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„Die verschiedenen Länder haben bislang ganz unterschiedlich auf die psychosozialen Bedürfnisse von Migranten reagiert“

„Die verschiedenen Länder haben bislang ganz unterschiedlich auf die psychosozialen Bedürfnisse von Migranten reagiert“

Foto: Lächelnde Frau mit dunklen Haaren

MEDICA.de fragte nach bei Doktor Yesim Erim vom LVR-Klinikum Essen/Institut der Universität Duisburg-Essen, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, was Kultur für unsere Gefühle bedeuten kann, was für Studien zum Thema durchgeführt wurden und welche Behandlungsangebote es für Migranten gibt.

MEDICA.de: Frau Doktor Erim, wie sehr steuert die Kultur unsere Gefühle?

Yesim Erim: Das ist eine schwierige Frage. Es ist zum Beispiel so, dass eine Trennung- oder Scheidungssituation im türkischen Kulturmilieu als sehr belastend erlebt werden kann – und auch zu Depressionen oder posttraumatischen Belastungen führen kann. Während eine Trennung in einem anderen Kulturkreis als etwas, zwar Belastendes, aber Gewöhnliches angesehen werden kann. Das ist tatsächlich ein gutes Beispiel aus unserer Forschung.

Wir haben zum Beispiel ein besonderes Angebot für Migranten aus der Türkei und in dieser Gruppe haben wir untersucht, welche Lebensereignisse diese Migranten als sehr belastend erleben. Das Ergebnis war, dass Trennungen beziehungsweise Scheidungen als extrem belastend erlebt werden. Zumeist ging es um eheliche Beziehungen, da es in diesem Milieu nicht die Tradition gibt, dass man vor der Ehe zusammenlebt oder dass man nicht-eheliche Lebensgemeinschaften hat. Es sind aber vor allem Frauen, die das Auseinanderbrechen einer solchen Beziehung als sehr belastend erleben. Das kann man sicherlich auch gut nachvollziehen, denn in dieser türkischen Gruppe waren viele Menschen, die erst nach einer Heirat und Eheschließung nach Deutschland gekommen sind. Hier spielt also die Kultur eine große Rolle, aber gleichzeitig auch die Migrationssituation.

MEDICA.de: Nicht nur die Sprache ist für eine psychologische Betreuung ein Hemmnis, sondern auch das Erleben von Migration: Gibt es Projekte, im In- und Ausland, um Menschen mit verschiedenen Kulturkreisen besser versorgen zu können?

Erim: Natürlich, die gibt es. Die verschiedenen Länder haben jedoch bislang ganz unterschiedlich auf die psychosozialen Bedürfnisse von Migranten reagiert. Nehmen wir zum Beispiel die USA: Dort spricht man ja nicht mehr nur über die Migration, denn es gibt viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, die dort schon länger zusammenleben. Die grösste Gruppe besteht aus afrikanisch-amerikanischen Menschen. Diese Gruppe wurde in den letzten 30 Jahren erforscht und man stellte fest, dass sie nicht nur kulturelle Unterschiede aufweisen, sondern auch soziale und schichtspezifische Benachteiligungen haben. Aus diesem Grund wurden sogenannte Diversity-Programme etabliert, die versuchen, Menschen aus unterschiedlichen Ethnien, in alle Bereiche des sozialen Lebens einzubinden, eben auch in die psychosoziale Versorgung.

Es wurden darüber hinaus sogenannte Empowerment-Progamme entwickelt. Die Vorstellung ist hier, dass diese Gruppe durch die ethnischen und schichtspezifischen Besonderheiten an psychischer Kraft verloren hat. Und es konnte auch nachgewiesen werden, dass in der Gruppe der Afroamerikaner, zum Beispiel die Kriminalität Drogenmissbrauch und Suizidalität im Vergleich zu anderen ethnischen Gruppen deutlich höher ausgeprägt ist, wobei gleichzeitig die Bildung gering ausgeprägt ist. Dadurch ist das Einkommen dieser Menschen geringer und es ergeben sich größere Konfliktpotenziale. Man hat deshalb an Programmen gearbeitet, um diesen Gruppen als Präventionsmaßnahme bestimmte Schulungen anbieten zu können, um etwa Ängste zu nehmen oder um sie sozial wieder mehr in die Verantwortung zu nehmen.

