Hauptinhalt dieser Seite

Sprungmarken zu den verschiedenen Informationsbereichen der Seite:

Sie befinden sich hier: MEDICA-Portal. MEDICA Magazin. Interviews. Interviews zu Innovationen.

„Der Eingriff ist minimaltraumatisch“

Roboter-Assistenz: „Der Eingriff ist minimaltraumatisch“

22.07.2011

Foto: Prof. Axel Heidenreich

Professor Axel Heidenreich;
© RWTH Aachen

Die Methode des da Vinci-Verfahren revolutioniert die Arbeit im Operationssaal. Seit einigen Monaten arbeiten die Chirurgen am Universitätsklinikum der RWTH Aachen mit diesem Verfahren. Dabei steht der Chirurg nicht länger neben dem Patienten, sondern arbeitet an einer Konsole, von der aus er die Instrumente im Patienten bewegt.

Professor Axel Heidenreich ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie am Universitätsklinikum der RWTH Aachen und Direktoriumsmitglied am EURO Prostatazentrum Aachen. Mit MEDICA.de sprach er über die Chancen, die der Einsatz des da Vinci-Verfahrens für Ärzte und Patienten eröffnet.


MEDICA.de: Sie arbeiten seit kurzer Zeit mit einem neuen, minimalinvasiven Operationsverfahren, dem sogenannten da Vinci-Verfahren. Warum haben Sie es in die chirurgische Praxis integriert?

Axel Heidenreich: Wir verwenden das da Vinci-Verfahren momentan für die radikale Prostatektomie, also die operative Entfernung der Prostata bei einem Prostatakarzinom. Es gibt drei Aspekte, die eine Einführung sinnvoll machen. Einmal ist es wesentlich weniger traumatisch als die bisherigen operativen Techniken. Zum anderen bietet es die Möglichkeit, bestimmte Strukturen zielgerichteter und schonender anzugehen.

Das da Vinci-Verfahren ermöglicht eine bis zu zehnfache Vergrößerung wichtiger zu erhaltender Gefäß- und Nervenstrukturen interoperativ. Zum Dritten verläuft der postoperative frühe Regenerationsprozess der Patienten rascher, als wir das mit den bisherigen operativen Techniken erkennen. Im langfristigen Verlauf ergeben sich keine signifikanten Differenzen zwischen den beiden Methoden in Bezug auf onkologische, funktionelle und regenerative Prozesse.

MEDICA.de: Welcher Technik bedient sich dieses Roboter-assistierte Verfahren?

Heidenreich: Es ist eine dreidimensionale Darstellung des operativen Situs. Das da Vinci-System umfasst drei Bestandteile: Den ersten Teil stellt die sogenannte Konsole dar, an der der Operateur arbeitet. Der zweite Teil besteht aus dem Roboter, über den die Arme und die Instrumente bewegt werden und den dritten Part übernimmt die Bildschirmmatrix, auf der der Chirurg und die Mitarbeiter sehen, wie die Operation vollzogen wird.

Das gesamte System arbeitet über eine Computersoftware, die über ein Kamerasystem mit Infrarotschnittstellen das Bild, das man im operativen Situs sieht, dreidimensional auf die Konsole des Operateurs überträgt. Außerdem kann der Operateur an der Konsole die Instrumente mit Handgriffen im Inneren des Patienten bewegen.

MEDICA.de: Wie genau gestaltet sich die Arbeit des Chirurgen mit dem da Vinci-Verfahren?

Heidenreich: Der Chirurg steht nicht mehr neben dem Patienten, so wie man es von herkömmlichen Operationen kennt, sondern er sitzt an einer Konsole und somit entfernt vom Patienten. Diese Konsole befindet sich aber immer noch im Operationssaal. Theoretisch könnte die Konsole allerdings auch in einem Büro stehen und von dort aus könnte der Patient operiert werden, der im Operationssaal ist. Das wäre technisch alles umzusetzen.

Allerdings ist die Kommunikation zwischen Chef-Operateur und den assistierenden Operateuren im Operationssaal sehr wichtig. Bei dem da Vinci-Verfahren Verfahren steht der Operateur also nicht mehr steril am Tisch, sondern sitzt mehr oder weniger bequem an dieser Konsole und kann von dort aus operieren.

