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„Wir wissen noch nicht, was lokal am Herz passiert"

Broken-Heart-Syndrom: „Wir wissen noch nicht, was lokal am Herz passiert"

22.05.2011

Foto: Doktor Christof Burgdorf

Doktor Christof Burgdorf;
© privat

Wenn sprichwörtlich das Herz zerbricht, eine Beziehung zu Ende geht, ist das für die Beteiligten eine meist schmerzhafte Erfahrung. Ähnliche Erlebnisse, die allerdings weniger auf Liebeskummer zurückzuführen sind, sondern auf einen traumatischen Schock, den Tod eines geliebten Menschen oder extremen Stress sind Zutaten für einen lebensbedrohlichen Cocktail.

Die Betroffenen verspüren Schmerzattacken in der Brust und klagen über Atemnot. Hinter den Symptomen eines klassischen Herzinfarkts, verbirgt sich dann aber oft das weniger geläufige Broken-Heart-Syndrom.

MEDICA.de fragte bei Doktor Christof Burgdorf, Oberarzt am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck und Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, nach, welche wissenschaftlichen Erklärungen es für das Syndrom gibt, welche Fragen in der Forschung noch offen sind und wie sich die Versorgung der Patienten gestaltet.

MEDICA.de
: Das Broken-Heart-Syndrom spielt mit der Vorstellung eines gebrochenen Herzens. Was „zerbricht“ denn im übertragenen Sinne?

Christof Burgdorf: Die Vorstellung war ursprünglich, dass viele Patienten ein psychisch stark belastendes Ereignis erlebt haben, bevor sie diese Herzbeschwerden bekommen. Es bricht natürlich kein Organ, vielmehr ist die Seele gebrochen. Das äußert sich zum Beispiel in Form von körperlichen Beschwerden wie Brustschmerzen. Die Bezeichnung „Broken-Heart“ bezieht sich somit auf die Verknüpfung zwischen der Psyche und dem Herzen.

MEDICA.de: Welche Ereignisse lösen das Syndrom aus?

Burgdorf: Eine Vielzahl unterschiedlicher Ereignisse sind als Auslöser beschrieben worden. In der Regel sind es stark belastende und traumatisierende Ereignisse in der unmittelbaren Vorgeschichte des Patienten. Beispielhaft sind hier Patienten, die um den noch nicht lange zurückliegenden Tod eines Angehörigen trauern oder es sind Patienten, die überfallen und ausgeraubt worden sind. Auch Menschen, die beinahe im Meer oder in einem See ertrunken wären, gehören zur Patientengruppe. Außerdem gibt es situative Ereignisse wie zum Beispiel während der Fußballweltmeisterschaft. Beim Spiel Deutschland gegen Schweden regte sich eine Patientin derart auf, dass sie ein Broken-Heart-Syndrom erlitt. Befragt man die Patienten, ob sie in der letzten Zeit ein stressiges Ereignis erlebt haben und dies wird bejaht, dann gibt es für die Ärzte in der Anamnese bereits Hinweise, dass ein Broken-Heart-Syndrom möglicherweise vorliegt. Bei einigen Patienten findet man hingegen keine psychische Belastung sondern vielmehr eine starke physische, das heißt körperliche Belastung wie zum Beispiel eine zurückliegende längere Erkrankung. Eine Lungenentzündung wäre zum Beispiel hier zu nennen.

MEDICA.de: Gibt es eine spezielle Patientengruppe die von diesem Krankheitsbild besonders betroffen ist?

Burgdorf: Circa 90 Prozent der Patienten sind Frauen jenseits der Wechseljahre. Aus den vorliegenden Registern und Studien wissen wir, dass die Patienten durchschnittlich 65 – 75 Jahre alt sind.

MEDICA.de: Warum sind gerade Frauen betroffen?

Burgdorf: Das ist eine zentrale, noch unbeantwortete Frage. Es gibt einige Wissenschaftler, die vermuten, dass möglicherweise die weiblichen Geschlechtshormone, die Östrogene, eine Rolle spielen. Leider stehen wir da aber noch am Anfang so dass noch nichts Genaues bekannt ist.

MEDICA.de: Was verändert sich bei diesen Patienten krankheitsbedingt im Körper? Gibt es zum Beispiel spezielle kardiale Marker?

