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„Man kann auf vielen verschiedenen Gebieten voneinander lernen"

„Man kann auf vielen verschiedenen Gebieten voneinander lernen"

Foto: Frau mit dunkelblondem Haar

Frau Doktor Inka Daniels-Haardt ist Koordinatorin des Projekts EurSafety Health-net und Fachbereichsleiterin des Landesinstituts für Gesundheit und Arbeit in NRW. Sie erklärte MEDICA.de wie ein solcher Wissens- und Erfahrungsaustausch bestmöglich funktionieren kann.

MEDICA.de: Frau Doktor Daniels-Haardt, nosokomiale Infektionen, die Ansteckungen mit multiresistenten Erregern wie MRSA, sind ein großer Risiko- und Kostenfaktor in Krankenhäusern weltweit. Das EurSafety Health-net arbeitet gerade daran, die Zahl der Erkrankungen in der medizinischen Versorgung deutlich zu senken. Welche Aufgabe übernehmen Sie in diesem Projekt?

Inka Daniels-Haardt: In diesem Projekt arbeite ich als Koordinatorin und beteilige mich beispielsweise an der Planung und Steuerung des Gesamtprojektes und an Diskussionen darüber, welche Aktivitäten wir unternehmen, welche Untersuchungen und wissenschaftlichen Studien wir durchführen. Meine Hauptaufgabe ist es aber auch, ein sogenanntes workpackage „für die Zusammenarbeit der Öffentlichen Gesundheitsdienste (ÖGD) in Deutschland und des GGD auf niederländischer Seite, zu leiten. Wir versuchen dabei, die Partner auf beiden Seiten zusammenzuführen, damit sie in verschiedenen Projekten zusammenarbeiten können. Ich bin sozusagen Leiterin eines Arbeitspaketes, einem Querschnittsworkpackage, in Zusammenarbeit mit den öffentlichen Gesundheitsdiensten. Wir arbeiten dabei mit allen regionalen Partnern aus den beteiligten Euregio-Regionen zusammen.

MEDICA.de: Welche Partner nehmen an dem Projekt teil?

Daniels-Haardt: Das ist unterschiedlich. In meinem Workpackage ist der primäre Ansprechpartner der öffentliche Gesundheitsdienst. Wir arbeiten mit allen Akteuren zusammen, die an der Gesundheitsversorgung in irgendeiner Weise beteiligt sind, das sind Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte, Labore, Pflegeheime, ambulante Pflegedienste und Patientenorganisationen.

MEDICA.de: Das EurSafety Health-net arbeitet in erster Linie binational. Es ist ein Austausch zwischen verschiedenen Gesundheitsakteuren in Deutschland und den Niederlanden. Wie gestaltet sich diese Zusammenarbeit?

Daniels-Haardt: In der Anfangsphase haben wir zunächst nach Ansprechpartnern gesucht, nach Personen auf beiden Seiten der Grenze, die Interesse haben, an diesem Projekt mitzuarbeiten. Dann laden wir die Akteure zu sogenannten „Runden Tischen“, also Treffen der verschiedenen Regionen, der regionale Netzwerke oder „EurQ- Health“-Regionen, zu entsprechenden Themen und zu Fortbildungsveranstaltungen oder auch zum Anstoßen gemeinsamer Projekte, ein. Es gibt viele unterschiedliche Aktivitäten der einzelnen Euregio-Regionen, die wir durchführen. Der Gesamtüberblick ist auf unserer Homepage EurSafety Health-net zu finden. So gibt es zum Beispiel das Projekt „Schmuddelfritze“ auf deutscher und niederländischer Seite. Hier geht es darum, das Thema Hygiene bereits in der Schule zu fördern und Kinder zum Händewaschen anzuleiten und zu sensibilisieren. Momentan arbeiten wir auch an einem euregionalen Bericht über sexuell übertragbare Krankheiten, das ist ein wichtiges Thema. Wir analysieren gerade, wie im Grenzbereich mit diesen Erkrankungen umgegangen wird und welche Daten dafür schon zur Verfügung stehen.

MEDICA.de: Mit welchen akuten Hygiene-Problemen befassen Sie sich derzeit?

