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"Smartphones und Tablet-PCs erobern die Krankenhäuser"

Andreas Lange: "Smartphones und Tablet-PCs erobern die Krankenhäuser"

30.05.2011

Foto: Andreas Lange

Andreas Lange, Vorstandsvorsitzender des bvitg e. V.; © bvitg e. V.

MEDICA.de sprach mit Andreas Lange, dem Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbands Gesundheits-IT e. V., über diese Herausforderung für die vernetzte Medizin der nahen Zukunft. Er spricht für 90 Prozent der Unternehmen des stationären, ambulanten sowie des zahnmedizinischen IT-Marktes.

Immerhin ist der Bundesverband Gesundheits-IT aus dem im April 2011 erfolgten Zusammenschluss des VDAP (Verband Deutscher Arztinformationssystemhersteller und Provider) e. V. mit dem 1996 gegründeten VHitG (Verband der Hersteller von IT-Lösungen für das Gesundheitswesen) e. V. entstanden. Auch der Verband Deutscher Dental-Software Unternehmen (VDDS) e. V. ist dem Bundesverband beigetreten.


MEDICA.de: Welche IT-Trends erwarten Sie im Laufe dieses Jahres in der Medizin-IT?

Andreas Lange: Zurzeit haben wir die drei Haupttrends:

• Mobile Computing
• Sicherheit
• Sektorenübergreifende Vernetzung und die daraus folgenden Produkte zum Beispiel der Aktensysteme.

MEDICA.de: Wo sehen Sie den Fortschritt bei der sektorenübergreifenden Vernetzung?

Lange: Die sektorenübergreifende Vernetzung hilft dabei, den ambulanten und stationären Sektor stärker zu verzahnen. Diese Entwicklung spiegelt sich zum einen in Produkten zur Anbindung von medizinischen Versorgungszentren wider und zum anderen werden die Systeme zum Anlegen von digitalen Akten also der notwendige Dokumentenaustausch zwischen den Institutionen beeinflusst.

MEDICA.de: Ist die Schnittstellen-Problematik bei der sektorenübergreifenden Versorgung gelöst?

Lange: Bereits der VHitG setzte den Standard hinsichtlich des elektronischen Arztbriefes. Dieser eBrief hat sich als alleiniger Standard etabliert, aber im Rollout hängen wir noch nach. Hier gibt es einen Nachholbedarf. Viele Kunden und Anbieter haben auf die Einführung der Telematik-Infrastruktur in Deutschland gewartet. Diese sollte die standardisierten eBriefe sicher transportieren. Geplant war, dass sich Ärzte mit ihrem Ausweis identifizieren und Patienten mit ihrer Versichertenkarte. Da die Telematik-Infrastruktur immer noch nicht ausgebaut ist, haben sich einige Pilotprojekte auf eigene Verfahren gestützt. Kommt die Telematik-Infrastruktur, so wird der Standard des VHitG-Arztbriefs bestehen bleiben. Es wird sich nur der Transportweg ändern.

MEDICA.de: Auch das Mobile Computing verändert die Prozesse…

Lange: Die stationären Geräte bleiben bestehen, mobile Lösungen erweitern die Möglichkeiten bestehender Prozesse. Im Bereich des Mobile Computing gibt es neben dem Patienten natürlich auch die Applikationen für Ärzte und Pflegekräfte. Für den Arzt bieten sich Applikationen (Apps) auf Smartphones an. Er kann darüber erreichbar sein, Laborbefunde einsehen und auch dokumentieren. Es gilt, Apps herzustellen, die dem Arzt das Wichtigste auf den kleinen Geräten so nahe bringen, dass er sich in den Wechselzeiten zwischen Patient, Stationen und Abteilungen passgenau informieren kann. Die mobilen Applikationen werden niemals den Anspruch eines vollumfänglichen Krankenhaus-Informations-Systems haben. Sie werden sich immer gezielt auf die Informationen beschränken, die einen schnellen und einfachen Einsatz möglich machen.

