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„Die Menschlichkeit wird leider auf der Strecke bleiben“

Arzt auf dem Land: „Die Menschlichkeit wird leider auf der Strecke bleiben“

22.04.2011

Foto: Jens Grothues

Doktor Jens Grothues; © beta-web

Landflucht ist nicht nur ein bekanntes deutsches Problem, sondern findet weltweit statt. In absehbarer Zeit wird sich diese Entwicklung negativ auf die ländliche Infrastruktur und damit auch auf die medizinische Versorgung auswirken. Fakt bleibt: Viele Mediziner bevorzugen die Großstadt und können der ländlichen Idylle nur wenig abgewinnen.

Es bleiben viele Fragen offen: Wie fängt man diese Entwicklung auf, welche Konzepte für die medizinische Versorgung auf dem Land haben eine Zukunft, wie kann der medizinische Nachwuchs aufs Land gelockt werden? MEDICA.de sprach im Rahmen des Gesundheitskongress des Westens 2011 in Essen mit Doktor Jens Grothues. Er arbeitet als Allgemeinmediziner auf dem Land.


MEDICA.de: Herr Doktor Grothues, es gibt deutliche Verteilungsdisparitäten in der medizinischen Versorgung. Woran liegt das?

Jens Grothues: Prinzipiell bin ich davon überzeugt, dass sich die Generation verändert hat. Heute sind soziokulturelle Faktoren sehr wichtig: Vielfältige Einkaufsmöglichkeiten, ein breites kulturelles Angebot und vieles mehr. Immer weniger Kollegen, die ursprünglich aus ländlichen Gebieten stammen, dann aber an attraktiven Universitäten studiert haben oder dort lehren, kommen zurück. Für die heutige Generation sind Städte einfach attraktiver.

MEDICA.de: Wie viele Ärzte werden denn voraussichtlich in den nächsten Jahren auf dem Land fehlen?

Grothues: Wenn man die Zahlen aufgrund der Morbiditätsentwicklung insgesamt hochrechnet, brauchen wir bis zum Jahr 2015 circa 15.000 Ärzte. Allein im Bereich Westfalen-Lippe benötigen wir 5.000 Haus- und Fachärzte. Das liegt daran, dass viele Ärzte wegen ihres Alters ausscheiden werden. Ein Arzt hört heute mit 60,4 Jahren auf zu arbeiten, nicht mit 68 Jahren.

MEDICA.de: Laut einer Studie sollte Ärzten monatlich 8.400 Euro mehr gezahlt werden, um sie aufs Land zu locken. Wie ausschlaggebend ist der finanzielle Faktor?

Grothues: Die Studie ist interessant. Wenn circa 8.000 Euro pro Monat zusätzlich das Leben eines Arztes auf dem Land versüßen sollen, dann frage ich mich, warum ein Großstädter aus München nicht in den bayrischen Wald zieht. Es geht natürlich nicht nur um die Bezahlung. Es geht um Lebensqualität, um die optimale Versorgung der Familie, der Partnerschaft, der Kinder und um die Ausbildung in den Schulen. Alle weichen Standortfaktoren spielen heute eine immer größere Rolle. Wenn ein Arzt die Möglichkeit hat, eine mit einer Teilzeitstelle in einer Stadt sein Auskommen zu finden , warum soll dann das betriebswirtschaftliche Risiko einer Einzelpraxis auf dem Land eingegangen werden? Das ist einfach zu anstrengend, Landärzte müssen häufig unter großem persönlichen Einsatz große Gebiete versorgen.

 
 
Foto: Ländliche Idylle

Auf dem Land fehlen die Anreize für Ärzte; © panthermedia.net/ Jan-Christer Neimöck

MEDICA.de: Einige gesundheitspolitische Anreize wurden mittlerweile geschaffen, um die Situation in ländlichen Gebieten zu verbessern. Sind diese Maßnahmen spürbar?