Daniels-Haardt: Es gibt immer wieder viele akute Probleme, eines folgt auf das andere. Vor einigen Monaten hatten die niederländischen Partner zum Beispiel große Probleme mit der Kuhfieber-Erkrankung bei Ziegen und Menschen. Hierzu haben wir viele intensive Diskussionen mit allen Teilnehmern geführt, denn in Deutschland haben wir damit bisher wenige Probleme gehabt. Somit war es für alle Akteure interessant, über die Landesgrenze hinweg zu schauen, wie in beiden Ländern mit der Situation umgegangen wird. Vor kurzem hatten wir eine große Anzahl an EHEC-Infektionen in Deutschland, das war ein extrem großes Problem, besonders für die Krankenhäuser. Die niederländischen Partner haben in der Zeit hinterfragt, ob die Maßnahmen, die in Deutschland umgesetzt werden, sinnvoll sind. Während dieser Zeit war es wichtig, die niederländischen Teilnehmer, über die einzelnen Maßnahmen, die wir vor allem in Krankenhäusern ergriffen haben, dazu gehört auch der Austausch über konkrete Fälle, zu informieren und Einzelheiten zu besprechen. Von niederländischer Seite informierte man uns zum Beispiel über einen Fall: Ein Kind war positiv auf EHEC getestet worden und gab an zuvor in Deutschland einen Streichelzoo besucht zu haben. Solchen Informationen gehen wir sehr gezielt nach und überprüfen, ob es sich tatsächlich um eine Infektionsquelle handelt. Durch die Zusammenarbeit im Rahmen des EurSafety Health-nets können wir derartig konkrete Fälle besser zurückverfolgen und aufklären.

 
 

Foto: Grüne Männchen, die untereinander vernetzt sind

MEDICA.de: Hinter dem EurSafety Health-net Projekt steht die Europäische Union, die sich zur Aufgabe gemacht hat, allen EU-Bürgern mehr Mobilität in der Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. Welche Schlüsselprioritäten übernimmt dabei das binationale Netzwerk?

Daniels-Haardt: Im Fokus stehen die Patientensicherheit, die Verbesserung der Qualität der Gesundheitsversorgung in Bezug auf Infektionsschutz, besonders in Krankenhäusern. Damit möchten wir sicherstellen, dass die Patientenmobilität auf beiden Seiten der Grenze möglich und die Qualität, zum Beispiel der Krankenhäuser in Sachen Infektionsschutz, angeglichen wird. Eine der hohen Prioritäten in der EU-Gesundheitspolitik ist, die Mobilität über die Grenze hinaus sicher zu stellen. Wir möchten den Bürgern einen 360 Gradblick ermöglichen. Das bedeutet, dass Patienten zukünftig nicht nur auf nationaler Seite nach entsprechenden medizinischen Versorgungsmöglichkeiten suchen werden, sondern vielleicht auch das 20 km entfernte Schwerpunktzentrum im Nachbarland in Betracht ziehen, das sie optimal versorgen kann. Die grenzüberschreitende gesundheitliche Versorgung soll ohne Hindernisse ablaufen. MRSA, die Besiedlung mit multiresistenten Erregern, ist immer noch ein Hindernis, das in Deutschland vor allem in der Krankenhausversorgung viel häufiger vorkommt, als in den Niederlanden.

MEDICA.de: Warum bedarf die Eindämmung von MRSA einer europäischen, internationalen Zusammenarbeit?

Daniels-Haardt: Ich glaube, das gilt für alle Probleme in unserer ultramobilen Welt heutzutage. Die Grenzen verlaufen fließend – und vor allem Bakterien scheren sich nicht um Grenzen. Insofern ist es klar, dass man dieses Problem nicht isoliert betrachten darf, sondern nur in Zusammenarbeit mit den Partnern auf der anderen Seite der Grenze lösen kann. MRSA und multiresistente Erreger sind nicht nur ein deutschlandweites, sondern ein weltweites Problem. Gerade in Grenzregionen herrscht sehr viel Grenzverkehr, Personen arbeiten im jeweils anderen Land, landwirtschaftliche und andere Güter werden über das Grenzgebiet transportiert, deshalb ist es in den Euregios, in den grenznahen Gebieten Europas, wichtig, Hand in Hand zu arbeiten.

MEDICA.de: Inwieweit profitieren Deutschland und die Niederlande von dem gegenseitigen Erfahrungsaustausch?