Burgdorf: Die Patienten, die in die Notaufnahme kommen, haben die typischen Brustschmerzen. Zunächst lässt das auf eine Herzerkrankung schließen. Wir schreiben dann ein EKG und das zeigt entweder eine Minderdurchblutung des Herzmuskels oder eben nichts dergleichen an. Dann führen wir eine Blutuntersuchung durch und die Blutwerte, die kardialen Marker, beispielweise das Troponin oder auch die CK, die Creatinkinase, sind in der Regel erhöht. Durch das Gesamtbild, die Brustschmerzen, die Erhöhung der kardialen Marker – allerdings nicht spezifisch, da auch bei anderen Erkrankungen die kardialen Marker erhöht sind – stellen wir fest, dass ein Patient ein akutes Koronarsyndrom hat und wir möglichst schnell eine Katheteruntersuchung durchführen müssen. Erst bei der Herzkatheterbehandlung sehen wir, ob es sich um einen klassischen Herzinfarkt oder tatsächlich um ein Broken-Heart-Syndrom handelt. Der Katheter kann ganz klar zwischen einem klassischen Herzinfarkt und dem Broken-Heart-Syndrom unterscheiden. Vorab lässt sich das Syndrom nur vermuten. Bei einer Herzultraschalluntersuchung sehen wir auch typische Wandbewegungsstörungen, die darauf hindeuten. Aber ganz sicher kann man es nur mit dem Katheter erschließen. Zusätzlich müssen wir ausschließen, dass die Herzkrankgefäße eine Veränderung anzeigen. Bei Broken-Heart-Syndrom Patienten sind die Herzkranzgefäße in der Regel völlig in Ordnung.

 
 
Foto: Herz

Bei Patienten mit Broken-Heart-Syndrom sind die Herzkranzgefäße nicht verstopft; © panthermedia.net/Sebastian Kaulitzki

MEDICA.de: Wie Sie beschreiben, gleichen die Symptome denen eines „normalen“ Herzinfarkts. Wie grenzt sich das Broken-Heart-Syndrom vom Herzinfarkt ab?

Burgdorf: Das ist schwierig. Der klassische Herzinfarkt ist so charakterisiert, dass das Herzkranzgefäß entweder ganz oder fast vollständig verstopft ist. Bei Patienten mit Broken-Heart-Syndrom ist das nicht der Fall. Die Herzkranzarterien sehen in der Regel unauffällig aus. Es kann aber vorkommen, dass Patienten, die ein Broken-Heart-Syndrom haben, Ablagerungen an den Herzkranzarterien aufweisen. Möglich ist auch, dass der Patient eine Gefäßverstopfung hatte, die sich erst einmal wieder geöffnet hat. Es bietet sich deshalb an, eine Zusatzuntersuchung und nachgeschaltet eine Magnetresonanztomografie (MRT) durchzuführen. Hierbei gibt es bestimmte Kriterien, die wiederum zwischen Broken-Heart-Syndrom und klassischem Myorkardinfarkt differenzieren.

MEDICA.de: Als Auslöser für diese Erkrankung werden oft Hormone, besonders Stresshormone, verantwortlich gemacht. Gibt es hierzu neue Erkenntnisse?

Burgdorf: Man vermutet, dass es zu einer exzessiven Ausschüttung von Adrenalin oder anderen Stresshormonen kommt, die direkt am Herzmuskel einen toxischen, schädlichen Effekt ausüben. Das glaubt man, aber man weiß es noch nicht. Wir wissen also nicht, was lokal am Herzen passiert. Das hat zwei Gründe. Zum einen liegt es daran, dass wir nur an Patienten forschen können und nicht an Tiermodellen. Das Syndrom ist einfach nicht in einem Tiermodell sicher nachzustellen. Ein zweiter Punkt ist: Es gibt nur wenige Patienten und die Prävalenz, die Häufigkeit des Krankheitsbildes, ist sehr gering. Auch gibt es nur begrenzte Untersuchungsmöglichkeiten, die Nerven oder die Hormone im Herzen darzustellen. Die szintigrafischen Nachweismethoden sind oft ungenau. Was auf pathophysiologischer Ebene in der Herzmuskelzelle oder im Bereich der Nervenfasern im Herzen passiert, ist zur Zeit wenig bekannt.

MEDICA.de: Wie stellt sich die Forschung dar, wenn es so wenige Patienten gibt?

Burgdorf: Wir stellen uns zunächst zentrale Fragen: Woher kommt die Erkrankung, welcher Mechanismus setzt sich dabei in Gang, warum sind nur Frauen betroffen und welche Prognose haben Broken-Heart Patienten? Die Prognose lässt sich erstellen, indem wir zum Beispiel Register anlegen und die Daten der Patienten dort sammeln. So beobachten und erfassen wir über fünf bis sechs Jahre den Krankheitsverlauf der Patienten und erfragen, ob bei ihnen neue Erkrankungen hinzugekommen sind. In einem zweiten Schritt erschließen wir die pathophysiologischen Zusammenhänge. Wir können beispielsweise das Herzgewebe von den Patienten untersuchen. Aber das ist nicht ungefährlich und vorab muss immer ein Ethikantrag an die Universitätsklinik gestellt werden.

