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„Auch in Deutschland sterben immer wieder Kinder an Masern“

Thema des Monats April:

Impfmüdigkeit: „Auch in Deutschland sterben immer wieder Kinder an Masern“

Schwere Kinderkrankheiten treten dank Impfungen immer seltener auf – doch sollte man sein Kind wirklich impfen lassen? Das scheinen sich viele Eltern zu fragen, denn die Bereitschaft zur Impfung sinkt bei vielen. Wie es dazu kommt und wie man das Für-und-Wider einer Impfung abwägen kann, darüber sprach MEDICA.de mit Doktor Cornelia Betsch, Psychologin/Akademische Rätin an der Universität Erfurt.01.04.2011

Foto: Ein Kleinkind erhält eine Spritze in den Arm
Die Impfempfehlungen sehen für
Säuglinge und Kleinkinder regelmä-
ßige Impfungen vor; © pantherme-
dia.net/Pauliene Wessel

MEDICA.de: Frau Betsch, was glauben Sie, warum gerade Deutschland ein Land der Impfmüden ist?

Cornelia Betsch: Viele Ärzte berichten, dass besonders aufgeklärte beziehungsweise besser gebildete Menschen zu Impfkritikern werden. Der Trend hin zur Alternativmedizin spielt dabei sicherlich auch eine Rolle, ebenso wie die Meinung der Hebammen, die dem Impfen zum Teil kritisch gegenüberstehen und natürlich einen großen Einfluss auf junge Mütter oder Eltern haben. Darüber hinaus spielt sicher das Internet auch eine Rolle bei der Impfmüdigkeit. Denn immer mehr Menschen schauen verstärkt ins Internet, wenn sie sich zum Thema Impfen oder allgemein zu gesundheitlichen Themen informieren wollen – und dort finden sich schnell impfkritische Informationen. Zwar sind es insgesamt nicht viele Seiten, die man dort findet, aber man kommt quasi nicht daran vorbei, wenn man den Begriff „Impfen“ googelt. Und auf diesen Seiten wird sehr konsistent gegen das Impfen argumentiert.

Dabei werden immer wiederkehrende Argumente genannt, die allerdings längst widerlegt wurden: Hierzu gibt es eine sehr gute Internetveröffentlichung der Robert Koch Instituts, in der dies allgemein verständlich dargestellt wurde. Das Problem ist allerdings häufig die Auffindbarkeit verlässlicher Informationen im Internet. Es gibt hier ein sehr starkes Ungleichgewicht. Man findet sehr leicht Pharmainformationen, die beim Verbraucher ein Glaubwürdigkeitsproblem haben, und man findet leicht impfkritische Informationen. Vergleichsweise schwerer zu finden sind wissenschaftlich fundierte, neutral informierende – und trotzdem verständliche Seiten.

MEDICA.de: Warum scheitern gerade seriöse Informationsquellen daran, ihr Wissen im Netz so anzubieten, dass Eltern unproblematisch darauf zugreifen können? Sollten zum Beispiel Institute gezielt angesprochen werden, wie eine gute und informative Homepage aussehen könnte?

Betsch: Ja - und das geschieht auch. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, kurz BZgA, hat zum Beispiel eine neue Seite namens impfen-info.de entwickelt, die sehr unaufgeregt und sachlich informiert. Darüber hinaus gibt es das BZgA-Portal Kindergesundheit-info.de, das zu Themen rund um die Gesundheit von Kindern informiert. Man ist sich des Problems bewusst, dass man weniger leicht im Netz zu finden ist und daran wird gearbeitet.

MEDICA.de: Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, unseriöse von seriösen Seiten zu unterscheiden?

Betsch: Die Klassifizierung einzelner Seiten, mit einem Gütesiegel etwa, steckt noch in den Kinderschuhen. Aber als kritischer Verbraucher sollte man sich immer fragen, welche Quelle hinter einer Information steht und ob mir auf der Seite etwas verkauft werden soll. Ein Blick ins Impressum ist oft hilfreich.

MEDICA.de: Würden Sie empfehlen eine Impfpflicht einzuführen, so wie es ja auch eine Schulpflicht gibt?

Betsch: Auf der zweiten Nationalen Impfkonferenz, die kürzlich in Stuttgart stattfand, gab es einen Konsens gegen eine Impfpflicht – und auch gegen eine Widerspruchsregelung, wie sie bei der Organspende diskutiert wird. Eine Widerspruchsregelung würde bedeuten, dass grundsätzlich geimpft wird und man ausdrücklich einer Impfung widersprechen müsste. Man setzt auf der Basis von Impfempfehlungen auf die freiheitliche Entscheidung der Bürger. Was natürlich einen großen Informationsbedarf nach sich zieht und die Pflicht für die öffentliche Hand, eine individuelle Kosten-Nutzen Entscheidung durch die Bereitstellung von belastbaren Informationen zu ermöglichen. Wichtig zu wissen ist vielleicht, dass in Deutschland die Ständige Impfkommission, kurz STIKO, diese Arbeit für den Verbraucher übernimmt und entsprechende Empfehlungen ausspricht.

 
 
Foto: Eine lachende Frau im Hosenanzug 
Doktor Cornelia Betsch;
© privat

MEDICA.de: Sie beforschen die Wirkung von Impfkritik im Internet. Was sind typische Pro- und Kontra-Punkte, die dort von Usern genannt werden?