Grothues: Die Anreize, die geschaffen wurden, greifen nicht, weil es für Ärzte keine Verlässlichkeit und keine Transparenz gibt. Ein gängiges Argument ist, dass seit 2008 niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser rund zehn Milliarden Euro erhalten haben. Aber wo ist das Geld gelandet? Wir „Niedergelassenen“ brauchen vor allen Dingen verlässliche Rahmenbedingungen, also Planungssicherheit. Wie ist es sonst möglich, eine Praxis zu übernehmen, aufzukaufen, aufzubauen und zu prosperieren? Ärzte müssen mit circa 100.000 bis 150.000 EUR in Vorleistung gehen, um eine Praxis aufbauen zu können. Wie soll das geschehen, wenn sie keine sichere wirtschaftliche Basis für die nächsten Jahre haben? Die Banken werden dieses Vorhaben nicht mehr unterstützen und finanzieren. Wir brauchen Inkubatoren, Einrichtungen, die innovativen Existenzgründern den Start erleichtern, in dem die Infrastruktur und finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden, vergleichbar mit einem betrieblichen Start-up. Das bedeutet, dass wir mit anderen Ärzten eine Art Franchise-System aufbauen, junge Kollegen von unseren Erfahren profitieren lassen und kooperieren müssen.

Einige Dinge sind bereits umgesetzt worden oder werden sich noch verändern. Zum Beispiel gab es eine Veränderung der Notdienststrukturen, die hohe Dienstbelastung fällt zum Teil weg und die Regresssituation wird sich sicherlich ändern. Man versucht in Gemeinden einen Hol- und Bringdienst für Patienten aufzubauen. Man muss dafür sorgen, dass der Stellenwert des ärztlichen Berufs in der Bevölkerung hoch gehalten wird und nicht ein schwarzes Schaf alle anderen Ärzte diskreditiert. Das psychologische Ausmaß, das dahinter steckt, ist dramatisch.

MEDICA.de: Wie gestaltet sich die medizinischer Versorgung in den neuen und alten Bundesländern?

Grothues: Die Versorgung in den alten Bundesländern ist seit 50 Jahren immer noch durch eine etablierte Praxisstruktur erheblich besser als in den neuen Bundesländern. Die neuen Bundesländer haben größere demografische Schwierigkeiten und eine höhere Morbiditätsrate. Das wird den Ärztemangel langfristig noch potenzieren und ist bereits beispielhaft in Thüringen und in der Uckermark zu sehen. Ohne eine Quote für Medizinstudenten, die beinhaltet, einen Teil der Medizin-Studienplätze für Bewerber freizuhalten, die aus der Region kommen, wird das nicht funktionieren. Man kann aber auch niemanden verpflichten, auf das Land zu ziehen. Das ländliche Angebot kann für Ärzte aber so attraktiv gestaltet werden, dass die Ausbildung eines jeden angehenden Mediziners, der sich bereits auf dem Land befindet, von vorneherein in einer Niederlassung vor Ort stattfindet. So kann man dafür sorgen, dass Ärzte aus der Region vielleicht auch dorthin zurückkehren.

MEDICA.de: Ab wann redet man von einer medizinischen Unterversorgung?

Grothues: Nach §29 Bedarfsplanungs-Richtlinie spricht man erst ab einer Versorgungsstufe unter 75 Prozent bei Hausärzten und bei unter 50 Prozent bei Fachärzten von einer Unterversorgung. Das sind Zahlen, die nicht mit der Realität übereinstimmen.

MEDICA.de: Trotz geringer Dichte der medizinischen Versorgung in ländlichen Gebieten: Stellt der Wettbewerb von medizinischen Einrichtungen ein Problem dar?

Grothues : Das ist abhängig davon, in welchem Gebiet die Ärzte arbeiten. Ein Beispiel aus der Stadt: Seit zehn Jahren hat sich ein Onkologe einen Kilometer von einem Krankenhaus entfernt niedergelassen. Das Krankenhaus beantragt nun nach § 116 b SGB V , die Erbringung ambulanter spezialärztlicher Leistungen, die bislang in erster Linie Vertragsärzten vorbehalten war, für onkologische Leistungen. Eine solche Entwicklung stellt die finanzielle Zukunft des etablierten Onkologen und den Wert der Praxis in Frage. Erste Urteile aus Frankfurt, Leipzig und Dresden sollen jetzt den besonderen Schutz der Niederlassung gewähren. Die Kooperation mit den Krankenhäusern steht aber in ländlichen Gebieten außer Zweifel und außer Frage. Aber wenn ich als Onkologe ein Ultraschallgerät für meine Praxis kaufe, dann bezahle mit meinem Privatvermögen, ich muss es refinanzieren. Ein Krankenhaus hat durch die duale Finanzierung anderer Möglichkeiten. Mit denen kann ein Facharzt nicht konkurrieren.

MEDICA.de: Ein großer Teil der Medizin wird weiblich. Welche Ideen könnte man sich für eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf vorstellen?