Daniels-Haardt: Man kann auf vielen verschiedenen Gebieten voneinander lernen. Die Niederländer haben hinsichtlich MRSA schon sehr früh eine intensive Strategie verfolgt, sie nennt sich „search and destroy“. Bereits in den 80-er Jahren wurden die Krankenhauspatienten intensiv auf MRSA gescreent, saniert und es wurde eine konsequente Antibiotikapolitik betrieben. Die Ausbreitung von MRSA war insofern in niederländischen Krankenhäusern nie ein so akutes Problem, wie in Deutschland. Hier können wir von den Niederländern lernen. Wir haben diese Strategie in Deutschland etwas umbenannt und angepasst, sie läuft nun unter dem Namen „search and follow“. Das bedeutet, dass wir MRSA-Patienten auch außerhalb des Krankenhauses nach der Entlassung begleiten. Die Niederländer können aber auch von den deutschen Partnern lernen, zum Beispiel was den Austausch von diagnostischen Methoden betrifft. Das haben wir auch in unserem ersten Projekt MRSA-net intensiv verfolgt. Beide Seiten profitieren natürlich von einer Optimierung der Gesundheitsversorgung. Für die niederländischen Patienten ist ein weiterer Faktor enorm wichtig: Sie verfügen über ein knappes Angebot an Krankenhausbehandlungsplätzen.

Es ist nicht selbstverständlich, eine Hüft- oder Bypass-Operation in einem niederländischen Krankenhaus sofort durchführen zu können. Vielmehr werden die Patienten auf eine Wartelisten gesetzt. Hier wäre es natürlich schön, wenn diese Patienten ohne Wartezeiten direkt in Deutschland operiert werden könnten. Das gelingt vor allem dadurch, dass wir die Hygiene- und Qualitätsstandards auf beiden Seiten entsprechend anpassen.

MEDICA.de: Skandinavien ist neben den Niederlanden auch bekannt für eine geringe Infektionsrate in Krankenhäusern. Werden hier ähnliche Strategien wie in den Niederlanden angewandt?

Daniels-Haardt: Die skandinavischen Länder haben auch sehr früh und konsequent eine restriktive Antibiotikapolitik betrieben. Sie haben sehr genau überprüft, welche Antibiotika verschrieben werden, ein gutes Surveillance-System eingeführt, ein Monitoring des Antibiotikaverbrauchs aufgebaut und außerdem Schulungen für Ärzte und Pflegepersonal eingeführt. Außerdem haben sie eine gute Zusammenarbeit mit veterinärmedizinischen Experten begonnen. Das ist ein ganzes Maßnahmenpaket, das diese Länder sehr früh umgesetzt haben und dadurch die Infektionsrate kontrollieren konnten.

 
 
Foto: Zwei Hände während eines Desinfektionsprozesses 
Fortbildungen und Schulungen des Klinikpersonals sind wichtige Schwerpunkte, um für das Thema Antibiotikaresistenzen zu sensibilisieren; © panthermedia.net / Piotr Marcinski

MEDICA.de: Sie haben in einem ersten Projekt, dem MRSA-net, schon erste Erfahrungen über Hygienestandards gesammelt, jetzt sind diese in das größer angelegte Euregio-Projekt integriert worden– welches Ziel verfolgt nun das EurSafetyHeath-net Projekt und wie soll es erreicht werden?

Daniels-Haardt: Wir haben in dem Vorläufer-Euregio Projekt bereits viele Erfahrungen gesammelt. Allerdings war es im Vergleich zum EurSafety-Projekt ein deutlich kleineres Projekt. Wir arbeiten jetzt an einem großen Projekt, in dem mehrere Euregio-Regionen zusammengefasst sind. Bereits im ersten Projekt lernten wir viel über Vernetzung, über intersektorale Zusammenarbeit und die Implementierung von Hygiene-Empfehlungen in die Praxis. Im Grunde werden diese Erfahrungen, die wir im MRSA-net angestoßen haben, weitergeführt. Viele Elemente aus dem MRSA-net finden sich im EurSafety-Projekt wieder, zum Beispiel verfolgen wir das Thema Qualitätssiegel für Krankenhäuser weiter. Wir haben vor kurzer Zeit ein Folgequalitätssiegel für Krankenhäuser vergeben, die schon an dem ersten Projekt teilgenommen und entsprechende Hygienevorschriften umgesetzt haben. Das ist ein kontinuierlicher Prozess.

Ein weiterer Schwerpunktbereich ist das Thema Fortbildung und Schulung, dass wir intensiv betreiben und auch hinsichtlich des Themas Antibiotikaresistenzen erweitert haben. Zusätzlich bieten wir verschiedene Schwerpunktexpertenthemen an, die wir in das Projekt einbauen. Dazu gehören Themen wie „burden of disease“, also wie man mit der Krankheitslast umgeht, ökonomische Fragestellungen, die Erstellung einer Telematikplattform, Informationen zu Antibiotikaverbrauchsdaten und der Ausbau von Datenbanken. Wir verfolgen somit ein erweitertes Ziel: Wir möchten nicht nur die MRSA-Raten in Krankenhäusern oder anderen medizinischen Einrichtungen verringern, sondern die Menschen in den Euregio-Regionen durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit umfassend vor Infektionen schützen.