In Lübeck haben wir das größte monozentrische Register eingerichtet und in den letzten neun Jahren 108 Patienten mit dem Syndrom behandelt. Gleichzeitig wir kooperieren mit anderen Zentren und Kliniken. Zusätzlich gibt es ein Register der ALKK, Arbeitsgemeinschaft der leitenden kardiologischen Krankenhausärzte, die über 250 Patienten aus verschiedenen Klinikzusammenschlüssen erfasst.

MEDICA.de: Hat die relativ späte Entdeckung des Syndroms Auswirkungen auf die epidemiologischen Daten und somit auf die Behandlung?

Burgdorf: Die erste Entdeckung des Syndroms kann man auf die frühen 90er Jahre in Japan datieren. Es spricht jedoch nichts dagegen, dass die Erkrankung schon zuvor aufgetreten ist. Man konnte sie nur noch nicht sicher diagnostizieren, da auch erst Mitte Anfang/Mitte der 80er Jahre die Technik der Herzkatheteruntersuchung routinemäßig eingesetzt wurde. Denn nur der Herzkatheter gibt definitiv Auskunft darüber, ob eine Patientin ein Broken-Heart-Syndrom oder einen klassischen Herzinfarkt erlitten hat. Im Jahr 2001 erschien die ersten englischsprachige Publikation. Im Laufe der Zeit wurden immmer mehr Fälle beschrieben und das Broken-Heart-Syndrom rückte weiter in das Bewusstsein. Heute ist es als echte Differentialdiagnose zum klassischen Herzinfarkt zu sehen.

Generell behandeln wir Patienten mit einem Broken-Heart-Syndrom genauso wie Patienten mit einem Myokardinfarkt. Sie bekommen blutverdünnende Mittel und werden per Monitor überwacht. Sie liegen auf der Intensivstation und ihnen werden bei Bedarf kreislaufunterstützende Medikamente wie Adrenalin oder Noradrenalin verabreicht. Einige Ärzte kritisieren jedoch die zusätzliche Vergabe dieser Substanzen, da diese Hormone ja in Verdacht stehen das Broken-Heart-Syndrom auslösen. Alternativ bieten sich Kreislaufunterstützungssysteme an.

MEDICA.de: Müssen die Patienten ähnlich wie bei einem Herzinfarkt mit gesundheitlichen Langzeitfolgen rechnen?

Burgdorf: Das ist eine Frage, mit der ich mich gerade wissenschaftlich sehr intensiv beschäftige. In der Wissenschaft ist die Ansicht verbreitet, dass die Prognose für Broken-Heart Patienten generell gut ist. Das liegt daran, dass sich die Herzleistung der Patienten innerhalb relativ kurzer Zeit normalisiert. Das Herz schlägt wieder kräftig und dementsprechend gut fällt die Prognose aus. Wahrscheinlich ist das aber nur die kardiale Prognose. Denn die Patienten mit Broken-Heart-Syndrom haben vermehrt Begleiterkrankungen. Einige Studien befassen sich mittlerweile damit.

In Lübeck haben wir festgestellt und mehrmals publiziert, dass die Patienten vermehrt an Krebs erkranken. Das bedeutet: Entweder ist in der Vorgeschichte der Patienten schon einmal Krebs ausgebrochen oder sie entwickeln in den nächsten Monaten oder Jahren eine neue Krebserkrankung. Ich habe in Kooperation mit der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim und dem Universitätsklinikum 191 Patienten untersucht. Im Durchschnitt hatten 24 Prozent eine maligne Grunderkrankung. Wenn man diese Zahlen mit denen der Allgemeinbevölkerung vergleicht, sind es doppelt so viele Fälle. Vergleicht man die Daten mit Patienten eines klassischen Herzinfarkts, dann sind die Fälle um das Dreifache erhöht. Wir haben daraufhin folgende Hypothese aufgestellt: Die kardiale Prognose ist sehr wahrscheinlich gut, aber die Gesamtprognose oder die Gesamtsterblichkeit der Patienten ist höher als die der Allgemeinbevölkerung.

Hierzu legen wir gerade ein internationales Register an, indem Daten erfasst und analysiert werden. Das Register wird in den nächsten Wochen fertig gestellt und wir können die ersten Patientendaten aufnehmen. Zunächst geschieht das deutschlandweit und später in internationaler Zusammenarbeit.


Das Interview führte Diana Posth
MEDICA.de

 
 

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