MEDICA.de: Die Therapeuten wurden also entsprechend ausgebildet, um auf spezielle kulturelle Besonderheiten eingehen zu können?

Erim: Richtig, die Therapeuten erhielten eine spezielle Ausbildung. Es gibt auch Leitlinien für Psychotherapeuten, an denen man sich orientieren kann, wenn man mit bestimmten Gruppen arbeitet. Bei den Afroamerikanern sagt man zum Beispiel, dass die Familie sehr viel Kraft hat – man muss diese Kraft aber noch einmal zum Leben erwecken.

 
 


 
 

MEDICA.de: Sind diese Leitlinien auch für Deutschland definiert?

Erim: In Deutschland wurde für die türkischsprachige Gruppierung eine Leitlinie geschrieben und veröffentlicht. Diese Essener Leitlinie für interkulturelle Psychotherapie empfiehlt dem Psychotherapeuten sich mit der eigenen Biografie, mit den eigenen Einstellungen, mit den eigenen Wertvorstellungen auseinanderzusetzen. Das ist generell etwas ganz Wichtiges in der Ausbildung zum Psychotherapeuten. Man nennt das Selbsterfahrung. Egal, welche Ausbildung man macht, muss man eine Selbsterfahrung vorlegen, damit man im Kontakt mit den Patienten die eigenen Urteile und Vorurteile wahrnehmen kann. Und eine ganz wichtige Forderung ist, dass diese allgemeine Selbsterfahrung in der interkulturellen psychotherapeutischen Beziehung nicht ausreicht. Denn ein Therapeut muss sich mit seinen Vorannahmen und Vorurteilen gegenüber einer ethnischen Gruppe vertieft auseinandersetzten, wenn er einen Patienten aus dieser Gruppe behandelt.

MEDICA.de: Die Migration stellt für viele Menschen eine psychische Belastung dar: In welchen Ländern wurden hauptsächlich Studien durchgeführt und warum gibt es kaum entsprechende Studie aus Deutschland?

Erim: Es gibt in der Tat keine bevölkerungsrepräsentativen Studien in Deutschland. Das heißt, es gibt zwar Studien, wie wir sie auch durchgeführt haben, in denen kleinere Stichproben untersucht werden. Aber die meisten Studien untersuchen zum Beispiel Menschen, die schon Probleme haben. Das nennen wir eine Inanspruchnahme-Stichprobe, also eine Stichprobe, die schon mit Problemen im System aufgetaucht ist, etwa im Krankenhaus oder in einer Ambulanz. Eigentlich müsste man, um eine bessere Aussagefähigkeit zu erreichen, auch Stichproben von Menschen untersuchen, die wirklich alles abbilden, was es in Deutschland gibt: Alter, Geschlecht, Migrationserfahrung. Dass es solche Studien noch nicht gibt, hat sicher viele Gründe. Man hat im Grunde auch im politischen Bereich erst relativ spät anerkannt, dass Migration ein wichtiges Phänomen ist. Sie kennen das sicherlich aus politischen Debatten: Ist Deutschland ein Einwanderungsland? Das ist eine sehr späte Bekenntnis der Politik.

Im Moment gibt es deshalb nur einige wenige Studien. Aber es gibt zum Beispiel Re-Analysen von Daten, die man schon erhoben hat. Etwa von großen bevölkerungsrepräsentativen Studien, die man vor fünf oder zehn Jahren durchgeführt hat. Da rechnet man dann noch mal nach, wie die Migranten damals abgeschnitten haben. Eine wichtige Frage ist zum Beispiel: Sind Migranten häufiger krank, oder haben sie höhere Ausprägungen von psychischen Beschwerden?

