDICA.de

 
 

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