 
 
Foto: Der Chirurg arbeitet während der Operation an der Kons

Der Chirurg steht während der Operation nicht mehr neben dem Patienten, sondern er sitzt an einer Konsole ; © Axel Heidenreich, RWTH Aachen

MEDICA.de: Wie kann man sich die Operation praktisch vorstellen?

Heidenreich: Ich sitze an der Konsole und verfüge über kleine Handgriffe, die ich über Bautenzüge bewege. Über die Computersoftware werden die Bewegungen, die ich auf dem Bildschirm eingebe und auf dem ich das dreidimensionale Bild des Patienten sehe, übertragen und im Körper des Patienten exakt gleich ausgeführt.

Wie bei einem Mikroskop schaut man durch ein Okular, allerdings hat man bei diesem Verfahren einen großen dreidimensionalen Bildschirm vor sich. Dieses dreidimensionale Bild veranschaulicht die Instrumente, die man während des operativen Vorgangs benutzt, den entsprechenden operativen Situs und man kann über die Konsole die Instrumente und die Kamera im Situs des Patienten bewegen. Mit der Kamera lässt sich das Bild, je nach Bedarf, vergrößern oder verkleinern. Dabei liegt der Patient im Operationssaal circa fünf Meter von der Konsole entfernt.

Während der Operation assistieren ein zusätzlicher Operateur und eine OP-Schwester, die bestimmte Instrumente bewegen müssen, um dem Chef-Operateur zu helfen. Um nachzuvollziehen wie der Chirurg arbeitet, können beide Assistenten auf mehreren Bildschirmen die Operation zweidimensional verfolgen.

MEDICA.de: Welche Erfahrungen konnten Sie bereits sammeln?

Heidenreich: Wir wenden das da Vinci-Verfahren bereits ein Vierteljahr an und haben damit eine große Zahl von radikalen Prostatektomien und von Niereneingriffen durchgeführt. Dabei haben wir gesehen, dass dieser Eingriff minimaltraumatisch ist und sich die Patienten deutlich rascher erholen als von operativen Verfahren, wie sie bisher bekannt sind.

MEDICA.de: Haben Sie Nachteile entdecken können?

Heidenreich: Ein großer Nachteil ist der Preis des Systems, denn es kostet circa zwei Millionen Euro. Das ist eine Anschaffung, die im Laufe der Zeit wieder amortisiert werden muss. Zudem braucht das Einführen des da Vinci-Verfahren in operative Abläufe am Anfang Zeit. Die Operationen dauern länger als jene, die man als geübter Operateur mit den herkömmlichen Techniken kennt. Ein Nachteil ist somit, dass man sich in eine neue Form der operativen Technik einarbeiten muss.

MEDICA.de: Bei welcher Art von Operationen wird dieses Verfahren bisher eingesetzt?

Heidenreich: Wir setzen es vor allem bei der radikalen Prostatektomie ein sowie bei rekonstruktiven Eingriffen an Niere- und Harnleiter. Zusätzlich wird es für das organerhaltende Verfahren der Tumorenukleation bei Nierentumoren eingesetzt.

MEDICA.de: Gibt es noch andere Möglichkeiten, bei denen das da Vinci-Verfahren eingesetzt werden kann?

Heidenreich: Im Prinzip kann man es bei radikalen Zystektomien einsetzen, also operativen Eingriffen, bei denen man die Harnblase aufgrund eines Karzinomwachstumes entfernt und Ersatzblasen rekonstruieren muss. Da gibt es momentan unterschiedliche Erfahrungen. Wir setzen es deshalb noch nicht ein, weil es unklar ist, ob die sogenannten onkologischen Ergebnisse mit dem da Vinci-Verfahren genauso gut sind, wie mit den offenen operativen Verfahren. Außerdem ist die Operationszeit bei der Zystektomie mit dem da Vinci-Verfahren mindestens doppelt so lang wie bei den offenen operativen Verfahren.

MEDICA.de: Warum ist dieses Verfahren für diese Operationen so wichtig geworden, dass Sie es eingeführt haben?

Heidenreich: Im Wesentlichen betrifft es das minimale Operationstrauma. Es ist die schonende Operationstechnik, in Bezug auf nervenschonende Eingriffe. Außerdem sprechen der geringe Blutverlust und die geringere Gefahr von möglichen Infektionen für dieses Verfahren, weil man sozusagen in einem geschlossenen System arbeitet.