Die Applikationen für Patienten sind Angebote der Leistungserbringer, mehr Service zu bieten. Sie können mit eigenen Apps Imageförderung betreiben. So kann man etwa ein Termin-Dealing organisieren. Leistungserbringer können den Patienten mobil in Ihr Terminmanagement einbeziehen. Dem Patienten stehen erweiterte Informationen über mögliche Therapieformen zur Verfügung. Oder der Patient wird beispielsweise im Vorfeld eines Eingriffs auf seine notwendigen Vorbereitungen hingewiesen. Das ist Service – und Service ist Qualität sowie Marketing. Mobile Computing kann die Einbindung des Patienten in die Therapie verbessern.

MEDICA.de: Zumindest bis vor Kurzem war die Handy-Nutzung in vielen Krankenhäusern unerwünscht bis verboten. Nun sollen Smartphones die Abteilungen erobern?

Lange: Smartphones im Krankenhaus können bereits jetzt über WLAN vernetzt und zum Telefonieren genutzt werden – auch außerhalb des Handy-Netzes. Tatsächlich könnte in manchen Abteilungen wie der Intensivstation oder dem Katheter-Labor die Möglichkeit bestehen, dass das Handy andere Geräte stören könnte. Manche Krankenhäuser haben aber auch auf reinen Pflegestationen die Nutzung von Handys verboten. Dies geschieht weniger aus technischen als aus sozialen Gründen. Die Befürchtung ist: Wenn jeder telefoniert, kann keiner mehr Ruhe finden. Meines Erachtens kann man recht einfach vermitteln, dass Ärzte ihre Handys verwenden dürfen.

MEDICA.de: Sind Apps eine Art Türöffner für die Akzeptanz von Software und ITK bei Ärzten, Pflegern und Patienten?

Lange: Die Entwicklung war diesmal anders herum. Anwender besaßen Smartphones und statteten diese bereits mit Applikationen aus, mit denen sie zum Beispiel in Lexika medizinisches Fachwissen unterwegs nachschauen konnten. Von dieser Klientel kam der Wunsch, mit dem Smartphone auch Daten ihres Krankenhaus-Informations-Systems (KIS) einsehen zu können. Bald gab es also nicht mehr nur die freien Apps für den eher privaten Gebrauch, sondern auch spezifische Apps für die spezifischen KIS. Die Anforderungen kamen von Anwendern und die KIS haben sich entsprechend erweitert. Türöffner war die private Nutzung der Smartphones.

Jahrelang wünschten sich zuvor die Anwender mobile kleine Geräte im Krankenhausalltag, die alles können sollten. Hier war eine Symbiose zwischen Anwender und Hersteller unmöglich. Nun haben sich alle an die Smartphones gewöhnt und verstanden, was mobil sinnvoll ist und wozu ein großer Computer doch besser ist.

MEDICA.de: Wie wird die Entwicklung der Apps weiterlaufen?

Lange: Im vergangenen Jahr wurden viele Apps für die Smartphones vorgestellt. Ich gehe davon aus, dass in diesem Jahr bei der MEDICA vermehrt Apps für Tablet-Computer vorgestellt werden. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Gerade für die Pflege sind Tablet-Computer interessant.

MEDICA.de: Wie sieht es mit der Telemedizin aus?

Lange: Die Telemedizin ist eine Notwendigkeit der Zukunft. Die medizinisch unterversorgten Regionen haben immer öfter das Problem, dass sie zunehmend nicht mehr jede ärztliche Leistung in der vollen Qualität wohnortnah sicherstellen können. Das telemedizinische Konsil ist eine sehr gute Maßnahme, dem entgegenzuwirken. Ein nicht so spezialisierter Arzt behandelt den Patienten und holt sich den telemedizinischen Rat des Spezialisten. Dies wird in einigen Bundesländern, in denen man bereits jetzt nicht mehr von einer flächendeckenden wohnortnahen Facharztversorgung sprechen kann, zur Notwendigkeit. Bund und Länder überlegen, dies zu unterstützen. Allerdings dauern diese Überlegungen ähnlich wie bei der Telematik-Infrastruktur bereits längere Zeit. Die Einführung der Telemedizin bleibt zwar notwendig, aber die Frage ist offen, wann es richtig losgeht.

