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„Wir hoffen, dass sie bald in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen wird“

Renale Nervenablation: „Wir hoffen, dass sie bald in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen wird“

08.08.2011

Foto: Oliver Vonend

Doktor Oliver Vonend; © Uniklinik Düsseldorf

Patienten, die trotz medikamentöser Therapie unter Hypertonie leiden, können laut einer Studie – die unter Beteilung der Klinik für Nephrologie und des Instituts für Radiologie der Uniklinik Düsseldorf durchgeführt wurde –von einer renalen Nervenablation, einer katheterbasierten Verödung von Nierennerven, profitieren.

MEDICA.de sprach mit Doktor Oliver Vonend von der Klinik für Nephrologie Uniklinik Düsseldorf über das neue Verfahren, die Erwartungen der Patienten und seinen Hoffnungen für die Zukunft des Verfahrens.


MEDICA.de: Herr Doktor Vonend, warum kann durch eine Nierenerkrankung eine Hypertonie entstehen?

Oliver Vonend: Das liegt daran, dass die Nieren ein Messorgan für unseren Blutdruck sind. Stellen die Nieren fest, dass der Blutdruck nicht so ist, wie er sein sollte, dann können sie ihn justieren. Dabei spielen besonders die Nierennerven eine wichtige Rolle, die von den Nieren in den Kopf ziehen.

MEDICA.de: Ihre Klinik hat eine Studie begleitet, die zeigt: Eine katheterbasierte Verödung von Nierennerven kann eine Senkung des Blutdrucks bei Patienten bewirken, bei denen eine medikamentöse Behandlung zuvor nicht gewirkt hat. Welcher Mechanismus beziehungsweise welche Idee steckt dahinter?

Vonend: Der Idee liegt im Grunde das Wissen um das sympathische Nervensystem zugrunde. Das ist das System, welches man in früheren Zeiten benötigte, wenn zum Beispiel ein Löwe auf einen zukam. Da musste man sehr schnell seine fünf Sinne beieinanderhaben. Das heißt, der Blutdruck und der Puls mussten hochschnellen, damit man fluchtartig vor dem Löwen weglaufen konnte. Das ist sozusagen die Ursprungsfunktion des sympathischen Nervensystems. Wir erkennen seine Funktion auch heute noch, zum Beispiel wenn man mit dem Auto abbiegen möchte und erst im letzten Augenblick den Radfahrer bemerkt, den man fast überfahren hätte. Das ist ein Schreckgefühl, das einen so richtig durchschießt. Aber da wir dieses System heute kaum noch brauchen, kann es für unseren Körper manchmal zu viel sein. Wir können das auch nicht so in dem Maße abbauen, wie Menschen das in früheren Zeiten konnten – und das kann den Blutdruck beeinflussen.

Man kann natürlich versuchen, das sympathische Nervensystem medikamentös zu regulieren – zu nennen sind hier beispielsweise Betablocker, die relativ vielen Menschen verschrieben werden, um es in seiner Aktivität zu hemmen. Aber zurück zur Niere: Auch aus ihr entspringen sympathische Nervenfasern, weshalb man auf die Idee kam, diese operativ zu durchtrennen. Die ersten derartigen Behandlungsversuche fanden bereits vor mehreren Jahrzehnten statt, wobei man damals noch offen chirurgisch vorging. Neu an unserer Behandlung ist, dass wir nur mit einem kleinen Katheter arbeiten, um die Nierennerven zu durchtrennen. Das geht ohne einen größeren Schnitt, sodass man sagen kann, dass sich die technischen Bedingungen geändert haben und deshalb neue Möglichkeiten geschaffen wurden.

MEDICA.de: Wie läuft der Eingriff ab?

Vonend: Das ist am Besten mit einer Herzkatheteruntersuchung zu vergleichen. Es gibt meist ein Nierengefäß für jede Niere. Um dieses herum befinden sich die Nierennerven, die man veröden möchte. Um an die entsprechende Stelle zu gelangen, sticht man in der Leiste in die Beinschlagader und schiebt einen kleinen Draht unter Durchleuchtung hoch. Um zur Niere zu gelangen, biegt man auf Bauchnabelhöhe um 90 Grad in die Nierenarterie ab, in die sogenannte Nierenschlagader. Wurde der Draht platziert, kann man über den Draht einen speziellen Katheter zur Niere vorschieben. An der Spitze des Katheters befindet sich ein Hitzeelement, mit dem man Punkt für Punkt eine Verödung der Gefäßwand und der darin liegenden Nierennerven durchführen kann. Pro Seite setzt man ungefähr vier- bis fünfmal an, um eine Durchtrennung zu erreichen.

MEDICA.de: Der Eingriff wird also immer an beiden Seiten gleichzeitig durchgeführt?

Vonend: Generell versuchen wir immer, beide Seiten zu veröden. Ausnahmen gibt es selten, etwa wenn man bei einem Patienten aufgrund einer anatomischen Besonderheit den Katheter nicht bis zur Niere vorschieben kann, oder wenn ein größeres Kalkplaque den Zugang behindert.

MEDICA.de: Sind die Nierennerven nach der OP für immer unterbrochen oder können sie sich unter Umständen regenerieren?

Vonend: Das ist eine gute Frage, denn man weiß es nicht genau. Es gibt Nerven, die vom Rückenmark in die Peripherie, zum Beispiel in die Arme ziehen. Wird solch ein Nerv geschädigt, durch einen Unfall beispielsweise, kann er durchaus wieder einspriessen. Bei den Nierennerven, die von der Niere Richtung Kopf ziehen, ist dies anders. Hier ist man sich ziemlich sicher, dass die Nerven sich nicht mehr regenerieren können.