Betsch: Für eine Impfung spricht natürlich der Schutz vor Krankheiten, die eine Impfung bietet. Einige Krankheiten können sehr schwere Folgeerkrankungen und -schäden nach sich ziehen. Wenn außerdem ein sehr hoher Impfschutz innerhalb der Bevölkerung aufgebaut wird, können wir bestimmte Krankheiten möglicherweise ausrotten. Das wird beispielsweise mit den Masern versucht, was aber bislang nicht funktioniert, denn die Impfquote ist zu gering. Außerdem gibt es noch einen sozialen Aspekt. Man spricht von Herdenimmunität, wenn so viele Personen geimpft sind, dass ein Erreger sich nicht ausbreiten kann und dadurch auch ungeimpfte Personen, wie zum Beispiel Neugeborene, geschützt sind.

Gegen das Impfen werden hingegen Argumente genannt, zum Beispiel das typische Trittbrettfahren: „Wenn alle geimpft sind, dann muss ich mich ja nicht impfen lassen, denn die Krankheit tritt ja quasi nicht auf.“ Ansonsten wird gerne auch das Auftreten von Erkrankungen, deren Ursache unklar ist, als Folge von Impfungen beziehungsweise als deren Nebenwirkungen proklamiert. Dazu gehören zum Beispiel Autismus, Multiple Sklerose oder auch Allergien. Allerdings wurde immer wieder nachgewiesen, dass Impfen nicht zu einer überzufälligen Häufung der entsprechenden Krankheiten führt.

MEDICA.de: Das heißt, die tatsächlichen Nebenwirkungen von Impfungen sind eher gering?

Betsch: Impfen ist eine Intervention in einen meist gesunden Organismus und wie jedes andere Medikament haben auch Impfungen Nebenwirkungen. Über das Auftreten werden Statistiken geführt und in den Zulassungs- und Empfehlungsprozeduren werden aufgrund der Datenlage Kosten und Nutzen gegeneinander abgewogen. Darüber kann man sich in Kürze im Nationalen Impfplan genau informieren. Insgesamt gilt, dass die verfügbaren Impfstoffe gut verträglich sind. Welche Erscheinungen natürlich subjektiv als Nebenwirkungen interpretiert werden und als wie schwerwiegend diese wahrgenommen werden, steht auf einem anderen Blatt.

MEDICA.de: Sie sprachen gerade die Masern an. Was halten Sie von sogenannten Masernpartys?

Betsch: Masern sind eine schwerwiegende Erkrankung und wir haben das Glück, dass bei uns nur wenige Masernerkrankungen auftreten. Ich zum Beispiel habe noch nie einen Patienten mit Masern gesehen. Personen, denen es auch so geht, unterschätzen möglicherweise den Schweregrad dieser Krankheit. Aber tatsächlich handelt es sich bei Masern um eine sehr schwere Erkrankung, die schlimme Folgeerkrankungen nach sich ziehen kann. Auch in Deutschland sterben immer wieder Kinder an Masern und das sollte man sich klar machen, wenn man sein Kind auf eine Masernparty schickt.

MEDICA.de: Ist es aus psychologischer Sicht so, dass man eine Scheuklappenmentalität entwickelt? Im Sinne von: Kenn ich nicht, habe ich noch nie gesehen, es wird mich also nicht treffen. Steht dieser psychologische Mechanismus der Impfvorsorge im Weg?

Betsch: Eigene Erfahrungen wirken natürlich immer stark. Wenn im eigenen Umfeld noch nie Masern aufgetreten sind, aber die Nachbarin oder eine Mutter in einem Internetforum von schlimmen Impfschäden berichtet, dann hat das natürlich Einfluss auf die Entscheidung.

Wir untersuchen den Einfluss von solchen Einzelfallberichten, also persönlichen Berichten über Impfnebenwirkungen, und stellen immer wieder fest, dass solche Berichte sehr stark auf die Risikowahrnehmung und Impfintentionen wirken. Wir finden einen Einfluss von Einzelfallberichten selbst dann, wenn die Personen es eigentlich besser wissen sollten, zum Beispiel weil wir ihnen auch verlässliche statistische Informationen zur Verfügung stellen. Das Internet ist voll von solchen Einzelfallberichten und trägt so seinen Teil zur Impfmüdigkeit bei.

MEDICA.de: Kommt man mit sachlicher Information denn überhaupt gegen diese Einstellung an?

Betsch: Das lässt sich derzeit noch nicht schlüssig beantworten. An sich wäre es natürlich wünschenswert. Was wir aus der Forschung mittlerweile wissen ist, dass gerade im Kontext solcher impfkritischen und häufig sehr emotionalen Berichte eine emotionale Werbung für das Impfen eher nachteilig ist. Ein Beispiel hierfür wäre ein Furchtappell: Nach Masern kann dein Kind geistig behindert sein. Das kann auf Plakatwänden gut funktionieren und Menschen wachrütteln, aber wenn man im Internet direkt der einen Furcht eine andere gegenüberstellt, kann es geschehen, dass die Leute sich beziehungsweise ihre Kinder gar nicht mehr impfen lassen wollen. Man kann also sagen: Wer für das Impfen Werbung machen möchte, sollte es nicht mit der emotionalen Peitsche tun, sondern ganz sachlich informieren.

Das Interview führte Simone Ernst.

 
 

 
 

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