Grothues: Hierfür müssen neue Kooperationsmöglichkeiten und Angestelltenverhältnisse geschaffen werden. Eine Frau in einer Doppelpraxis wird in der Lage sein, einen großen Teil der Arbeit aufzufangen. Man kann aber nicht erwarten, dass die Zukunft aus zehn Stunden Arztzeit in der Praxis besteht. Ich denke, es werden sich eher Teilzeitmodelle oder 21-Stunden Modelle durchsetzen. Diese Modelle müssen nur vernünftig integriert werden.

 
 
Foto: Arzt besucht ältere Patientin im Rollstuhl

Hausbesuche sind teuer und dauern sehr lange, andere Länder kennen sie gar nicht ;© panthermedia.net/Wavebreakmedia ltd

MEDICA.de: Gibt es best-practice Beispiele, die einen umgekehrten Trend – hin aufs Land –vorantreiben könnten?

Grothues: Wir trafen vor sieben Jahren die Überlegung, ein Gesundheitszentrum aufzubauen und haben diese Idee innerhalb von sechs Monaten auf 3.000 Quadratmetern realisiert. Vorausgegangen war die Erkenntnis, dass die Mobilität der Landbevölkerung immer weiter abnimmt. Meistens liegt der nächste Facharzt auf dem Land auch in weiter Ferne oder die fachärztliche Versorgung ist gar nicht vorhanden. Der Enkel fährt die Oma heutzutage nicht mehr zum Arzt. Auch die Arzt-Kollegen stehen aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters kurz vor der Praxisaufgabe. Sie können auch nicht beliebig viele Filialen gründen. Nur Ärzte, die sich früh für neue Möglichkeiten entscheiden, können über Kontakte und ihre Begeisterungsfähigkeit ein Konzept wie das des Ärztehauses umsetzen. Unser Ärztehaus auf dem Land umfasst vier niedergelassene Hausärzte, einen Orthopäden und Teilzeitmieter wie einen Diabetologen, einen Kardiologen, einen Mund- und Kiefer-Chirurgen, einen Onkologen und Hämatologen. Wir integrieren insgesamt sieben Spezialgebiete. Zusätzlich stellt das Krankenhaus einen Gefäßchirurgen zur Verfügung, der bei uns Sprechstunden anbieten wird. In anderthalb Jahren wird ein Gynäkologe hinzukommen.

Allerdings lassen sich die Modelle nicht unbedingt auf andere Gebiete transferieren. In ähnlicher Situation an anderer Stelle muss alles neu aufgebaut werden. Langfristig gilt das Motto: Nicht der Patient kommt zum Arzt, sondern der Arzt kommt zum Patient. Wir versuchen mit dem Konzept Menschlichkeit vor Ort zu schaffen, um Menschen in ländlichen Gebieten adäquat versorgen zu können. Damit ersparen wir der Landbevölkerung kilometerlange Fahrten, zum Beispiel, um eine Blutkonserve zu erhalten.

MEDICA.de: Wäre ein solches Ärztehaus für den Fall einer Überalterung der Patienten auf dem Land gerüstet?

Grothues: Ja. Bei uns funktioniert das Konzept mit niedergelassen Ärzten. Im Prinzip kann das Konzept auch von einem Krankenhaus angeboten und umgesetzt werden. Ein Krankenhaus könnte einen ärztlichen Kollegen einmal in der Woche abstellen, der dann auf dem Land seine Sprechstunde einrichtet und so eine bestimmte Fachidentität abbildet. Auf diese Weise müssten ältere Patienten nicht mehr weite Wege bis zum nächsten Facharzt zurücklegen. Allerdings kann dieses Modell den Ärztemangel nicht auffangen, es hilft aber in Zeiten des Ärztemangels, die Versorgung der Bevölkerung zu verbessern. Ist das Konzept attraktiv genug, sorgt es dafür, junge, neue Ärzte anzuziehen, die vielleicht auch gerne auf dem Land eine Praxis übernehmen.

MEDICA.de: Können neue Technologien älteren oder schwer erkrankten Patienten helfen?