MEDICA.de: Gewährleisten die deutschen Hygiene-Richtlinien bereits einen umfassenden Schutz oder sind sie reformbedürftig?

Daniels-Haardt: Wir haben in Deutschland kein Richtlinienproblem, das haben wir bereits während des ersten Projekts MRSA-net festgestellt. Es gibt hervorragende Richtlinien. Seit 1999 empfiehlt das Robert-Koch-Institut Maßnahmen zur Bekämpfung von MRSA, die mit einigen Modifikationen immer noch gültig sind. Die Frage war nur: Warum werden diese Empfehlungen nicht umgesetzt? Das war der Ansatzpunkt des Projekts und er gilt auch weiterhin. Wir haben ein Umsetzungsproblem. In der DART, der deutschen Antibiotikaresistenzstrategie, wurde dies auf den Punkt gebracht, indem viele Aktionen zur Umsetzung der Richtlinien, die wir schon haben, angestoßen worden sind. Es kann allerdings immer bestimmte Punkte geben, die einer Gesetzesänderung bedürfen. Aktuell wird gerade die Änderung des Infektionsschutzgesetzes auf den Weg gebracht, die zukünftig Hygienerichtlinien verbindlicher regelt. Letzten Endes geht es aber darum, wie im einzelnen Krankenhaus, in der einzelnen Arztpraxis die Regelungen umgesetzt werden. Das gelingt nur, wenn alle Akteure diese Maßnahmen verinnerlichen und mittragen.

MEDICA.de: Welche Entwicklungen lassen sich hinsichtlich der MRSA-Infektionen international feststellen?

Daniels-Haardt: Betrachtet man die Statistiken, dann ist MRSA immer noch der wichtigste multiresistente Erreger, obwohl auch die Resistenzen von gramnegativen Erregern in der letzten Zeit stark zugenommen haben. Der letzte Jahresbericht des European Center for Disease Prevention and Control (ECDC) gibt circa 170.000 MRSA-Infektionen, circa 5000 Todesfälle durch MRSA und circa eine Million zusätzliche Krankenhaustage für Europa an. Das ist eine erhebliche Anzahl. Aus den USA und Australien ist bekannt, dass die sogenannten „community acquired“ oder „non-hospital“ MRSA-Infektionen, die nicht im Krankenhaus, sondern in der Gemeinschaft übertragen werden, große Probleme bereiten. Besonders die Haut- und Weichteilinfektionen durch diese Erreger nehmen weiter zu. International gesehen gibt es für MRSA und die andere multiresistente Erreger keine Entwarnung.

MEDICA.de: Welche Möglichkeiten gibt es denn, diese Entwicklungen weltweit langfristig zu stoppen?

Daniels-Haardt: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat dieses Thema auf dem letzten Weltgesundheitstag im April in den Mittelpunkt gestellt. Die WHO stellte hierzu ein Sechs-Punkte-Programm auf, das viele Themen enthält, die sich auch im EurSafety Health-net wiederfindet. An allererster Stelle steht eine rationale und restriktive Antibiotikatherapie, d.h. sicherstellen, dass Antibiotika nur dort eingesetzt werden, wo es sinnvoll ist –z.B. nicht zur Behandlung von Virusinfektionen- und dass das richtige Antibiotikum eingesetzt wird. Ein anderer Punkt ist die intensive Surveillance, das bedeutet: die Verbrauchsdaten von Antibiotika kennen und über die Resistenzraten informiert sein. Dafür braucht man entsprechende mikrobiologische Laborkapazitäten. Dann ist wichtig, die Infektionsschutzmaßnahmen wirklich konsequent umzusetzen. Antibiotika sind natürlich der Motor der Entstehung, aber bei der weiteren Verbreitung ist auch die Hygiene im Krankenhaus gefragt, um zu verhindern, dass die Erreger von einem Patienten zum anderen übertragen werden. Die intersektorale Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Institutionen, ist auch sehr wichtig. Außerdem muss die Entwicklung neuer Antibiotika gefördert werden, denn hier stagniert die Forschung und wir müssen damit rechnen, dass wir in der nächsten Zeit keine neuen Medikamente einsetzen können.

Das Interview führte Diana Posth
MEDICA.de

 
 

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