MEDICA.de: Immer wieder wird nicht nur in diesem Zusammenhang die Patientensicherheit diskutiert…

Lange: Auch das Thema Sicherheit hat unterschiedliche Ausprägungen. Zum einen ist hier das Medizinproduktegesetz (MPG) wichtig. Eine große Rolle spielen jedoch auch der Datenschutz und die Datenverfügbarkeit. Die Bedeutung der Datenverfügbarkeit wächst mit der zunehmenden Verdrängung von Papier als Datenträger. Auch eine lückenlose Datenverfügbarkeit ist für die Datensicherheit wichtig. Das Cloud Computing ist dabei eine Möglichkeit, Daten zu managen, und Datensicherheit sowie -verfügbarkeit sicherzustellen. So stark betroffen davon die IT-Spezialisten sein mögen - der Anwender merkt davon nichts. Ausschließlich die Backend-Geräte verändern sich. In der Medizin wird es durch Cloud Computing keinerlei Veränderung geben.

MEDICA.de: Inwiefern spielt das MPG eine Rolle?

Lange: Eine medizinische Software gilt auch ohne Beziehung zum Gerät als Medizinprodukt, wenn der Arzt damit dokumentiert und Entscheidungen fällt, die dann nicht mehr auf Papier stattfinden. Das gilt zum Beispiel für ein System, das Vorschläge macht, welches Präparat bei einer Indikation das Beste wäre. Oder der Arzt wählt ein Arzneimittel und das System macht ihm Vorschläge, welches Präparat besser wäre. Der Arzt trifft am Ende immer noch selbst die Therapieentscheidung. Aber das System spricht Empfehlungen aus. Möglicherweise transportiert jemand diese Empfehlung zur Pflege, wo die Darreichung gemacht wird. Es muss allerdings sichergestellt werden, dass die Darreichung korrekt ist. Es gibt zu diesem Zeitpunkt kein Papier mehr. Ein anderes Beispiel ist der digitale Transport von Labordaten auf die Station. Dann gilt die Maske auf der Station als medizinisches Produkt. Die Anerkennung der Software als Medizinprodukt erhöht die Qualitätsanforderungen an die Produkte, aber natürlich auch den Wartungsaufwand für Hersteller und Klinik.

MEDICA.de: Steht Patientenschutz im Widerspruch zum Datenschutz?

Lange: Sie können den Datenschutz so eng fassen, dass Sie am Ende den Patientenschutz gefährden. Ärzte und Pflegekräfte könnten dann die Daten eines Patienten selbst im Notfall nicht mehr einsehen, bloß weil sie in diesem Moment noch nicht autorisiert sind oder sogar nicht autorisiert werden dürfen. In den Kliniken sind aber mittlerweile Stationen üblich, die in unterschiedliche Fachabteilungen gegliedert sind. Wären ursprünglich geplante Regelungen zum Datenschutz umgesetzt worden, so hätte der Oberarzt keine Visite in allen seinen Fachabteilungen machen können. Er hätte gesondert autorisiert werden müssen und in dem Moment, in dem er spontan hätte eingreifen müssen, die notwendigen Patientendaten nicht sehen können. Wird der Datenschutz zu eng verstanden, so sieht der Arzt nur die Daten der aktuellen Behandlung und nicht jene der Vorbehandlungen, die manchmal wichtig sind. Ärzte wären vollständig auf die Anamnese angewiesen. Der Patient sollte selbst entscheiden können, welche Daten der Arzt einsehen kann, auch wenn dieser möglicherweise von der falschen Fachabteilung kommt. Diese Diskussion um einen sinnvollen Datenschutz wird uns noch lange beschäftigen.

Zur Person:

Andreas Lange - Vorsitzender des Vorstands

Der diplomierte Informatiker (Jahrgang 1964) studierte in Dortmund und Leeds und war Vorstandsmitglied der Cymed AG. Mit Übergang des Unternehmens an Tieto wurde Andreas Lange zunächst Mitglied des deutschen Healthcare-Managements und ist heute Vice President General Manager Healthcare Central Europe bei Tieto Deutschland/Healthcare Central Europe.

In seiner Funktion als Vorsitzender des Vorstands beim bvitg ist Andreas Lange u.a. als Experte für die elektronische Gesundheitskarte (eGK) im gematik-Beirat tätig. Er ist verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter. In seiner Freizeit ist Andreas Lange begeisterter Skifahrer und Golfspieler.

Herr Lange ist seit März 2005 Mitglied des Vorstands des bvitg (damals noch VHitG).

Das Interview führte Dr. Lutz Retzlaff, freier Medizinjournalist.
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