Grothues: Telemedizin ist in bestimmten ländlichen Bereichen bereits funktionstüchtig. Diese Technologien werden zunehmend in der Diabeteseinstellung und in der Kardiologie eine Rolle spielen, weil sie aus dem Case Management kommen. Langfristig müssen Risikopatienten überwacht werden, aber momentan ist die Zahl der Notrufpatienten noch gering. Die Krankenkassen unterstützen diese Projekte nur, wenn sie dabei Geld sparen. Oft ist es so, dass die telemedizinische Technologien für den Mediziner noch mehr Arbeit machen. Es wird erst dann interessant, wenn man die telemedizinische Anbindung perfektioniert. Zum Beispiel durch sogenannte Kontrollmechanismen, die beim Patienten zum Beispiel Herzinsuffizienz- und Blutdruckwerte abrufen. Das wird leider noch nicht flächendeckend umgesetzt.

MEDICA.de: Wie lösen europäische Nachbarländer das Problem mit der ländlichen Versorgung und des allgemeinen Ärztemangels?

Grothues: Viele Länder haben die gleichen Probleme, zum Beispiel Österreich und Deutschland. Zunächst glaubt man dies nicht, denn in Österreich gibt es momentan einen Ärzteüberschuss. Spätestens 2016 wird sich das aber ins Gegenteil kehren. Bis dahin wird dort das Gesundheitssystem heruntergefahren und die Zulassungszahlen für Ärzte werden verringert. Die Versorgungsprobleme sind in allen europäischen Ländern gleich. In Schweden oder Finnland finden, beeinflusst durch die großen Distanzen im Land, nur zwei Patientenkontakte im Jahr statt. Hier braucht man Telemedizin und andere Ideen. In Frankreich existiert ein gewerkschaftlicher Ansatz, der auch für die Finanzierung der Ärzte gilt. Der durchschnittliche deutsche Arzt liegt im Schnitt bei 55 bis 65 Patientenkontakten. In Frankreich sind es nur 30, dort verdient man aber genau das gleiche Geld wie in Deutschland. Unser Vergütungssystem ist also auch für die Probleme verantwortlich.

MEDICA.de: Welche europäischen Modelle wären für die Behebung des Ärztemangels interessant?

Grothues: Der eine favorisiert ein Primärarztsystem mit Einschreibemöglichkeiten wie in den Niederlanden, in dem man ein Jahr an den Hausarzt gebunden ist. Generell denke ich, dass die Gesundheitssysteme anders aufgezogen werden sollten, denn wir müssen verstärkt für den regionalen Bedarf arbeiten. Den Patienten sollten wir heute abgewöhnen, dass nach Praxisschluss gegen 18 Uhr noch weitere Hausbesuch stattfinden können. Hausbesuche sind teuer und dauern sehr lange, andere Länder kennen sie gar nicht. Es ist fast unmöglich, einen amerikanischen Arzt nach einem Hausbesuch zu fragen, denn der kostet viel Geld.

MEDICA.de: Welche Prognosen treffen sie für die Zukunft?

Grothues: Auch ein neues Versorgungsgesetz wird nicht in der Lage sein, die Probleme nachhaltig zu lösen, denn der Mensch ist frei. Wenn ein Arzt die Entscheidung trifft, sich auf dem Land niederzulassen, dann ist es nicht ein Versorgungsgesetz, das ihn davon überzeugt. Entweder man ist von diesem Job begeistert oder eben nicht. Einem Arzt zu verbieten, in die Stadt zu gehen, ruft einen gegenteiligen Effekt hervor. Er geht dann ins Ausland oder nimmt andere Möglichkeiten in Anspruch. Das Versorgungsgesetz müsste viel tiefgreifender ansetzen und die Politik und Gemeinden in Entscheidungen einbeziehen.

Für die Gemeinden wird es zukünftig ein großer Versorgungsvorteil sein, eine medizinische Versorgung zu haben. Wenn keine medizinische Versorgung vorhanden ist, wird sich das auf andere Bereiche auswirken. Neubaugebiete werden nicht funktionieren, weil die Menschen keinen Arzt vorfinden. Setzt sich diese Entwicklung fort, werden Ärzte auf dem Land zukünftig immer weniger Zeit für den einzelnen Patienten haben. Sie stoßen an ihre Grenzen, da eine Arztpraxis nicht endlos viele Patienten aufnehmen kann, egal wie perfekt sie organisiert ist. Die Menschlichkeit wird leider auf der Strecke bleiben, da wir zunehmend vergütungsorientiert arbeiten müssen. Diese Entmenschlichung macht vielen Kollegen großes Kopfzerbrechen. Wir sind angetreten, Menschen im ihren Krankheitsgeschen zu begleiten, die Politik muss uns verlässliche Rahmenbedingungen geben, es uns auch zu ermöglichen.

Das Interview führte Diana Posth.
MEDICA.de

 
 
 
 
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