 
 
Foto: Nahaufname einer Hand mit Zugang für Tropf und Tropf

Die Patienten erhalten beglei- tend zur Behandlung Schmerz- mittel über einen Tropf; © panthermedia.net/Jeanette Atherton

MEDICA.de: Wie erleben die Patienten den Eingriff?

Vonend: Ohne Schmerzmittel würde sich der Eingriff in etwa so wie einen Besuch beim Zahnarzt anfühlen – wenn auf den Nerv gebohrt wird. Sie verspüren in dem Moment der Verödung Schmerzen. Deshalb bekommen sie Schmerzmittel während der Behandlung. Aber sobald der Eingriff abgeschlossen ist, ist dies nicht mehr notwendig, sie spüren keine Schmerzen mehr.

MEDICA.de: Gibt es Nebenwirkungen, mit denen man rechnen muss?

Vonend: Bis jetzt kennen wir keine. Es gibt noch keine Langzeiterfahrungen. Wir wissen jedoch nicht, ob sich Nebenwirkungen nach drei, vier oder fünf Jahren bei den Patienten einstellen. Aber wir können auf Patienten zurückblicken, die vor zwei Jahren behandelt wurden – und bei denen haben wir keine Nebenwirkungen feststellen können. So hat man insbesondere überprüft, ob das Gefäß nach der Behandlung und der Zeit vielleicht verändert ist oder ob es eine Engstelle im Gefäß gibt. Aber wir haben nichts gefunden, alles war gut.

MEDICA.de: Kommen die Patienten regelmäßig zur Nachkontrolle?

Vonend: Die Patienten kommen sehr regelmäßig: das erste Mal nach einem Monat, dann nach drei Monaten, dann nach sechs Monaten. Wir prüfen in den Nachuntersuchungen vor allem den Blutdruck, aber auch die Nierendurchblutung. Deshalb ist es auch wichtig, dass der Eingriff und die Nachsorge in spezialisierten Zentren durchgeführt werden, um die Patienten optimal zu betreuen.

MEDICA.de: Musste ein Patient auch mal nachbehandelt werden?

Vonend: Nein, das kam bislang nicht vor. Allerdings kommt es durchaus vor – ich schätze mal bei circa 20 Prozent der von uns insgesamt 45 behandelten Patienten –, dass die Methode nicht den gewünschten Erfolg bringt. Gründe für das Versagen der Therapie bei einzelnen Patienten konnten bislang noch nicht identifiziert werden. Auf jeden Fall ist es wichtig vor dem Eingriff nach behandelbaren Ursachen für den Bluthochdruck wie Nierenschwäche, schlafbezogene Atemstörungen oder hormonelle Ursachen zu suchen. Liegt solch eine Störung zugrunde, sollte diese gezielt behandelt werden.

MEDICA.de: Wenn der Eingriff ein Erfolg war: Müssen die Patienten dann trotzdem weiterhin blutdrucksenkende Mittel nehmen?

Vonend: Das ist eine ganz wichtiger Punkt und ich bin froh, dass Sie dies angesprochen haben, denn viele Patienten denken tatsächlich, es handele sich bei dem Eingriff um eine Alternative zur medikamentösen Behandlung. Das ist leider nicht so. Denn die Patienten haben trotz Medikamente einen zu hohen Blutdruck! Das heißt, wir wollen sie mit dem Eingriff zunächst erstmal in einen Korridor bringen, in dem der Blutdruck unter der Einnahme von Medikamenten einigermaßen normal ist und nicht mehr exorbitant hoch bei Werten zwischen 160 bis 170 Millimeter Quecksilbersäule systolisch liegt. Würde man die Blutdrucktabletten weglassen, wären die Patienten wiederum außerhalb des Korridors und hätten zu hohe Blutdruckwerte.

MEDICA.de: Sind für die Zukunft noch weitere Studien geplant?

Vonend: Ich hoffe es. Denn momentan können wir den Eingriff zwar erfolgreich durchführen, aber die gesetzlichen und privaten Krankenkassen bezahlen es nicht. Das heißt, die Kosten sind – allein der Einmal-Katheter schlägt mit circa 4000 Euro zu Buche – von der Klinik oder dem Patienten zu tragen. Innerhalb einer Studie hätten die Patienten den Vorteil, dass der Sponsor der Studie einen Teil der Kosten übernehmen würde. Wir hoffen, dass die renale Nervenablation bald in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen wird.

MEDICA.de: Gibt es Ausschlusskriterien für bestimmte Patienten?

Vonend: Das kann man nur individuell vom Patienten abhängig machen. Einen rüstigen 76-jährigen kann man durchaus behandeln, wenn keine allzu schwerwiegenden Begleiterkrankungen vorliegen. Immer vorausgesetzt, die Nierengefäße sind nicht stark verändert. Man möchte vermeiden, mit dem Katheter mehr Schaden anzurichten, als dass er nützt. Weitere Gründe, die Nierennervverödung zunächst nicht durchzuführen, sind bereits genannt Verdachtsmomente für sekundäre Hypertonieursachen. Liegt eine Nebennierenstörung vor, die zu einer verstärkten Aufnahme von Wasser und Salz führt, entwickelt man einen zu hohen Blutdruck. Dann würde es sich nicht empfehlen eine Nervenverödung durchzuführen. Man sollte sich zunächst um die Beseitigung des zugrunde liegenden Problems bemühen.

Das Interview führte Simone Ernst.
MEDICA.de