Diese Fragen bleiben, wenn wir uns alle Studien anschauen, eigentlich offen, weil die Studien zumeist nicht auf Migranten zugeschnitten sind und nicht prospektiv durchgeführt worden sind. Man analysiert also im Nachhinein, wie es zum Beispiel den Migranten geht – und durch diese Herangehensweise gibt es immer Verzerrungen. Wenn ich zum Beispiel nach der Staatsangehörigkeit gehe, dann muss ich damit rechnen, dass Migranten, die über bessere Ressourcen verfügen, schon die Staatsangehörigkeit angenommen haben. Das heißt, diese spezielle Gruppe erfasse ich in der Studie nicht. Es gibt deshalb auch eine Debatte darüber, wer überhaupt als Migrant zählt. Derzeit gibt es ein Übereinkommen darüber, dass man sagt: Migranten sind Menschen, die entweder im Ausland geboren sind oder deren Eltern im Ausland geboren wurden. Und so vergrößert sich die Gruppe natürlich.

MEDICA.de: Die WHO hat eine Studie in 14 Ländern durchgeführt, die nachwies, dass bestimmten Kulturkreisen spezifische Symptombilder zuzuordnen sind1. Können Sie die Ergebnisse dieser Studie kurz zusammenfassen?

Erim: In dieser Studie ging es um sogenannte somatoforme oder funktionelle Symptome. Darunter fallen Beschwerden, die körperlicher Art sind, die aber keinen körperlichen Ursprung haben. Das heißt, Personen haben zum Beispiel Magenbeschwerden, obwohl dem Organ nichts fehlt. Trotzdem nehmen sie Beschwerden im Magenbereich wahr. In diesem Fall sagt man, dass psychische Beschwerden als körperlich wahrgenommen werden. Das ist ein universelles Phänomen, das in allen Kulturen vorkommt. Die Studie der WHO hat das bestätigt, dabei aber auch Unterschiede festgestellt. So kommen in Indien zum Beispiel häufiger „Brenngefühle“, also etwa ein Brennen der Kopfhaut, vor, während zum Beispiel Ohnmachtsgefühle häufiger in lateinamerikanischen Kulturen auftreten. Bei türkischen Patienten gibt es hingegen mehr Schmerzsymptome. Das kann man jedoch auch über die Deutschen sagen: Bei Rückenschmerzen geht die Schmerzwahrnehmung zum Beispiel häufig über das „normale“ Maß hinaus. Deswegen gibt es heute in fast jeder Stadt multiprofessionelle Schmerzambulanzen. Dort trifft man häufig Patienten, die über funktionelle oder funktionell überlagerte Beschwerden klagen.

MEDICA.de: Merken es die Patienten, wenn sie in eine solche Ambulanz kommen, dass sie speziell behandelt werden, oder geschieht dies quasi im Verborgenen?

Erim: Nein, das kann nicht im Verborgenen ablaufen, denn wenn man funktionelle Beschwerden behandelt, etwa als Psychosomatiker, dann beginnt man meist zunächst mit einer Psychoedukation. Die Patienten werden also darüber informiert, wie zum Beispiel Schmerzen und die Schmerzwahrnehmung entstehen. Denn Schmerzen entstehen im Gehirn und somit letzten Endes in unserer Wahrnehmung. Diese Dinge müssen die Patienten lernen, damit sie zum Beispiel bestimmte Übungen machen können, die sie von den Schmerzen ablenken können.

Das Interview führte Simone Ernst.
MEDICA.de

 
 

Quelle:

1: Gureje, O. (2004). What we can learn from a cross-national study of somatic distress? Journal of Psychosomatic Research, 56, 409-412

 
 

 
 

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