MEDICA.de: Gibt es weitere medizinischen Bereiche, die mit dieser Operationsmethode arbeiten?

Heidenreich: In unserem Klinikum setzten wir dieses System bei bestimmten onkologisch-gynäkologischen Operationen ein. Außerdem fangen wir an, das da Vinci-Verfahren bei bestimmten leberchirurgischen Eingriffen anzusetzen. Weltweit wird es im Wesentlichen für die urologischen Eingriffe verwendet.

 
 
Foto: Ein Assistent hilft während der Operation

Während der Operation assistieren ein zusätzlicher Operateur und eine OP-Schwester, die bestimmte Instrumente bewegen müssen, um dem Chef-Operateur zu helfen; © Axel Heidenreich, RWTH Aachen

MEDICA.de: Welche Möglichkeiten bietet das da Vinci-Verfahren in der Zukunft? Sowohl aus technischer Sicht als auch in seiner internationalen Verbreitung?

Heidenreich: Technisch gesehen gibt es ein paar interessante, neue Entwicklungen, die wir in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule in Aachen zu verwirklichen versuchen. Zum Beispiel gibt es die Möglichkeit, durch bestimmte radiologische Verfahren, also Kernspintomografien, die Tumore, die innerhalb der Prostata oder innerhalb der Niere liegen, farblich hervorzuheben. Über ein bestimmtes Computerverfahren kann dieses MRT-Bild in den Bildschirm, auf dem ich die Operation durchführe, integriert werden, sodass es sich mit der Prostata überlagert und man bei der Operation genau sehen würde, wo sich kritische Regionen befinden und wo der Tumor in einer bestimmten Größe liegt. Auf diese Weise könnten große Tumore noch genauer operiert werden.

Man versucht verfeinerte Instrumente und Techniken für größere Verfahren zu entwickeln, damit größere und schwierige Operationen deutlich einfacher durchzuführen sind. Außerdem versucht man, dieses da Vinci-Verfahren im Rahmen der Kinderurologie einzusetzen.

MEDICA.de: Wie weit ist diese Technik bereits international bekannt?

Heidenreich: International ist das Verfahren deutlich weiter verbreitet als in Deutschland. Hier werden momentan schätzungsweise 25 Systeme angewendet. In anderen Ländern, zum Beispiel in Belgien, einem Land mit wesentlich geringerer Bevölkerungszahl, gibt es ungefähr 40 da Vinci-Systeme. Ähnliches gilt für die Niederlande. Die Vorreiterrolle übernehmen die USA, die über 400 Systeme verfügen.

MEDICA.de: Warum hat es in Deutschland länger gedauert, bis wir ebenfalls das da Vinci-Verfahren eingeführt haben?

Heidenreich: In den USA wurde das System viel bewusster als technische Innovation angepriesen, ohne dass große Erfahrungen vorlagen. Durch den Konkurrenzdruck waren die Kliniken so gezwungen, dieses Equipment zu kaufen. In Deutschland verhielt man sich etwas zurückhaltender und prüfte genau, ob diese Methode einen Vorteil gegenüber herkömmlichen Verfahren erzielt.

MEDICA.de: Und jetzt, wo dieser Vorteil zu sehen ist, ziehen wir nach?

Heidenreich: Ja. Wir versuchen zum Beispiel, in Zusammenarbeit mit anderen Universitätskliniken, diese Systeme anzuschaffen und schließen uns untereinander zusammen. Die Ergebnisse, die wir jetzt mit dem Robotersystem erzielen, werden in einer sogenannten prospektiven Datenbank gesammelt. Nach einer gewissen Zeit wollen wir exakt analysieren, ob das System tatsächlich viele Vorteile bringt und wenn ja, welche Vorteile das sind und wo vielleicht Nachteile bestehen. Bis jetzt ist das noch nicht gründlich untersucht worden. Das gehört aber auch zu unseren Zielsetzungen.


Das Interview führte Simone Nefiodow
MEDICA.de

 
 

Mehr Informationen

Noch mehr Interviews!

Foto: Mikrofon

© panthermedia.net/Andrei Shumskiy

 
© Messe Düsseldorf gedruckt von www.MEDICA.de